Von Uwe Ritzer

Fast ein Jahrzehnt lief es rund, doch jetzt stagniert der Umsatz: Die Ökobranche sucht neue Wachstumsmöglichkeiten - auch, weil manche Anbieter dreist abkassierten.

Der Bio-Boom ist vorbei - vorerst zumindest. Nach fast einem Jahrzehnt mit Wachstumsraten von 15 Prozent und mehr stagnierte 2009 der Umsatz mit Bio-Produkten erstmals bei 5,8 Milliarden Euro. Schuld daran sind der wachsende Preisdruck im Lebensmittelsektor und vor allem die Wirtschaftskrise.

Bioprodukte, Foto: ddp

Für die Bio-Branche war 2009 ein enttäuschendes Jahr: Erstmals seit zehn Jahren stagnierte der Umsatz. (© Foto: ddp)

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Letztere droht Bio zu einer elitären Angelegenheit zu machen. Denn Verbraucher, die weniger Geld in der Tasche haben oder um ihre wirtschaftliche Zukunft bangen, greifen wieder verstärkt zu billigeren Lebensmitteln aus konventioneller Produktion.

Fast jeder Bundesbürger kauft einer neuen Studie des Marktforschungsunternehmens GfK zufolge mindestens einmal pro Jahr ein Bio-Produkt. Doch die Hälfte ihres Umsatzes erwirtschaftet die Branche mit nur wenigen sogenannten "Intensivkäufern". Sie machen lediglich sechs Prozent aller Haushalte aus.

Meist sind es gut situierte Verbraucher, die sich um Folgen der Wirtschaftskrise wie Jobverlust oder Einkommenseinbußen nicht sorgen müssen. Diese Zielgruppe für Bio-Produkte sei "im wesentlichen stabil", sagte GfK-Konsumforscher Wolfgang Adlwarth vor der am Mittwoch in Nürnberg beginnenden weltgrößten Ökomesse Bio-Fach.

Für Gesprächsstoff unter den gut 2500 Ausstellern aus 84 Ländern und mutmaßlich 46.000 Fachbesuchern ist reichlich gesorgt, denn die Branche steht vor gravierenden Veränderungen. Ging es in den vergangenen Jahren vor allem darum, die rasant wachsende Nachfrage zu befriedigen, beherrscht nun zunehmend die Frage nach den Hintergründen die Debatten. "Eine wachsende Zahl von Kunden hinterfragt heute die Entstehungsprozesse der Produkte, die in ihren Einkaufskörben landen", sagt Udo Funke, Projektleiter der Bio Fach.

Verbraucher werden kritischer

Unter welchen sozialen Bedingungen die Rohstoffe gewonnen wurden, woher die Ware kommt und über welche Distanzen sie befördert wurde spielt eine zunehmende Rolle. Auch fragen immer mehr Verbraucher kritisch nach der Zuverlässigkeit von Kontrollen und Öko-Siegeln.

Die diesjährige Bio-Fach wolle dahingehend ein Zeichen setzen, dass die Produkte nicht nur biologisch, sondern auch nach den Kriterien des fairen Handels und des Klimaschutzes einwandfrei sein müssten, sagt Nürnbergs Messechef Bernd Diederichs.

Doch auch über den schnöden Mammon wird in den vier Messetagen zu reden sein. Durchschnittlich ist Bio-Ware laut GfK-Studie um 75 Prozent teurer als auf konventionelle Weise hergestellte Konkurrenzprodukte. Zuletzt konnten sich die Bio-Hersteller vor allem im Lebensmittelsektor dem Preisdruck nicht entziehen.

Nachfrage nach Bio-Kosmetik steigt

Was 2009 dazu führte, dass mengenmäßig zwar zwei Prozent mehr organisch erzeugte Lebensmittel verkauft wurden als im Vorjahr, damit aber ein Prozent weniger Umsatz erzielt wurde. Immerhin habe sich die Bio-Branche "damit deutlich besser entwickelt als der Lebensmitteleinzelhandel insgesamt", tröstet GfK-Experte Adlwarth.

Manche in der Öko-Branche haben die Preisschraube allerdings auch gewaltig überdreht. Bionade zum Beispiel. Jahrelang galt der Produzent des gleichnamigen Bio-Getränks aus der fränkischen Rhön als der Shooting-Star der Szene. Als man jedoch den Preis für die Öko-Brause auf einen Schlag um fast ein Drittel anhob, kostete das nicht nur Sympathien, sondern auch der Umsatz brach deutlich ein.

Durchschnittlich 84 Euro gibt ein Bundesbürger pro Jahr für Bio-Produkte aus. Erstaunlicherweise brach 2009 vor allem das Geschäft mit Frischware teilweise drastisch ein. Der Fachhandel konnte hingegen um 3,1 Prozent zulegen, nicht zuletzt dank verpackter Produkte im Sortiment. Die größten Zuwächse beim Marktanteil verzeichneten übrigens Lieferservices und Drogeriemärkte. Letztere profitieren unter anderem von der steigenden Nachfrage nach Naturkosmetik. Das Marktsegment legt entgegen dem sonstigen Trend weiter spürbar zu.

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(SZ vom 17.02.2010/jcb/mel)