Ökonomen-Serie Der Gesellschaftskritiker

Sascha Münnich ist viel herumgekommen - aber seinen Wurzeln als Wirtschaftssoziologe blieb er treu: Der Erfolg eines Systems hänge davon ab, wie es den Verlierern geht. Der Kapitalismus hat Defizite.

Von Markus Zydra

Sascha Münnich hat es auf die ganz großen Fragen abgesehen. Das merkt man, wenn der Wirtschaftssoziologe von der "granularen Verpaperisierung der Wissenschaften" spricht, wo in sehr vielen wissenschaftlichen Papieren viel zu häufig die kleinen Rätsel in aller Ausführlichkeit analysiert würden. Dann doch lieber über den Kapitalismus nachdenken, der, so weiß man spätestens nach den Erfahrungen mit der großen Finanzkrise 2008, noch nicht zu Ende gedacht ist. Den Kapitalismus verstehen - drunter geht es nicht? Münnich lacht: "Ja, geht es nicht."

Münnich, Jahrgang 1977, ist viel herumgekommen. Student in Göttingen, dann Doktorand und Postdoc am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Promotion an der Universität zu Köln, dazwischen zweimal an der amerikanischen Elite-Universität Harvard. Nun also wieder die Uni Göttingen: Zimmernummer 0.114. Den Raum, der jetzt sein Büro ist, kennt er noch aus der Studentenzeit. "Dort", er zeigt auf die Stelle, an der sein Schreibtisch steht, "habe ich damals immer meine Seminarscheine abgeholt." Der kräftige Münnich kocht zwei Tassen Kaffee. Er trägt einen braunen Pulli über dem weißen Hemd. Der Spitzbart und die langen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haare belegen jedem, der voreingenommen genug ist, dass Münnich ein Soziologe sein muss.

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Aber nicht nur. Auf der Bühne in Konzerthallen trägt Münnich viel farbenfrohere Kleidung, dort wirkt er auch wilder. Wer sich einen Konzertmitschnitt seiner Band im Internet auf Youtube anschaut und hört wie ergreifend Münnich "Georgia on my mind" singt, der wird ein wenig neidisch: Das kann er also auch noch. Die Musik ist für ihn Passion und zweites berufliches Standbein in einem. Er singt in mehreren Bands.

Münnich muss kämpfen, wie viele Akademiker heutzutage. Auf dem Namensschild zu seinem Büro steht zwar Professor, doch da hat jemand einfach das "Junior" im Titel unterschlagen. Diese sechs Buchstaben markieren den feinen Unterschied zwischen sicherer Verbeamtung und prekärem Zeitvertrag.

Für den Soziologen Max Weber war die Legitimität einer Wirtschaftsordnung stets daran geknüpft, wie es den Verlierern - und nicht den Gewinnern - geht. Das ist der Ausgangspunkt für Münnichs Forschung. Im Jahr 2008, damals war er Doktorand, hörte er genau hin, wie die globale Finanzkrise die Debatten beherrschte. Die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers machte die Anfälligkeit des Finanzsystems sichtbar. Alle und alles hingen miteinander zusammen. Die Pleite des einen gefährdet das Überleben aller. Der Kapitalismus, das System, das den Sozialismus ausgestochen hatte, wurde nun selbst infrage gestellt. Münnich war ergriffen. Er wollte etwas beitragen zur Lösung der Probleme, auch als Soziologe. Oder besser: Gerade als Soziologe, die mitunter bessere Antworten geben könnten als die Ökonomen, sagt er.

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"Ich war perplex über die Holzschnittartigkeit der politischen Debatte damals. Es war ein Moment der Orientierungslosigkeit, man wusste nicht: Wo hört der böse Kapitalismus auf, und wo fängt der gute an?" Münnich merkte aber auch schnell, dass die Grundsatzfragen, die ihn faszinierten, in der Politik bald keine Rolle mehr spielten. Das System arrangierte sich, andere Themen wurden wichtig. "Als die Probleme in Griechenland 2010 offenbar wurden, da war es vorbei mit den grundsätzlichen Debatten. Plötzlich ging es nur noch darum, welcher Staat seine Hausaufgaben richtig macht", sagt er.

Doch Münnich blieb dran an den Dingen, die ihn interessieren. Wie legitim ist Profit, was sind die Gründe der ungerechten Verteilung, wann beginnen Gesellschaften sich aufzulehnen gegen das System? Münnich geht empirisch vor. Er untersucht, wie Gesellschaften diese Fragen früher beantwortet haben und welche Folgen das für die damaligen und heutigen kapitalistischen Gesellschaften hatte und hat. "Wenn wir einmal Aufstände erleben aufgrund von Legitimationszusammenbrüchen, dann vermutlich nicht unter linken sondern unter rechten Vorzeichen", sagt Münnich. Er geht davon aus, dass die meisten Menschen den Kapitalismus behalten wollen: "Sie spüren zwar, dass der soziale Zusammenhalt gefährdet ist, aber die wenigsten denken, das habe mit dem Marktsystem zu tun."

