Neue VW-Führung Mehr Macht geht nicht

Herbert Diess bei seiner ersten Pressekonferenz als neuer Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

(Foto: dpa)

"Viel Erfolg und das nötige Glück. Alles Gute! Ihr Matthias Müller": So verabschiedete sich der bisherige VW-Chef von 640 000 Mitarbeitern. Jetzt übernimmt Herbert Diess. Er hat schnell verstanden, wie der Konzern tickt.

Von Thomas Fromm und Max Hägler

Am vielleicht bedeutendsten Tag in seiner Karriere tritt Herbert Diess auf wie immer. Kerzengerade steht er auf der Bühne, lächelt ein bisschen verkniffen, vielleicht einen Tick angestrengter, als er das sonst tut.

Er ist der neue VW-Chef, einer, der so viel Macht in diesem Konzern haben wird wie kaum einer vor ihm. Er sagt, dass er "keine Revolution" will. Aber das sagen ja viele, und danach geht es meistens rund.

Aber der 59-Jährige weiß, wie delikat dieser Wechsel an der VW-Spitze ist. Matthias Müller, der im September 2015 im Zuge der Dieselaffäre an die Spitze des weltgrößten Autokonzerns kam, soll einer der Letzten gewesen sein, die von dem Wechsel an der Spitze erfuhren. Was sagt das über jemanden wie diesen Diess, der vor nicht einmal drei Jahren von BMW zu VW kam, um dort die Hausmarke Volkswagen zu leiten? Nur ein schneller Aufstieg? Eine Palastrevolution? Ein geschickt eingefädeltes Intrigenspiel?

Wenn so viele Gerüchte und Interpretationen die Runde machen, ist es gut, den Ball an einem solchen Tag flach zu halten: Normalität ist angesagt. In der Fabrik, die eine beinahe unüberschaubare Ansammlung von Werkshallen ist, rattern die Bänder der Vormittagsschicht; am Tor Sandkamp wäscht einer die Felgen seines roten Beetle. Die Leute in ihren Jacken mit der Aufschrift "Sicherheit" sehen zu, dass alles geordnet seinen Gang geht in diesem Reich. Am Nachmittag verschickt das Unternehmen eine Pressemitteilung zum Thema: "Volkswagen macht autonomes Parken bereits in naher Zukunft serienreif". Die Frage, ob VWs demnächst ohne Fahrer einparken können, ist vielleicht nicht das beherrschende Thema an einem solchen Tag. Aber es ist business as usual.

Herbert Diess - oben angekommen

Der bisherige Chef der Stammmarke VW übernimmt die Führung bei Volkswagen. Er soll den Konzern neu ordnen. Erster Schritt: Die Lkw-Sparte soll selbständiger werden. Von Thomas Fromm und Max Hägler mehr ...

Eine Stunde null für die Unternehmenskultur bei VW?

Doch irgendwie geht es auch nicht ohne Pathos. