Neuer Investor Skurriles Versteckspiel bei Weltbild

  • Weltbild hat angekündigt, 70 von seinen insgesamt 145 Buchgeschäften zu verkaufen.
  • Allerdings hat das Unternehmen nicht mitgeteilt, welche Filialen betroffen sind - und wer der Käufer ist.
  • Aus Unternehmenskreisen wurde jedoch bekannt, dass Lesensart respektive Rüdiger Wenk der Käufer ist.
Von Stefan Mayr, Augsburg

Weltbild lässt Mitarbeiter im Ungewissen

So manche Mitarbeiterin aus den 145 Weltbild-Buchgeschäften fühlt sich derzeit womöglich wie Anastasia Steele, jene bedauernswerte Hauptfigur aus dem Sadomaso-Kinofilm "Fifty Shades of Grey". Am Freitag hatte die Geschäftsführung des angeschlagenen Handelshauses angekündigt, 70 Filialen zu verkaufen. Was das Management nicht mitteilte: welche Niederlassungen betroffen sind und wie der Käufer heißt. Obendrein wurde noch ein skurriles Versteckspiel veranstaltet: Der Käufer sei "eine mittelständische Buchhandelskette aus Ahaus", verkündete die Chefetage. Allerdings gibt es in Ahaus (Münsterland, Nordrhein-Westfalen) kein einziges Unternehmen, das auf diese Beschreibung passt.

All dies hat die Sorgen der 1000 Filialmitarbeiter sicherlich nicht gelindert, wie die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Julia Käding bestätigt: "Für viele Mitarbeiter bleibt das Gefühl der Ungewissheit." Man könnte es auch als proaktive Quälerei bezeichnen, wenn man seine Mitarbeiter ins Wochenende schickt mit der Nachricht: Die Hälfte von euch wird verkauft, wir sagen aber nicht an wen. Und wen von euch es erwischt, verraten wir auch nicht. "Über die Verkaufsliste gibt es noch keine offiziellen Auskünfte", sagt Betriebsrätin Käding einigermaßen fassungs- und ratlos.

Auch Stefan Hilbring, der Wirtschaftsförderer und Pressesprecher der Stadt Ahaus, war am Freitag ratlos: Zahlreiche Medien fragten bei ihm an, was sich hinter dieser mysteriösen "Buchhandelskette" verbergen könnte. "So ein Unternehmen ist mir nicht bekannt", antwortete Hilbring. Was es aber seit Anfang vergangener Woche in dem 40 000-Einwohner-Städtchen gibt, ist die Buchhandlung Lesensart Rüdiger Wenk GmbH. Eine offizielle Bestätigung gibt es zwar weder vom Käufer noch vom Verkäufer. Selbst die Betriebsräte kennen nach eigenen Angaben den Namen noch nicht. Doch andere gut informierte Personen aus dem Unternehmen bestätigen der Süddeutschen Zeitung, dass Lesensart respektive Rüdiger Wenk der Käufer ist. Und an dieser Stelle wird die Geschichte vollends kurios.

Wer hinter der Buchhandlung steckt

Denn diese GmbH ist vollkommen unbekannt und hatte bis zuletzt lediglich zwei Buchhandlungen in Berlin (Köpenick und Lichtenberg) betrieben. Die Bezeichnung "mittelständische Buchhandelskette" scheint also sehr optimistisch zu sein - nicht zuletzt angesichts von vier Mitarbeitern (Stand 2012) und eines Stammkapitals von 25 000 Euro. Geschäftsführer Rüdiger Wenk ist 48 Jahre alt und seit August im Amt.

Der Mann hat schon viel erlebt in seinem Berufsleben, aber im Buchhandel ist er erst seit Kurzem tätig: Zuletzt führte ihn die Berliner RDS Energies GmbH, eine Vermittlungsagentur für "Geschäftskontakte und Geschäftschancen im Bereich Solarkraftwerke", als Berater. Laut dortigem Lebenslauf war er einst Zeitsoldat, dann technischer Angestellter bei AEG, dann kaufmännischer Angestellter bei Dell, dann Kundenbetreuer bei der VWD AG, dann IT-Consultant, dann Projektleiter bei der Systematics AG und dann Referatsleiter bei der Allianz Versicherungs AG.

Seit 29. Juli 2014 ist Wenk im Handelsregister als Geschäftsführer der Unternehmensberatung "GUO Strategisches Management Berlin GmbH" eingetragen. Dieser Mann soll künftig also 70 Filialen auf Vordermann bringen, die Weltbild nach eigenen Angaben "aufgrund zu hoher Struktur- und Mietkosten" losschlägt. Rüdiger Wenk war am Wochenende nicht zu erreichen.

Einen ähnlich wechselhaften Weg wie ihr Chef hat auch die Lesensart GmbH hinter sich: Sie wurde 2009 gegründet. Im August 2014 wurde ihr Sitz von Berlin nach Emsdetten verlegt. Und jetzt, sechs Monate später, von Emsdetten nach Ahaus in die Von-Röntgen-Straße 8. Dort sitzt wiederum eine Firma namens GUO Strategisches Management GmbH. Das klingt fast identisch wie Rüdiger Wenks Berliner GmbH. Ein Zufall? Der Geschäftsführer von GUO Ahaus sagt, er kenne keinen Herrn Wenk. All das klingt nicht so, als könnten sich die Mitarbeiter der Filialen beruhigt zurücklehnen.

Welche Filialen in Bayern verkauft werden

Für die Mitarbeiter in Bayern gibt es zumindest Anhaltspunkte, wie - oder wo es für sie weitergehen könnte: Von den derzeit 26 Weltbild-Filialen im Freistaat werden voraussichtlich elf verkauft. Dies geht aus einer Antwort der Unternehmens-Sprecherin Eva Großkinsky auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung hervor. Nach Großkinskys Angaben werden folgende Geschäfte im Besitz der angeschlagenen Augsburger Handelsunternehmens bleiben: Augsburg (City-Galerie), Aschaffenburg, Deggendorf, Erding, Forchheim, Fürstenfeldbruck, Fürth, Garmisch-Partenkirchen, Landsberg, Lindau, Mühldorf, Nördlingen, Nürnberg (Mercado), Weißenburg und Weilheim.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass folgende Filialen verkauft werden: München (PEP-Neuperlach), Regensburg (Arcaden), Landshut, Coburg, Bamberg, Straubing, Neuburg, Ansbach, Schwabach, Bad Kissingen und Freising. Allerdings will Großkinsky diese Liste nicht bestätigen. Grund: Der Verkauf steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Gremien und des Gesamtbetriebsrates von Weltbild Plus.