Niedrige Baukosten in Deutschland Kratzer-Garantie für Familien-Vans

Die Garagenplätze sind eng und für Einparkkünstler geschaffen - mit Kratzer-Garantie für Familien-Vans. Waschraum und Trockenraum fehlen im unbelüfteten Keller, ebenso Raum für Kinderwagen oder Rollatoren. Die Wohnungen müssen mit aufwendiger, schadensanfälliger Technik zur künstlichen Beatmung der innenliegenden dunklen Räume ausgestattet werden; die Verkäufer werben dann mit der zweiten Steckdose im Bad. Die Zimmerdecken bleiben möglichst dünn, die Räume bleiben niedrig. Hohe Decken und Fenster verbessern das Raumklima, aber wozu? Licht gibt es schließlich aus der Steckdose.

Auch Wohnungstüren und Fenster entsprechen oft nicht den Sicherheitsanforderungen. Statt des flexiblen Sonnenschutzes gibt es Fenster mit Wärmeschutzverglasung, die auch im Winter die Sonnenwärme aussperren. Ein besonders kurioses Detail des gegenwärtigen Bauens sind die Lifte: Er soll nicht fehlen, ist aber in Bau und Unterhalt relativ teuer, also wird gespart, wo es geht. Der Innenraum des Fahrstuhls ist optimal für Magersüchtige und ungeeignet für Umzüge; langsam und hässlich ist er sowieso, weder reicht er in den Keller noch bis ins Dachgeschoss.

Mit viel Glück gibt es einen Fahrradkeller, meist stehen die Räder jedoch vor dem Haus, mit der Plastiktüte über dem Sattel, neben den Müllcontainern. An die hat bei der Planung keiner gedacht hat, nun stehen sie zwischen Radständern und Kinderspielplatz. Der Hausmeister schiebt die Tonnen jede Woche auf die Straße in die Parklücke, wenn eine frei ist.

Vielleicht reicht das Geld noch für einen cappuccinofarbenen Anstrich

Und was sieht der Beobachter, der Stadtflaneur? Den geschönten Blick, den das Verkaufsprospekt bot, jedenfalls selten. Die Gestaltung des Hauses ist selten wirklich verkaufsentscheidend, sie wird nicht hoch gehandelt. Gekauft werden netto die Quadratmeter der eigenen Wohnung. Schon die Außenwand wird möglichst dünn, jeder Millimeter ist entscheidend. Vielleicht reicht das Geld noch für einen freundlichen cappuccinofarbenen Anstrich auf der preiswerten Kunststoffisolierung.

Das Fungizid, das außen dick aufgetragen wird, tropft ins Grundwasser. Die Kiesdecke auf dem Dach macht sich bemerkbar, wenn es stark regnet und das Wasser in die knapp dimensionierten Abwasserkanäle schießt, damit es wieder ein schönes Hochwasser gibt. Ein Grünpaket auf dem Dach könnte das mildern - das kostet aber ein paar Euro und ein paar Zentimeter Gebäudehöhe.

Die auf minimale Dimension getrimmten Hochleistungsbauteile landen bei Renovierung oder Abbruch auf der Sondermülldeponie, in zwanzig, dreißig Jahren. Was werden dann die Architekten und Bauplaner über ihre Vorfahren denken? Dass sie es nicht besser gewusst haben, nicht besser wissen wollten? Dass es halt ihr Ziel war, gerade noch die Norm einzuhalten?

Ja: Wohnen muss billiger werden in Deutschland - für alle, die wirklich an der unteren Grenze der Einkommensskala liegen. Es darf in den Großstädten und besonders in den Innenstadtgebieten nicht nur noch teure Operetten-Wohnungen im schicken Milieu geben. Es dürfen dort, wo die Grundstücke teuer sind, die Armen nicht an den Rand gedrängt werden, ohne ausreichende Infrastruktur zum Leben.

Aber für alle anderen gilt: Qualität vor Quantität. Wohnen muss teurer werden!

Der Architektur-Professor Thomas Jocher, 62, ist Direktor des Instituts "Wohnen und Entwerfen" der Fakultät Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart.