NS-Geschichte "Unstatthafte Kompromisse"

Ein Historiker hat die Geschichte der Firma Freudenberg in der NS-Zeit recherchiert. Bei Testläufen für neue Materialien kamen im KZ Sachsenhausen Hunderte Häftlinge ums Leben.

Von Max Hägler, Weinheim

Auf jeder Runde rund um den Appellplatz, vorbei am Lagergalgen, konnten die Läufer wieder dieses zynische Motto lesen, das die SS da an die Baracken hatte pinseln lassen: "Es gibt einen Weg zur Freiheit! Seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterlande!" 40, 50, 60 Mal pro Tag kamen die Läufer an diesem Spruch vorbei. Die Männer vom Reichswirtschaftsministerium gaben das Tempo vor, bald sollten es 40 Kilometer am Tag sein.

Im KZ Sachsenhausen hatte die deutsche Schuhindustrie, darunter die Firma Freudenberg und mindestens 78 andere Firmen, eine "Schuhprüfstelle" einrichten lassen. KZ-Häftlinge sollten Sohlen und Materialien testen, auf Beton, Kies, Lehm; die 700 Meter lange Strecke war ein Abbild der damaligen Straßenverhältnisse. Was nüchtern klingt, war eine Tortur. "Hollari! Hollaro! Guck, die Haut hängt dir in Fetzen, guck, die Haut hängt dir in Fetzen. Aber eil dich, du musst wetzen!", so sangen einige Häftlinge damals. Drückende Schuhe, Wunden, infizierte Füße gehörten zum Alltag. Wer hinfiel, den schlugen die Aufseher, den erschlugen sie. "In Einzelfällen" überlebten Häftlinge bis zu sechs Monate, erklärte später der Leiter vom Reichswirtschaftsministerium, der selbst regelmäßig zulangte. Die meisten schafften die sechs Monate gar nicht.

Den Namen Freudenberg kennt kaum jemand, doch dahinter verbirgt sich ein gewaltiger Konzern in Familienhand mit mittlerweile 497 Tochterunternehmen - das bekannteste Produkt aus dem reichhaltigen Sortiment: Vileda, die Putztücher. Dazu gibt es medizinische Stents, Dichtungen für Autos und Ölpipelines, Puffer für Züge. Freudenberg hat Expertise in allem, was aus Kunststoff ist und damit verbunden werden soll; geführt wird das Unternehmen mittlerweile von einem aus dem Iran geflohenen US-Amerikaner: Mohsen Sohi. Eine internationale und erfolgreiche Firma, aber eine mit Makeln, wie Familie und Manager nun vom Historiker Joachim Scholtyseck recherchieren ließen. Begründet im Februar 1849 als Gerberei, war das Unternehmen mit der Herstellung von Lackleder und Oberleder überaus erfolgreich und exportierte bald auf alle Kontinente. In der Weimarer Republik und gerade durch die Übernahme der jüdischen Schuhkette Tack baute die Firma einerseits die Wertschöpfungskette beim Leder aus. Und diversifizierte andererseits auch noch ihre Produktpalette über Bekleidung hinaus: Letztlich gründet vieles im heutigen Freudenberg-Portfolio auf der Idee von Lederersatzstoffen, auf Kunststoffen also; die ersten wurde in Kriegszeiten entwickelt - und auch von den KZ-Häftlingen getestet, bis deren Füße blutig waren. Hunderte starben bei dieser Tortur.

Ein Enkel sieht es als Versäumnis, dem Großvater keine Fragen gestellt zu haben

"Wir bedauern das zutiefst", sagte der Vorsitzende der Familiengesellschafter, Martin Wentzler, bei der Vorstellung der Recherchen im früheren Familiensitz in Weinheim. Sein Großvater sei "unstatthafte Kompromisse" eingegangen, und er sehe es als persönliches Versäumnis, ihn zu dessen Lebzeiten nicht befragt zu haben zu diesen Angelegenheiten.

Der Großvater und damals bestimmende Eigentümervertreter hieß Richard Freudenberg. Er schien frei zu sein von Verstrickungen zum NS-Regime. Doch vor sechs Jahren erschien ein umfangreiches Werk der Historikerin Anne Sudrow zum "Schuh im Nationalsozialismus". Dass dies nicht nur ein kurioser Titel ist, sondern eben durchaus ein bedrückendes Thema, illustriert anschaulich die Eingangsszene aus dem KZ Sachsenhausen. Sudrows Werk war Anlass für Freudenberg, der eigenen Verantwortung genauer nachzuspüren, obwohl sich in den eigenen Archiven erst einmal nichts dazu fand.

