Nullzins 2016, das Jahr in dem die Banken starben

Banken, wie hier in Frankfurt, wollen das Geld großer Kunden derzeit gar nicht bunkern, weil sie dafür selbst zahlen.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Mehr als tausend Orte haben 2016 ihre Bankfiliale verloren. Gerade für ältere Kunden ist das dramatisch, denn der Weg zum nächsten Berater wird auch in Zukunft immer weiter werden.

Von Harald Freiberger, Bruck in der Oberpfalz

Dialoge wie diesen wird es hier bald nicht mehr geben. "Ja, der Herr Schmöllinger, grüße Sie", sagt Sparkassenfachwirt Norbert Grünauer zu seinem Kunden. "Wie geht's denn immer?" "Gut", antwortet der vielleicht 70-jährige Herr Schmöllinger, der anders heißt, "ich möcht' ja hundert Jahre alt werden." Grünauer lacht und sagt: "Ja, ja, ja, da haben wir ja eh schon oft drüber geredet."

Der Dialog spielt sich an einem kalten, nebligen Dezember-Donnerstag in der Filiale der Sparkasse in Pettendorf ab, einem 3000-Einwohner-Ort wenige Kilometer nördlich von Regensburg. Filialleiter Grünauer kennt seine Kunden, man hat ja eh schon oft miteinander geredet. Viel Gelegenheit dazu wird es aber nicht mehr geben, die Filiale in Pettendorf sperrt bald zu. Sie ist eine der 17 Niederlassungen, deren Schließung die Sparkasse Regensburg im Frühjahr verkündete. 17 von 49 Filialen, vier in der Stadt, 13 in umliegenden Gemeinden mit Namen wie Thalmassing, Eggmühl, Wiesent und Hainsacker. Wo es keinen Zins mehr gibt, braucht man auch keine Bank, oder? Ist es so?

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Selbst der Bürgermeister rät, zur Raiffeisenbank zu wechseln

Jede dritte Filiale fällt weg. Das Ausmaß des Abbaus bescherte der Sparkasse Schlagzeilen über die Region hinaus. Der Bürgermeister von Alteglofsheim, einer betroffenen Gemeinde, riet Kunden, zur konkurrierenden Raiffeisenbank zu gehen. Man muss dazu wissen, dass die Sparkassen den Kommunen gehören, also irgendwie auch dem Bürgermeister.

Dabei ist Regensburg keineswegs ein Extrem. Quer durch die Republik kündigten Banken den Abbau von Filialen an. In Dortmund schließt die Sparkasse 16 von 53 Zweigstellen, in Köln-Bonn sind es 22 von 106, in Mönchengladbach 15 von 38, in Nürnberg 25 von 93. Allein in Bayern sperrte 2016 jede zehnte Sparkassen-Niederlassung zu, macht rund 200 von 2200. Hochgerechnet auf die Republik verlieren mehr als 1000 Stadtteile, Märkte und Dörfer ihre Bank-Filiale, die zum Ortsbild gehörte. Zurück bleibt nur ein Geldautomat - und oft nicht einmal der.

Die Lage der Filialbanken hat sich drastisch verschlechtert

In und um Regensburg herum kann das Filialsterben aus der Nähe besichtigt werden. Franz-Xaver Lindl, 57, ist der Mann, der das alles hier zu verantworten hat. Seit 19 Jahren ist er Chef der Regensburger Sparkasse. Er hat sich gut gehalten, drahtig, volles Haar, graue Schläfen, modische Brille, Namensschild am Revers.

Dass der Schritt nicht einfach würde, war dem Bankchef klar: "Sie können sich vorstellen, wenn man jede dritte Filiale schließt, stößt das nicht überall auf Begeisterung." Er telefonierte mit Bürgermeistern, sie hätten Verständnis gezeigt. Öffentlich aber protestierten sie wütend, es ging ein Aufschrei durch die Region.

Jede dritte Filiale zu schließen, muss das sein? Hat er vorher versäumt, die eine oder andere unrentable Niederlassung zuzusperren? "Wir haben seit Bestehen immer wieder Filialen geschlossen - und neue eröffnet", sagt Lindl. Das sei ein kontinuierlicher Prozess, der in Wellen verlaufe.

Gerade schlagen die Wellen ziemlich hoch. Seit Ausbruch der Finanzkrise vor acht Jahren hat sich die Lage von Filialbanken drastisch verschlechtert. Die niedrigen Zinsen, mit denen die Europäische Zentralbank die Krise bekämpft, lassen die Gewinne schmelzen. Zudem haben Online-Institute den Filialbanken die Kundenbasis abgegraben. Der Kunde kommt im Durchschnitt nur noch einmal im Jahr an den Schalter, rechnen Bayerns Sparkassen vor.