Norbert Reithofer "Weitere Kooperationen mit Daimler vorstellbar"

BMW-Chef Norbert Reithofer über das erste Verlustquartal, die Chancen des Autoherstellers - und die weitere Zusammenarbeit mit Daimler.

Interview: Caspar Busse, Michael Kuntz

Norbert Reithofer, 52, gibt das Interview in der Vorstandsetage der BMW-Zentrale. Vom 22. Stockwerk des Hochhauses in München aus fällt der Blick auf das ein Kilometer lange und 500 Meter breite Stammwerk. Die 9000 Mitarbeiter hier produzieren jährlich 200.000 BMW der 3er-Baureihe. Kurzarbeit gibt es hier nur für die etwa tausend Beschäftigten, die Motoren für andere Fabriken herstellen.

Norbert Reithofer

Norbert Reithofer: "Keine Frage, es kommt ein schwieriges Jahr auf uns zu"

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Reithofer, Ihr Konkurrent Daimler sieht die Autobranche in einer Jahrhundertkrise und schließt auch Kündigungen nicht mehr aus. Wie schlimm ist die Lage bei BMW?

Norbert Reithofer: Wir haben bereits frühzeitig mit einer Reihe von Maßnahmen auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagiert. Aber in der gegenwärtigen Lage lässt sich natürlich kaum abschätzen, was möglicherweise noch alles auf uns zu kommen wird. Bei der BMW-Group gilt aber eine Beschäftigungsvereinbarung, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt, solange wir in einem vollen Geschäftsjahr Gewinn machen.

SZ: BMW machte im letzten Quartal 2008 Verluste, im ersten Quartal 2009 dürfte es noch schlechter geworden sein. Das ist doch schon ein halbes Jahr mit roten Zahlen?

Reithofer: Über das Ergebnis des ersten Quartals möchte ich nicht spekulieren.

SZ: BMW muss also keine Mitarbeiter entlassen?

Reithofer: Wir planen derzeit keinen weiteren außerordentlichen Stellenabbau. Heute zeigt sich, wie wichtig es war, im Rahmen eines freiwilligen Abfindungsprogramms bereits Anfang 2008 Stellen zu streichen. Wir sind in das Geschäftsjahr 2009 einschließlich der verringerten Zahl von Zeitarbeitern mit insgesamt über 10.000 Beschäftigten weniger gegangen und sparen alleine damit rund 500 Millionen Euro pro Jahr. Auf der anderen Seite werden wir auch 2009 einige Hundert neue Mitarbeiter einstellen, vor allem Ingenieure.

SZ: Daimler muss bei den Personalkosten zwei Milliarden Euro sparen. Sind Sie nicht zu optimistisch?

Reithofer: Keine Frage, es kommt ein schwieriges Jahr auf uns wie auf die gesamte Branche zu. Die Absatzrückgänge werden womöglich das ganze Jahr über zweistellig bleiben. Wir beobachten derzeit zwar eine leichte Entspannung, aber wir gehen in diesem Jahr nicht von einer signifikanten Markterholung aus. Wir erwarten ab 2010 eine Erholung, die sich 2011 verstärken wird.

SZ: Audi schlägt sich besser als BMW. Woran liegt das?

Reithofer: Wir liegen beim weltweiten Absatz weiterhin deutlich vor unseren Konkurrenten. Sicher profitiert derzeit auch der eine oder andere Wettbewerber von Modellzyklen. Die BMW-Group wird zwischen 2010 und 2012 mit dem Anlauf volumenstarker Modelle zusätzlichen Rückenwind bekommen.

SZ: Wie lange kann BMW eine Durststrecke überhaupt durchhalten?

Reithofer: Unser Eigenkapital liegt derzeit bei über 20 Milliarden Euro. Wir könnten hypothetisch auch ein bis zwei Jahre mit relativ hohen Verlusten gut verkraften. Die BMW-Group hat in der Vergangenheit immer wieder Geld in die Rücklagen gesteckt. Dafür wurden wir früher oft kritisiert, in der Krise zahlt sich das nun aus. Finanzstarke Unternehmen wie die BMW-Group werden diese Krise überstehen.

SZ: Wichtiger noch ist die Liquidität. Wie sieht die aus?

Reithofer: Die BMW-Group steht auf einem sehr soliden finanziellen Fundament. Unsere Liquidität im Konzern betrug Ende 2008 mehr als acht Milliarden Euro. Wir haben im vergangenen Jahr bereits frühzeitig damit begonnen, durch Produktionskürzungen und den Abbau von Lagerbeständen das Nettoumlaufvermögen zu reduzieren. Wir haben im vergangenen Jahr im Vergleich zu einigen Wettbewerbern kein Geld verbrannt. Die BMW Group ist damit für 2009 gut gerüstet.

SZ: Schon für 2008 mussten Sie einen Gewinnrückgang von 90 Prozent verkünden. Das nennen Sie "gut gerüstet"?

Reithofer: Wir mussten im vergangenen Jahr Sonderbelastungen von insgesamt 2,4 Milliarden Euro verkraften. Dabei haben wir eine Risikovorsorge von zwei Milliarden Euro zusätzlich vorgenommen, die zwar auf den Gewinn drückt, aber größtenteils noch nicht ausgegeben ist. Aus heutiger Sicht haben wir damit absehbare Restwertrisiken ausreichend berücksichtigt.

SZ: Täuscht der Eindruck, dass Sie jahrelang Autos mit günstigen Leasing- und Finanzierungsverträgen in den Markt gedrückt haben?

Reithofer: In unserem größten Markt USA, der traditionell einen überdurchschnittlich hohen Leasinganteil aufweist, haben wir viel Geld verdient. Ohne die Finanzkrise, die in diesem Ausmaß so niemand vorhergehen hat, hätten wir hier keinen derartigen Rückstellungsbedarf. Leasingkunden sind übrigens sehr loyale Kunden, als Automobilhersteller kann man auf Leasing nicht verzichten. Wir sind aber dabei, den Anteil der Kreditfinanzierung zu erhöhen.

SZ: Können wegen der Leasinggeschäfte noch mehr Probleme auf BMW zukommen - in den USA oder auch in Europa?

Reithofer: Wir sehen seit Anfang des Jahres in einigen Schüsselmärkten erste positive Signale bei den Restwerten. Die Preise für Gebrauchtwagen in den USA und in Großbritannien haben sich stabilisiert. Eine Trendwende möchte ich daraus aber noch nicht ableiten. Wir fahren weiter auf Sicht.

SZ: Sie gehen davon aus, dass die Krise vorübergeht. Haben wir nicht eher einen Strukturwandel, an dessen Ende nichts mehr so sein wird, wie es war?

Reithofer: Nein, ich erwarte keinen Strukturwandel. Der Markt für Premiumautos wird langfristig weiter wachsen. In China liegt der Premiumanteil am Gesamtmarkt beispielsweise erst bei einem bis zwei Prozent, in Deutschland dagegen bei 30 Prozent. Premium wird künftig nicht nur über die PS-Zahl, sondern viel stärker über Nachhaltigkeit definiert werden.