Öko-Müdigkeit Die Biobranche schrumpft

Erstmals seit Jahren sinkt die Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln. Wissenschaftler sehen den Grund in der Wirtschaftskrise.

Von Silvia Liebrich

Dem rasanten Aufschwung folgt die Ernüchterung: Die erfolgsverwöhnte Biobranche muss den ersten herben Umsatzeinbruch seit Jahren hinnehmen. Von Januar bis Juli gaben die Deutschen vier Prozent weniger für Öko-Lebensmittel aus als vor einem Jahr. Das sagt eine aktuelle Analyse des Marktforschunginstitutes GfK Panel Services .

"Die Verbraucher zeigen eine gewissen Öko-Müdigkeit. Ein konstanter Biokonsum ist derzeit nicht zu erkennen", sagte GfK-Experte Helmut Hübsch am Dienstag. Ein weiterer Rückgang sei zu erwarten, schließlich sei die Wirtschaftskrise bei vielen Konsumenten noch gar nicht angekommen.

Grundlage der GfK-Analyse ist eine repräsentative Untersuchung, in der 30000 Haushalte über ihre Konsumausgaben Auskunft gaben, unter anderem auch zu Einkäufen von Bioprodukten.

Wende zeichnete sich bereits 2008 ab

Die Öko-Branche erlebt damit ihre erste schwere Krise. Noch im vergangenen Jahr erzielte sie mit knapp sechs Milliarden Euro Umsatz ihr bislang bestes Ergebnis. Am gesamten Lebensmittelmarkt kam das Biosegment damit auf einen Anteil von knapp fünf Prozent.

Doch schon damals zeichnete sich eine Wende ab: Das Wachstumstempo verlangsamte sich. Mit einem Plus von zehn Prozent wuchs der Umsatz weniger stark als in den Vorjahren. Vor allem Käse und Brot ließen die Käufer häufiger im Bioregal liegen, auch der Absatz von Öko-Gemüse ging leicht zurück. Dieses Minus wurde damals nach Angaben der inzwischen aufgelösten Zentrale Markt- und Preisberichtstelle ZMP aber durch höhere Verkaufszahlen von Fleisch, Wurst und Eiern wettgemacht.

In der Biobranche selbst stoßen die von der GfK erhoben Daten allerdings auf Skepsis. "Dies deckt sich nicht mit den Zahlen, die uns vorliegen", sagte Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW).

Mehrere Faktoren

Rückmeldungen aus dem Biogroßhandel zeigten nach seinen Worten, dass die Umsätze zwar im ersten Quartal leicht sanken, im zweiten Quartal aber wieder zulegten. Trotzdem rechnet auch er mit negativen Auswirkungen. "Mich würde es wundern, wenn sich die Wirtschaftskrise nicht auch in der Biobranche bemerkbar macht."

Dass der Umsatz mit Lebensmitteln - egal ob biologisch oder herkömmlich erzeugt - gesunken ist, gilt inzwischen als sicher. Diesen Trend bestätigen auch die am Montag vorgelegten Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Im ersten Halbjahr sank demnach der Umsatz mit Nahrungsmitteln um 2,4 Prozent. Liegt die GfK mit ihren Zahlen richtig, fällt das Minus der Öko-Branche mit vier Prozent im Vergleich zum Gesamtmarkt jedoch deutlich höher aus.

Eine eindeutige Begründung für diesen Einbruch gibt es derzeit laut Hübsch von der GfK nicht. Er vermutet, dass gleich mehrere Faktoren eine Rolle spielen. So seien die Preise für konventionelle Lebensmittel in den vergangenen Monaten stärker gefallen als die vieler Bioprodukte. Was möglicherweise für einige Konsumenten Anreiz genug sei, wieder auf herkömmlich erzeugte Lebensmittel umzusteigen, zumal viele Haushalte angesichts der Wirtschaftskrise insgesamt weniger Geld für Essen und Trinken ausgeben.

Oft nicht unbedingt besser

Eine wichtige Rolle dürften jedoch auch Berichte spielen, die die Qualität von Öko-Produkten kritisch beleuchten. So stellte die Stiftung Warentest wiederholt fest, dass Bioprodukte zwar teurer, oft aber nicht unbedingt besser sein müssen. Eine Auswertung von 54 Lebensmitteltests von 2002 bis 2007 zeigte beispielsweise, dass 30 Prozent der untersuchten Öko-Produkte mit dem Urteil "ausreichend" oder gar "mangelhaft" belegt wurden, weil sie mit Keimen belastet waren oder in Geschmack und Konsistenz schlecht abschnitten.

Umstritten ist auch, ob Bioprodukte tatsächlich gesünder sind als herkömmlich erzeugte. Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie des Londoner Institutes für Hygiene und Tropenmedizin zweifelt dies zumindest an. Demzufolge unterscheidet sich der Nährstoffgehalt von Öko- und Standard-Lebensmitteln kaum.

Die Studie hat jedoch nach Einschätzungen von Experten eine entscheidende Schwäche. Sie untersuchte nicht die Belastung der Produkte mit gesundheitsschädlichen Schwermetallen oder Pestiziden, ein Punkt, in dem Bioprodukte in der Regel deutlich besser abschneiden, als herkömmlich erzeugte und der als eines der wichtigsten Argumente für den Bioanbau überhaupt gilt.