Niedrige Zinsen Probier's mal mit Charity

Fundraising: Auch mit entsprechenden Veranstaltungen lässt sich möglicherweise Geld einsammeln.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Viele Stiftungen werden durch die niedrigen Zinsen gefährdet. Neben Investitionen in Immobilien und nachhaltige Anlagen gibt es noch einen Ausweg: Mit Fundraising frisches Geld von Spendern für die Stiftung einzusammeln.

Von Stefan Weber

100 Milliarden Euro. So groß ist das Vermögen der 21 800 rechtsfähigen deutschen Stiftungen. Darunter sind mehrere sehr große wie die Robert-Bosch-Stiftung oder die Volkswagen-Stiftung und viele kleine mit einem Vermögen von mehreren Zehntausend oder 100 000 Euro. Gut zwei Drittel der Stiftungen verfügen über ein Vermögen von weniger als einer Million Euro. Sie alle haben ein Problem: die niedrigen Zinsen. Viele Stiftungen denken daher in Zeiten niedriger Renditen über alternative Anlagemöglichkeiten zur Differenzierung nach oder setzen gleich auf ungewöhnliche Wege.

Nach einer Befragung des Stiftungspanels des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen wird es 2017 voraussichtlich nur knapp zwei Dritteln der Stiftungen gelingen, eine Rendite oberhalb der zu Jahresbeginn prognostizierten Inflationsrate von 1,5 Prozent zu erwirtschaften. Gerade kleinere Stiftungen und solche, die nach Beginn der Niedrigzinsphase 2009 gegründet wurden, sind davon betroffen. Die Folge: Viele Stiftungen haben Schwierigkeiten, ihren jeweiligen Zweck zu erfüllen.

"Wenn eine 500 000-Euro-Stiftung vielleicht noch 5000 Euro Rendite im Jahr erwirtschaftet und davon drei Kindertagesstätten unterstützen möchte, bekommt am Ende jede Einrichtung gerade einmal ein oder zwei Spielzeuge", rechnet Michael Göring, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes und der Zeit-Stiftung, vor.

Das Interesse an Immobilien und nachhaltigen Anlagen ist gewachsen

Die veränderte Situation auf dem Kapitalmarkt führt dazu, dass sich Stiftungen in ihrer Anlagepolitik neu orientieren. Sie möchten ihr Portefeuille breiter streuen und auch abseits der lange Zeit besonders geschätzten festverzinslichen Wertpapiere investieren. "Das Interesse an nachhaltigen und wirkungsorientierten Vermögensanlagen bei Stiftungen ist deutlich vorhanden, ebenso die Nachfrage nach Sachwerten wie Immobilien. Aber die meisten Finanzdienstleister und Banken sind auf diese Veränderungen bisher noch unzureichend eingestellt. Klassische Standardlösungen wie Stiftungsfonds werden den Wettbewerb um zunehmend mobiles Stiftungskapital nicht gewinnen", meint Felix Oldenburg, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen.

Sascha Köckeritz, Leiter der Braunschweiger Privatbank, kennt die Nöte von Stiftungen. Sein Institut, eine Zweigniederlassung der Volksbank Braunschweig Wolfsburg, wurde im Frühjahr 2013 mit dem Anspruch gegründet, eine zeitgemäße Antwort auf die Bedürfnisse vermögender Kunden, insbesondere Stiftungen und karitative Einrichtungen, zu geben. Aktuell verwaltet die Bank bereits ein Vermögen von 750 Millionen Euro. Spätestens im übernächsten Jahr soll es eine Milliarde Euro sein.

Die Anfragen gehen längst über die Heimatregion in Niedersachsen hinaus und kommen inzwischen aus ganz Deutschland. "Das starke Wachstum resultiert insbesondere aus dem Zulauf semiinstitutioneller Anleger wie Stiftungen und Kirchen", erläutert Köckeritz. Im vergangenen Jahr wurde die Braunschweiger Privatbank von einem Fachmagazin als bester Vermögensverwalter für Stiftungen ausgezeichnet. Und das nicht, weil sie die höchsten Renditen erwirtschaftete, sondern wegen des stimmigen Gesamtpakets aus Betreuung und Vermögensmanagement.

