Ein Kommentar von Carsten Matthäus

Das Management von Nokia empfiehlt Bochumer Mitarbeitern den Umzug nach Rumänien. Das offenbart, wie weit die Realität vom sonstigen Marketing-Blabla des Unternehmens abweicht.

Nokia hat einen Slogan, er heißt "Connecting People" - Menschen verbinden. Und Nokia hat viel dafür bezahlt, auch das emotionale Umfeld dieses Slogans zu besetzen. Zum Beispiel mit zwitschernden Handys auf grünen Zweigen in Expo-Pavillions. Oder mit vielen blau ausgeleuchteten Schauräumen auf allen möglichen Messen dieser Welt. Mit viel interaktiver Zukunftsmusik. Man sprach beispielsweise gerne und oft von korrespondierenden Informationsblasen, in denen sich Menschen bewegen. Wenn einer Geburtstag hat, so war es einmal die Idee, soll bei einem anderen Menschen schon das Handy vibrieren, bevor man sich die Hand gibt. Sozusagen das heimliche Gespräch der Geräte vor dem echten Gespräch der Menschen. Sehr genau wurde darauf geachtet, dass alles leicht und beschwingt zugeht in dieser Zukunft. Es ging um nichts weniger als die Vision einer weltweit in Freundschaft verbundenen Welt.

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Nokia tat viel dafür, nicht als staubtrockene, eiskalte Gruppe von Verbindungs-Ingenieuren gesehen zu werden, sondern als sympathisches Unternehmen aus dem kalten, etwas schrägen, aber unheimlich innovativen Norden.

Vor kurzem gab es dann folgende Szenen: Ein Betriebsrat des Nokia-Werkes in Bochum sitzt in einer Talkshow des WDR. Er wirkt gefasst aber unheimlich enttäuscht. Ende vierzig, mit Familie, schlechte Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Morgens sei die Geschäftsführung informiert worden über die Werksschließung, eine Stunde später der Betriebsrat, erzählt er. Keine Verhandlungen, nicht einmal Gespräche. "Und vorher war immer von den Nokia-Werten die Rede. Es hieß, wir seien eine große Familie." Eine gute Woche später sagt Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo bei der Vorstellung einer glänzenden Bilanz, man habe die Schließung wohl nicht richtig vermittelt. Wer möchte, könne gerne nach Rumänien umziehen, lässt das Unternehmen wissen, meldet die Rheinische Post.

Was bleibt angesichts solch höhnischer Aktionen übrig von der die Menschen verbindenden Nokia-Art? Die zunächst wortlose Schließung des Bochumer Werkes ist ein Beleg für das Versagen des Managements, wenigstens mit den Menschen offen zu kommunizieren, die unmittelbar von ihren Entscheidungen betroffen sind. Das ist in gewissem Sinne nachvollziehbar. Die Verständigung aller Betroffener aufrechtzuerhalten und ein glaubwürdiges Bild in der Öffentlichkeit abzugeben, ist eine immer komplexere und extrem mühsame Aufgabe geworden.

Während Manager, Geldgeber und Analysten nur in Zahlen und Abkürzungen reden wollen, suchen Mitarbeiter nach Worten des Vertrauens, des Respekts und der Fairness. Die einen denken global und gewinnfixiert, die anderen lokal und existenziell. Gemeinsam sind sie Kunden verpflichtet, die verführt werden wollen in eine neuartige, menschlich anziehende, gerne auch umweltverträgliche, gerne auch preiswerte Markenwelt. Marketing-Experten liefern dazu moderne Märchen, manchmal unglaubliche Zerrbilder des tatsächlichen Produktnutzens. Gewerkschaften dagegen skandieren Parolen, die aus den Anfängen des Industriezeitalters stammen. Politiker schleppen seltsame Vergleiche mit Insekten und Kamel-Verbänden an, bedienen bei Mindestlöhnen und Managergehältern simpelste Klischees. Motivierte Bürger schließlich melden sich mit allen möglichen und teils widersprüchlichen Forderungen zu Klima-, Umwelt- und Verbraucherschutz zu Wort.

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