Nokia Siemens Networks Schreckens-Nachricht um 12.01 Uhr

Es war eine E-Mail an alle Mitarbeiter von Nokia Siemens Networks. In der Betreffzeile stand nur: "Restrukturierung von NSN - nächste Schritte in Deutschland". Doch ihr Inhalt war verheerend: 2900 Jobs sind einfach weg. Die Nachricht von den Standortschließungen hat die schlimmsten Befürchtungen der Mitarbeiter übertroffen.

Von Varinia Bernau, Thomas Fromm und Gunnar Herrmann

Die neue Siemens-Nokia-Welt schien so einfach zu sein, im Juni 2006. Damals war Klaus Kleinfeld noch Siemens-Chef, und als er in Frankfurt sein neues Netzwerk-Joint-Venture mit Nokia präsentierte, fragte er in den Saal: "Warum wird diese Company so erfolgreich sein?" Die Antwort gab er damals selbst: Weil die "Besten" der Branche zusammengefunden hätten.

Die Besten! Schon damals hatten viele den Verdacht, dass es Siemens nicht darum ging, etwas Gutes noch besser zu machen, indem man es in eine Fusion gibt. Sondern dass Siemens eigentlich nur ein Geschäftsfeld abgeben wollte, mit dem man selbst nichts mehr anfangen konnte. Ein Geschäftsfeld, in dem andere wie der schwedische Ericsson-Konzern längst die Nase vorn hatten, in dem Firmen aus Fernost die Preise drückten. Siemens, so der Verdacht, wollte vor allem sich selbst retten.

Trauriger Rekord

Im Jahr davor hatten die Münchner ihr Handy-Geschäft über Bord geworfen. Mit der Abgabe des Netzwerkgeschäfts begrub der Münchner Konzern seine Telekommunikationssparte endgültig und kümmerte sich fortan nur noch um Dinge wie Gasturbinen und Röntgenapparate. Nokia Siemens Networks (NSN), jenes im Sommer 2006 geborene deutsche-finnische Gemeinschaftsunternehmen taumelte in den Jahren danach von einer schlechten Botschaft zur nächsten. Die Horrornachricht kam an diesem Dienstag. Um 12.01 Uhr ging eine E-Mail an alle Mitarbeiter. Betreffzeile: "Restrukturierung von NSN - nächste Schritte in Deutschland". 2900 Jobs in Deutschland - einfach weg.

So also ist das, wenn man zu den Besten der Branche gehört.

Immer wieder hieß es in den vergangenen Jahren, sowohl Nokia als auch Siemens würden erwägen, aus dem Joint Venture auszusteigen. Auch über einen Börsengang wurde nachgedacht; die Idee dann aber wieder verworfen. Im vergangenen November deutete NSN-Chef Rajeev Suri an, wie er die Wende doch noch schaffen wolle: indem er sich auf schnelle mobile Breitbandnetze konzentriere. Alles, was nicht dazu passt, solle abgewickelt oder verkauft, die Verwaltung gestrafft werden. Seither bangten die 9100 deutschen Mitarbeiter, dass der damit verbundene Stellenabbau womöglich auch sie treffen könnte.

Wie es nun weiter geht, erklärte am Dienstag NSN-Finanzchef Marco Schröter in einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Jeder dritte Job fällt hierzulande weg. In München, wo 3600 Menschen vor allem in der Verwaltung arbeiten, sollen die Türen schon Ende nächsten Jahres zugesperrt werden. 1600 Mitarbeiter werden umziehen müssen - von einem der bislang 35 Standorte im Bundesgebiet an einen der nun verbleibenden fünf.

Schröter gibt sich Mühe, die schlechten Nachrichten nicht all zu schlecht aussehen zu lassen: Der Stellenabbau sei notwendig, um "die Firma auf gesunde Beine zu stellen". NSN halte einen traurigen Rekord, denn es habe "praktisch jedes Quartal seit der Gründung mit Verlust abgeschlossen". Im abgelaufenen Jahr lag der Umsatz bei 14 Milliarden Euro. Fünf, vielleicht zehn Prozent davon in Gewinn umzumünzen, das sei drin, beteuert Schröter. Aber bis wann? Darauf will er sich nicht festlegen. Dieses Jahr jedenfalls sei vor allem ein Jahr der Umstrukturierung.

Weltweit sollen 17.000 Stellen gestrichen und so insgesamt etwa eine Milliarde Euro an Kosten eingespart werden. Im Nokia-Heimatmarkt Finnland sollen von derzeit 6900 bis zu 1200 Stellen abgebaut werden. Betroffen sind dort alle Standorte, allerdings soll kein Standort komplett geschlossen werden.

In England werden 260 Jobs wegfallen, auch Südamerika wird betroffen sein. Gut möglich, dass weitere Stellen wegfallen, wenn einzelne Unternehmensteile verkauft werden. "Einige Hunderte" könnte das noch betreffen, ergänzt Schröter. Und dann zieht er immerhin eine Grenze nach oben: Mehr als 2000 würden es keinesfalls werden - weltweit.