Niedrigzinsen im historischen Vergleich Was am Mythos der EZB-Enteignung dran ist

Der Blick ins Sparbuch macht zur Zeit besonders wenig Spaß.

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Wären doch nur die Zinsen wieder höher! Viele Sparer verfluchen zur Zeit die EZB. Doch in Wahrheit geht es ihnen oft auch bei hohen Zinsen schlecht.

Von Andrea Rexer und Markus Zydra, Frankfurt

Es sind große rhetorische Geschütze, die in der Debatte um die niedrigen Zinsen vorgebracht werden. Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen so niedrig belasse, sei das ein Akt der "Enteignung der Sparer", schmettern die Advokaten der Sparbuchbesitzer in die Runde. Es gebe "kein Recht auf Rendite", rufen die Verteidiger der EZB zurück. Selten wurde eine Debatte um Zinsen so emotional geführt wie in den vergangenen Monaten.

Bei einem kühlen Blick auf die Statistik muss man sich fragen, warum die Aufregung ausgerechnet jetzt so groß ist. Denn dass Sparer Geld verlieren können, wenn sie ihr Guthaben einfach so auf dem Sparbuch liegen lassen, ist nicht neu.

Wertverluste hat der Sparer nicht nur, wenn der von der Notenbank festgesetzte Leitzins so wie derzeit ganz nah an der Nulllinie ist. Dieses Phänomen ist immer dann zu beobachten, wenn die Inflation höher als der nominale Zins ist. Dann "frisst", wie man so plakativ sagt, "die Inflation die Rendite auf". Der Realzins wird negativ, und Sparer machen einen Verlust. Das ist die aktuelle Situation für deutsche Sparer.

Dieser Umstand ist misslich, aber in der deutschen Geschichte keineswegs eine Seltenheit. Die Bundesbank hat für die Süddeutsche Zeitung die Realzinsen von Spareinlagen mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten von 1967 bis heute zusammengestellt (siehe Grafik). Für die Jahre von 1972 an haben die Währungshüter diese Daten auch monatlich aufbereitet. Das Ergebnis: In diesen 504 Monaten lag der reale Zins in 299 Monaten unter der Nulllinie - das betrifft also mehr als die Hälfte des Zeitraums, in denen Sparer Verluste machten. In den ganzen 1970er-Jahren etwa haben die hohen Nominalzinsen nicht gereicht, um die noch höhere Teuerung auszugleichen, auch in den späten 1990er-Jahren war es ähnlich.

Die Zinsfalle ist immer ein Ärgernis

Die Erklärung, warum die Aufregung gerade jetzt so groß ist, lässt sich unter anderem auf einen psychologischen Effekt zurückführen: "Die Menschen sitzen einer Illusion auf. Sie bekamen zwar früher höhere Einlagenzinsen, aber die Inflationsraten waren auch viel höher", sagte kürzlich Ewald Nowotny, erfahrener Geldpolitiker und Chef der Österreichischen Notenbank. Im Nachbarland gab es seit 1949 in der Hälfte aller Quartale negative Realzinsen: "Das, was wir heute sehen, ist also nichts Neues. Es ist durch den niedrigen Leitzins nur sichtbarer geworden."

Für den Sparer ist die Zinsfalle ein Ärgernis - egal bei welchem Zinsniveau: Denn das angelegte Geld verliert stetig an Kaufkraft. Ein Rechenbeispiel illustriert das: Wer heute 10 000 Euro anlegt, verliert bei einem negativen Zinssatz von einem Prozent in zwanzig Jahren 2000 Euro - ihm bleiben also nur 8000 Euro übrig. Derzeit ist dieses Szenario durchaus realistisch, glaubt Ulrich Kater. Der Chefvolkswirt der Deka erwartet für die kommenden Jahre eine Inflationsrate von 2,5 Prozent und eine Durchschnittsverzinsung der sicher angelegten Gelder von etwa 1,5 Prozent.

Das Problem ist gerade für deutsche Sparer virulent, denn hierzulande liegen die Teuerungsraten mit am höchsten, was die Wirkung des niedrigen Leitzinses verstärkt. In der gesamten Euro-Zone lag die Inflationsrate im Juni wieder nur bei 0,5 Prozent, in Deutschland notiert sie mit einem Prozent doppelt so hoch.