Welche Optionen bieten sich Stiftungen in der Niedrigzinsphase? "Es gibt keinen Königsweg. Man muss jede Stiftung individuell betrachten und verstehen. Erst dann kann man sich auf die Suche nach kreativen Lösungen machen, wie der Stiftungszweck erfüllt werden kann", betont Köckeritz. Mit seinem Team fokussiert er sich auf Sicherheit, Transparenz und Nachhaltigkeit von Anlagen und nicht auf Rendite um jeden Preis. Dringenden Handlungsbedarf sieht er bei Stiftungen dann, wenn die regelmäßigen Ausschüttungen unter Berücksichtigung der Teuerungsrate nicht einmal mehr den Kapitalerhalt sichern.

Eine Lösung, so meint er, könne sein, eine auf Dauer angelegte Stiftung in eine Verbrauchsstiftung umzuwandeln - also eine Konstruktion, in der das Vermögen innerhalb eines bestimmten Zeitraums (der Gesetzgeber verlangt eine Mindestzeit von zehn Jahren) im Sinne des Geldgebers ausgegeben wird. Prominentes Beispiel dafür ist die größte Stiftung der Welt, die "Bill und Melinda Gates Stiftung". Die Eheleute haben bestimmt, dass das gesamte Stiftungsvermögen, das im Kampf gegen Aids eingesetzt werden soll, spätestens 50 Jahre nach ihrem Tod aufgebraucht sein soll.

Eine Alternative kann Köckeritz zufolge auch sein, mehrere kleinere Stiftungen mit einem ähnlichen Stiftungszweck zusammenzuführen. Für einen großen Anbieter würden sich auf dem Kapitalmarkt häufig mehr Optionen bieten. Zum Beispiel im Bereich Immobilien. Nach Zahlen des Bundesverbandes legen derzeit 37 Prozent der Stiftungen Geld in Immobilien an, rund ein Drittel auch in Immobilienfonds. "Kleine Stiftungen haben für Direktinvestments vielfach keinen finanziellen Spielraum", erläutert Antje Bischoff, die den Forschungsbereich des Bundesverbandes leitet.

Der Bedarf steigt, auch, weil immer mehr Stiftungen gegründet werden

In manchen Fällen rät Vermögensverwalter Köckeritz Stiftungen aber auch zu einer Methode, die sonst vornehmlich Wohltätigkeitsorganisationen anwenden: Fundraising, also das gezielte Sammeln von Spendengeldern. "Wenn ich den Stiftungszweck aus den laufenden Erträgen nicht mehr erfüllen kann, muss ich andere Einnahmen generieren", so der Bankmanager. In diesem Fall seien zwei Dinge besonders wichtig: Effizienz und Transparenz. Denn viele potenzielle Spender sorgten sich, dass im Zusammenhang mit der Verwaltung Gelder versickerten.

Nach den Erfahrungen von Köckeritz benötigen vor allem kleinere Stiftungen Managementunterstützung. In Zeiten niedriger Renditen lasse sich eine solche Schwachstelle kaum mehr verbergen. "Viele Stiftungen haben keine professionellen Strukturen, sind überfordert mit Jahresabschlüssen und vertrauen möglicherweise auf einen Steuerberater, der sich mit gemeinnützigen Einrichtungen nur wenig auskennt." Viele Banken haben sich auf diesen Bereich spezialisiert. Auch die Braunschweiger Privatbank bietet in diesen Fällen Unterstützung an - auch das ist vielleicht ein Grund, warum das Institut regen Zulauf hat.

Stiftungen, so sagt Bundesverband-Generalsekretär Oldenburg, seien lange Zeit wie große risikoscheue Sparer gesehen worden. "Doch sie sind und können weit mehr. Stiftungskapital ist immer auch Wirkungskapital. Banken, Finanzdienstleister und Vermögensverwalter sind aufgefordert, sich auf die veränderten Zeiten und Ansprüche von Stiftungen einzustellen."

Der Bedarf ist gewaltig. Und er wird immer größer. Denn auch die Niedrigzinsphase hat die Begeisterung, Stiftungen zu gründen, nicht geschmälert. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 582 Stiftungen ins Leben gerufen. Köckeritz rät, stets gut zu überdenken, ob eine klassische Stiftung das richtige Vehikel für die gewünschten Ziele ist. "Bei kleineren Summen macht es oft mehr Sinn, eine Unterstiftung zu einer bereits existierenden Stiftung zu gründen oder sich für eine Verbrauchsstiftung zu entscheiden."