New York Abfall-Albtraum im Big Apple

Das ärgert die Bürger: Müllberge in New York.

(Foto: R. Levine/imago)

Auf den Straßen der City stapeln sich die Müllsäcke, weil der Platz fehlt. Architekten wollen das stinkende Problem lösen.

Von Johanna Bruckner, New York

Big Apple. Da liegt der Duft nach Obstwiese, nach Gras und Wildblumen in der assoziativen Luft. In Wahrheit riecht es in New York meistens nach vergammeltem Obst und anderen unappetitlichen Dingen. Das Stadtmagazin The Gothamist machte sich 2016 die Mühe, die Gemengelage zu systematisieren und kam zum Ergebnis: Die New Yorker bräuchten für ihren Müll mindestens so viele verschiedene Worte, wie Eskimos für Schnee haben. Ob auf der Upper West Side, im East Village oder in Williamsburg - vor den Häusern stapeln sich die schwarzen Müllsäcke. Wenn die Beutel Risse haben und der Wind den Abfall verteilt, sieht es aus, als habe ein ungnädiger Gott Babywindeln, Bananenschalen und Amazon-Kartons regnen lassen.

"Jeder, der als Tourist nach New York kommt, ist geschockt", sagt Architektin Juliette Spertus. "Es ist auch in den USA ungewöhnlich, dass der Müll auf der Straße liegt."

Grundsätzlich folgt die Müllentsorgung in New York dem klassischen Prinzip: Jedes Haus sammelt seine Abfälle und stellt sie zur Abholung auf die Straße. In vielen amerikanischen Städten funktioniere das wunderbar, erklärt Spertus. Hier seien Ein-Familien-Haushalte die Regel und es gebe genügend Platz für Mülltonnen. Doch in New York ist Raum teuer und die zu bewältigenden Müllmengen sind gewaltig - also landen die Säcke auf der Straße. Das Department of Sanitation, das für den privaten Hausmüll in den fünf Stadtteilen Manhattan, Brooklyn, Queens, Bronx und Staten Island verantwortlich ist, schlägt täglich mehr als 12 000 Tonnen Abfälle um. Der kleinste Teil davon ist momentan recycelbar. Handlungsbedarf sah die Stadt lange nicht. "Restmüll auf Müllhalden außerhalb der Stadt zu entsorgen, ist billig", erklärt Spertus. Das soll sich nun ändern, New York will bis 2030 eine "Zero Waste City" sein, also nur noch maximal zehn Prozent des Abfalls auf Mülldeponien lagern.

Getrennt wird in New York grob nach drei Kategorien: Hausmüll, Papier und Verpackungen (inklusive Glas). Diese Sortierung ist verpflichtend. Jedes Privathaus mit fünf oder mehr Stockwerken muss über mindestens einen Müllschacht verfügen, der von jeder Etage zugänglich ist. Am Ende sind es häufig die Hausmeister, die den Müll der Bewohner auseinander klauben.

New York sei auch beim Müll eine Stadt der Extreme, erklärt Spertus. Manche New Yorker würden ihre kompostierbaren Abfälle einfrieren, um sie zur weiteren Verwertung auf den nächstgelegenen Wochenmarkt zu bringen (ein Angebot der Initiative NYC Grow). Anderen fehle es an Müll-Bewusstsein. Ein Präsident, der den Klimawandel leugnet, dürfte daran wenig ändern. Trotzdem hält Spertus den Faktor Bildung beim Thema Müll für überbewertet: "Was nützt das Wissen, wie es richtig geht, wenn die nötige Infrastruktur fehlt?"

Spertus ist Mitherausgeberin der "Zero Waste Design Guidelines". Das 260 Seiten starke Dokument ist ein Appell an Stadtplaner, den Faktor Müll künftig mitzudenken. Für Claire Miflin, Initiatorin des Projekts, bedeutet das: Gebäude so zu konzipieren, dass genügend Raum für die Müllentsorgung vorhanden ist. Das größte Recycling-Potenzial liege in Bioabfällen, sagt sie - doch viele Gebäude hätten überhaupt keinen Platz, Kompost separat zu lagern.

Architektin Miflin will die Müllentsorgung mithilfe von Design attraktiver machen. Wie das gehen kann, zeigt das E-Commerce-Portal Etsy in seinem Headquarter in Brooklyn. Dort wurden Mülleimer unter den Schreibtischen abgeschafft, pro Stockwerk gibt es drei bis vier zentrale Müllstationen, aufwendig gestaltet. Die Mitarbeiter sind angehalten, Abfall im besten Fall zu vermeiden. Zumindest aber sollen sie ihn trennen - und zwar richtig: Die Müllöffnung für Kartonagen hat die Form eines Schlitzes, Pakete müssen vor dem Einwurf zerkleinert werden. Das mag für europäische Ohren selbstverständlich klingen, beim Blick auf die Karton-Gebirge in den New Yorker Straßen wird die Notwendigkeit aber schnell deutlich. "Bisher war das Thema Müll stark moralisiert", sagt Zero-Waste-Befürworterin Miflin. "Wir wollen zeigen: Je weniger Müll auf unseren Straßen liegt, desto lebenswerter wird die Stadt für uns alle. Viele New Yorker ekeln sich vor Ratten - nun, gegen die kann man etwas tun."

Während Miflin die Bedeutung von Vorzeige-Maßnahmen betont, träumt Juliette Spertus von einer echten Müll-Innovation: Ein pneumatisches Müllentsorgungssystem soll Müllautos aus dem Stadtzentrum verbannen. In Stockholm und Barcelona wird der Müll bereits per Druckluft durch unterirdische Rohre zu Sammelstellen transportiert. Spertus stellt sich für New York eine oberirdische Lösung vor - nutzen will sie die High Line, eine alte Güterzugtrasse, über die einst Fleisch aus dem Meatpacking District verteilt wurde. Heute ist der sogenannte High Line Park eine Touristenattraktion. Und vielleicht bald Teil der städtischen Müllentsorgung?

Vergleichbare Projekte hätten 15 bis 25 Millionen Dollar gekostet, so Spertus. Jedoch: Noch nie habe jemand versucht, Müll per Druckluft auf neun Meter Höhe zu bringen.