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Für Münnich hingegen ist der Kapitalismus eine defizitäre Gesellschaftsformation. "Um den Kapitalismus so wirken zu lassen, dass er sich selbst reguliert, muss man bereit sein, die gesamte Gesellschaft jederzeit an die Produktion anzupassen", sagt der Wirtschaftssoziologe. Doch man könne den Kohlekumpel eben nicht hoppla-hopp als Erzieher einsetzen. "Diese Inflexibilität ist das Grundproblem. Der Kapitalismus erzeugt immer Formen der Dynamik, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden."

Was tun? Münnich sagt, der Kapitalismus in dieser Form könne nur funktionieren, wenn genug Wachstum da sei, um alle zu befrieden. Doch das Wachstum gehe zurück, es gebe kein neues Modell. "Die Politik sollte die Debatte führen: Wie viel Wachstum wollen wir, wie viel ist realistisch und was bedeutet das für uns, wenn es nicht mehr in ausreichendem Maße erreicht werden kann?", fragt Münnich. Er kritisiert die Politik. Wenn Amtsträger von Alternativlosigkeit sprechen, hält er das für falsch. Gerade beim Thema Sparen. "Der Staat mauert sich ein, indem er sagt, er müsse sparen und könne nichts tun. Dann entsteht der Effekt, auf den viele Liberale setzen, dass der Staat kaputt wirkt, weil er nicht mehr handlungsfähig ist", sagt Münnich. Er befürchtet eine Negativspirale. "Denn selbst wenn der Staat etwas tun möchte, dann heißt es immer, dafür fehle das Geld. So wird die Legitimität des Staates immer mehr untergraben."

Zwei Lieblingsbücher

"The Time of Our Singing" von Richard Powers ist Sascha Münnichs erster Tipp: "Ein mitreißend und dicht geschriebener Roman, der die Geschichte der Rassenbeziehungen in den USA mit einer beeindruckenden literarischen Verarbeitung der Musikgeschichte und der Naturwissenschaften verbindet."

Sehr lesenswert fand er auch "Austerity. History of a Dangerous Idea" von Mark Blyth. Der Autor setzt sich mit dem Mythos der erfolgreichen Sparpolitik auseinander. Zugleich liefert er eine kritische Analyse der Finanz-, Fiskal- und Geldpolitik der europäischen Länder in denvergangenen zwanzig Jahren.

"Der Markt ist keine gesellschaftliche Ordnung, die zusammenhält."

Den Linken rät der schon in seiner Jugend politisch links geprägte Forscher: "Soziale Gerechtigkeit ist eine Chimäre, das ist viel zu abstrakt. Man muss über Freiheit reden und die Pflicht des Staates, jedem einzelnen, etwa durch Bildung, die Chance zu geben, diese Freiheit zu leben."

Für Münnich waren die liberalen Finanzmärkte in der Rückschau ein Problem - aber nicht das Problem. "Die Deregulierung in den 1980er-Jahren hatte viel mit den Überschüssen aus der Exportwirtschaft und der Wachstumskrise im Westen zu tun", sagt der Wissenschaftler. Der Finanzmarkt sollte entwicklungspolitisch eine Rolle spielen, um die Entwicklungsländer für Investitionen zu öffnen. "Zu fragen, wer der eine problematische Akteur ist, das wäre zu einfach. Die Finanzkrise hatte viele Ursachen."

Für Münnich ist das Marktsystem durchaus sinnvoll, und zwar dort, wo man die Freiheit zum Handel nutzen und Ideen unternehmerisch ausleben möchte. "Der Markt ist aber keine gesellschaftliche Ordnung, die zusammenhält. Doch die politischen Institutionen kommen nicht mehr hinterher, diesen Zusammenhalt zu gewährleisten", bemängelt er.

Münnich, der zwei kleine Kinder hat, wirkt zum Ende des Gesprächs ein wenig nachdenklich, denn die Zwänge des Kapitalismus als "defizitäre Gesellschaftsform", wie er es nannte, spürt er selbst hautnah: "Man weiß nie, wie es weitergeht. Ich habe mit 38 Jahren noch nie einen unbefristeten Vertrag gehabt", sagt Münnich. Der aktuelle Vertrag an der Uni Göttingen laufe vier Jahre. Danach sei Schluss: "Entweder ich werde ordentlicher Professor oder ich verlasse die Universität."