Nuklearstrom Pannen und kein Ende

Risse und Zwischenfälle: Belgien hat Probleme mit seinen Atomkraftwerken. Dennoch sollen sie länger laufen.

Von Michael Bauchmüller und Alexander Mühlauer, Berlin/Brüssel

Still liegt das Kraftwerk Doel an der Schelde-Mündung. Antwerpen ist keine 20 Kilometer entfernt, die niederländische Grenze keine drei. Eigentlich soll die "Atomcentrale" Doel Strom erzeugen, doch zurzeit produziert sie vor allem eines: Schlagzeilen.

Am Wochenende ist der Grund für die Medienberichte offenbar ein Defekt an einer Turbine, die Block 1 des AKWs automatisch abschaltet. Aber es habe "keine Gefahr für das Personal, die Anwohner und die Umwelt" bestanden, beeilt sich ein Sprecher des Betreibers Electrabel zu erklären. So wie bei den Zwischenfällen im Nachbarblock 3, im anderen Atomkraftwerk Tihange und auch bei Rissen in beiden Meilern.

Nur: Die Häufung hat es in sich. Begonnen hat die jüngste Serie an Weihnachten. Block 3 der "Atomcentrale" Doel wurde am ersten Weihnachtstag vom Netz genommen, nachdem an einer Heißwasserleitung des Kraftwerks ein Leck entdeckt worden war - keine fünf Tage, nachdem der Block nach 21-monatiger Pause wieder ans Netz gegangen war. Auch im Kraftwerk Tihange, etwa 70 Kilometer westlich von Aachen, musste ein Reaktor nach einem Feuer im nicht-nuklearen Bereich automatisch abgeschaltet werden. Ein Mitarbeiter hatte einen Stromschlag erlitten und musste im Krankenhaus behandelt werden. Betreiber Electrabel teilte mit, dass der Brand rasch durch die Feuerwehr gelöscht wurde. Der Zwischenfall habe keine Auswirkungen auf Bevölkerung und Umwelt.

Dennoch demonstrierten im nahen Aachen etwa 1500 Menschen für die Stilllegung des Atomkraftwerks. Die grüne Bürgermeisterin der Stadt, Hilde Scheidt, forderte die Betreiber auf, den Reaktor vom Netz zu nehmen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) erklärte auf ihrer Facebook-Seite: "Wir sind besorgt, ob die erforderliche Reaktorsicherheit dieser Anlagen in vollem Umfang gewährleistet ist." Die Bevölkerung in den deutschen Grenzregionen sei "nicht von der Sicherheit der belgischen AKWs überzeugt".

Seit Jahren sorgen Belgiens Atomkraftwerke für Unruhe, auch bei den deutschen Nachbarn. Der Plan, die Laufzeit zu begrenzen, wurde verwässert.

(Foto: Olivier Hoslet/dpa)

Jenseits der Grenze liegen die Dinge anders. Belgien ist seit jeher massiv abhängig von den beiden Atomkraftwerken mit ihren sieben Blöcken. Bis zu zwei Drittel seines gesamten Strombedarfs bezog das Land in der Vergangenheit aus der Kernspaltung. Die Stromleitungen zu Nachbarstaaten sind nur mäßig ausgebaut, weswegen mit jedem dauerhaften Stillstand von Atomanlagen auch die Angst vor Blackouts wächst. Ungeachtet dessen verhängte die belgische Regierung im Jahr 2002 ein Verfallsdatum für die Anlagen - nach 40 Jahren Laufzeit sollten die Kraftwerke endgültig vom Netz gehen.

Für drei Blöcke, Tihange 1, Doel 1 und Doel 2, wäre damit schon 2015 Schluss endgültig gewesen. Wäre - denn mittlerweile will sich Belgien mit dem Ausstieg doch noch etwas mehr Zeit lassen. Für Tihange 1 hatte die Regierung schon 2012 zehn Extra-Jahre beschlossen. Diese Abschaltung vor Augen, verlängerte sie schließlich im vorigen Sommer auch die Lebenszeit der beiden älteren Doel-Blöcke bis 2025. Doel 1 lag da schon mehrere Monate still. So gesehen ereignete sich die Schnell-Abschaltung in dem Reaktorblock an der Schelde nun just drei Tage nach seiner erneuten Inbetriebnahme: Erst am 30. Dezember hatte Electrabel Doel 1 wieder hochgefahren.

Die schärfste Kritik kommt nach wie vor aus dem atomkritischen Nachbarland. "Welche Pannen müssen noch passieren?", fragt der Grünen-Energiepolitiker Oliver Krischer, der seinen Wahlkreis im Grenzland hat. "Was, wenn die nächste Panne nicht zur Notabschaltung, sondern zum Gau führt?" Eine Weile hatten die Kritiker sogar hoffen können, dass das Alter einigen der Reaktoren vorher den Rest gibt: Je ein Block in Doel und Tihange stand zuletzt monatelang still, nachdem Tausende Risse im Reaktordruckbehälter gefunden worden waren. Im November schließlich gab die belgische Atomaufsicht beide wieder frei. Prüfungen hätten ergeben, dass die Risse "kein inakzeptables Sicherheitsrisiko" darstellten.