OECD-Studie Was von 100 Euro bleibt

Arbeiter und Angestellte werden in Deutschland so stark mit Steuern und Sozialabgaben belastet wie in kaum einem anderen Industrieland. Unternehmer dagegen haben nicht viel Grund zur Klage.

Von Cerstin Gammelin, Berlin

Wer kennt sie nicht, die Warnung der deutschen Arbeitgeber vor zu hohen Arbeitskosten, wegen steigender Sozialabgaben etwa. Zuletzt war sie zu hören, als die Regierungsparteien die Rückkehr zur paritätischen Zahlung der Beiträge zur gesetzlichen Krankenkasse im Koalitionsvertrag vereinbart hatten. Mit jedem Prozentpunkt, den sie mehr zahlen sollen, sehen Unternehmer ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet. Nun bescheinigt ausgerechnet die Organisation der Industrieländer OECD deutschen Arbeitgebern einen gewissen Hang zur Übertreibung. Unternehmer in Deutschland werden im weltweiten Vergleich der Industrieländer durch Sozialabgaben eher weniger belastet, schreiben die Ökonomen der OECD.

Der Studie zufolge zahlen Arbeitgeber in Deutschland sogar einen vergleichsweise geringen Anteil an Sozialabgaben. Am höchsten belastet werden die französischen Arbeitgeber, die 26 Prozent der Arbeitskosten in soziale Sicherungssysteme abführen müssen. In neun weiteren Ländern liegen die Sozialbeiträge für Arbeitgeber bei mehr als 20 Prozent: in Österreich, Belgien, Italien, der Slowakei, Spanien und Schweden. Unternehmer in Deutschland liegen unter dieser Marke.

Die Beschäftigten in Deutschland tragen im internationalen Vergleich eine enorme Abgabenlast. Das gilt besonders für kinderlose Alleinstehende, stellte die OECD in ihrer jüngsten Studie fest.

(Foto: Thomas Imo/photothek/imago)

Die OECD untersucht jedes Jahr, wie hoch Einkommen in den 35 Mitgliedsländern mit Steuern und Sozialabgaben belastet werden. Die OECD will damit vergleichbar machen, wie groß jeweils der staatliche Anteil an den Arbeitskosten ist. Daraus lassen sich Schlussfolgerungen auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen sowie auf die Lebensqualität in den Ländern ziehen. Die an diesem Donnerstag veröffentlichten Untersuchungen beziehen sich auf die Jahre 2016 und 2017.

Nur in Belgien haben die Beschäftigten noch weniger Geld übrig

Danach sind in Deutschland im vergangenen Jahr Steuern und Sozialabgaben auf Arbeitseinkommen leicht gestiegen, während sie in den anderen Ländern im Durchschnitt etwas zurückgegangen sind. Wegen des hohen Anteils der Abgaben für Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung sind vor allem die Bezüge von Geringverdienern und Alleinerziehenden vergleichsweise stark belastet. Die Bundesrepublik gehört allerdings schon seit Jahren zur Spitzengruppe der Länder mit der höchsten Abgabenlast. In kaum einem der wohlhabenden Industrieländer wird Arbeit so stark mit Steuern und Beiträgen zu Sozialversicherungen belastet wie hierzulande. Allerdings wird diese Last in Deutschland überdurchschnittlich von den Arbeitnehmern getragen.

Arbeiter und Angestellte müssen anderswo kaum so hohe Steuern und Sozialabgaben auf ihre Bruttoeinkommen zahlen wie in Deutschland - nur in Belgien ist die Last noch höher.

Wie hoch die Belastung ist, illustriert die OECD an einem einfachen Beispiel. Ein alleinstehender Arbeitnehmer mit Durchschnittseinkommen musste im vergangenen Jahr in Deutschland 39,9 Prozent seines Bruttolohnes an Steuern und Abgaben an die Sozialversicherungen abführen. Von 100 Euro verdientem Geld blieben ihm 60,10 Euro zum Ausgeben. Lediglich in Belgien haben die Beschäftigten noch weniger Geld übrig - nämlich 59,50 Euro.

Zum Vergleich: Im Durchschnitt mussten Arbeitnehmer in wohlhabenden Industriestaaten 2017 mit 25,5 Prozent etwas mehr als ein Viertel ihres Jahreslohns an Steuern und Sozialabgaben abführen. Ein durchschnittlicher Angestellter behält also von 100 Euro Lohn knapp 75 Euro in seiner Tasche.

Die OECD hatte ihren Schwerpunkt der diesjährigen Erhebung auf einen Vergleich der Einkommen von Arbeitnehmern mit und ohne Kinder gelegt. Das Ergebnis ist eine schlechte Nachricht: Bei allen untersuchten Familienvariationen bleibt die Last an Steuern und Abgaben in Deutschland auf Rekordniveau. Zwar sinkt die Quote bei Familien mit einem Verdiener und zwei Kindern, dem in Deutschland besonders geförderten Familienmodell, auf knapp über 20 Prozent des Bruttoeinkommens. Dieser Wert liegt immer noch über dem Durchschnitt in der OECD, zugleich aber weit niedriger als bei kinderlosen Alleinstehenden. Der Unterschied zwischen der Belastung für Singles und Familien ist laut OECD in Deutschland besonders groß.

Die Experten betonen, Deutschland sei nicht per se ein Hochsteuerland. Dass die Bundesrepublik ganz oben im Ranking stehe, liege vor allem an den Beiträgen für Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung, die im internationalen Vergleich sehr hoch sind.

Wie zu erwarten, meldeten sich die deutschen Arbeitgeber nach der Veröffentlichung der OECD-Daten mit einer Warnung und der dazugehörigen Handlungsaufforderung an die Bundesregierung zu Wort. Weiter steigende Sozialbeiträge erhöhten die Arbeitskosten und gefährdeten Wachstum und Beschäftigung in Deutschland, sagte Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Arbeitgeberverbände. Genau damit sei zu rechnen, wenn die Babyboomer in Rente gingen. "Ohne ein Gegensteuern der Politik, das die Demografiebombe entschärft, wird der Gesamtbeitragssatz zu den Sozialversicherungen dann rasch auf 50 Prozent zusteuern."