Scholtyseck hat dazu in vielen weiteren Archiven nachgeforscht und das auf 500 Seiten zusammengetragen. Eine Quintessenz: Wenn Richard Freudenberg betonte, das Unternehmen aus Weinheim an der Bergstraße, ein paar Kilometer nördlich von Heidelberg, sei kein Rüstungsbetrieb, dann stelle das "eine nicht statthafte Verkürzung der Gesamtsituation dar".

Diesem Richard Freudenberg, der vor der Hitlerzeit Mitglied der liberalen DDP war, drohte 1943/1944 die Verhaftung - unter anderem wohl, weil er mit Juden Kontakt hielt und vielleicht auch, weil er Hitler einst eine Karriere als "Zirkusdirektor" empfahl. Doch letztlich fehlten zur Festsetzung offenbar Beweise - und zudem trat der Manager in der Zeit dann auch in NSDAP ein, spät also, ungefähr zu der Zeit, als die 6. Armee der Wehrmacht im Winter vor Stalingrad aufgerieben wurde und sich eine Niederlage der Deutschen abzuzeichnen begann. Kontakt zu Regime-Gegnern, aber NSDAP-Beitritt: Der Widerspruch zieht sich durch die gesamte NS-Zeit. Und so sei, sagt Scholtyseck, Freudenberg ein Beispiel, wie es so viele gibt in der deutschen Wirtschaftsgeschichte: Die deutsche Industrie ist weder unschuldig noch hauptverantwortlich für den Nationalsozialismus gewesen.

Der Konzern ist eines der letzten Großunternehmen, das seine Geschichte beleuchtet: Die Lufthansa, Munich Re, Bosch und selbst der Berliner Zoo haben sich gerade der Vergangenheit gestellt. Oft hätten diese Firmen den Forderungen des NS-Regimes im Sinn ihrer wirtschaftlichen Eigenlogik entsprochen und weniger der NS-Ideologie, sagt Scholtyseck.

Richard Freudenberg hatte mehr Spielräume, er musste sich nicht an jeder Arisierung beteiligen

Doch wo waren da Handlungsspielräumen? Wo war da Gelegenheit für Moral, also für die wohlmeinende Berücksichtigung der Belange anderer? Das habe die Familie interessiert, sagt Martin Wentzler, der für die mehr als 300 Nachfahren spricht.

Richard Freudenberg und seine Leute hätten zwar den Anstand "nicht ganz verloren", er habe etwa die Unterkünfte der 1845 Zwangsarbeiter immer mal wieder besucht und sie vergleichsweise gut behandelt, im Gegensatz etwa zu dem Industriellen Günther Quandt, sagt Scholtyseck. Aber der Patriarch hätte wohl noch mehr Spielräume gehabt. Die Freudenberg-Eigentümer hätten nicht jede Arisierung mitmachen müssen, also die Enteignung und Übernahme jüdischer Betriebe, oder hätten sich zumindest konsequent fair verhalten können. Viele jüdische Geschäftsleute erklärten zwar nach dem Krieg, Freudenberg sei ein korrekter Geschäftsmann. Aber Scholtyseck hat Fälle ausgegraben, wo nicht alles so freundlich lief, wo deutlich wird, dass die Firmenoberen zunehmen auch selbst Überlegungen anstellten, welche jüdische Firma in Deutschland und im annektierten Ausland nun gut zu ihnen passen würde. "Auf den Spuren der Wehrmacht wollte man sich eine Spitzenstellung in Großdeutschland verschaffen", so das Urteil des Historikers der Uni Bonn.

Und sie hätten sich eben nicht beteiligen müssen, als die Menschen im KZ ihre Runden drehten, zum Wohle der deutschen Schuhindustrie. Von den blutigen Fetzen an deren Füßen habe Richard Freudenberg zwar wohl nichts gewusst, aber er habe es ahnen können, ja müssen, unter welch schlechten Bedingungen sie unterwegs waren: Vier seiner leitenden Angestellten waren oft an der "Prüfstrecke" zugange gewesen.

Freudenberg schien sich hinter der Bürokratie zu verschanzen, hinter dem Gefühl nur ein Rädchen zu sein. Was sind die Ableitungen daraus, neben der Scham und dem Schuldgefühl? Die Familienvertreter blicken bei dieser Buchvorstellung in die Zukunft: Sollten sich wieder ähnliche politische Konstellationen ergeben irgendwann, dann werde man nicht alle Spielräume ausnutzen, sagt Familiensprecher Wentzler, dann gelte das Firmenregelwerk, in dem Werte klar definiert seien. So stelle man etwa keine Produkte her, die als Waffen infrage kommen.

Aber kann das funktionieren, Herr Scholtyseck, dass ein marktwirtschaftliches Unternehmen Spielräume eines Staates ungenutzt lässt? Nun ja, sagt der Historiker, es sei zu hoffen. "Aber es ist vielleicht auch ein wenig naiv."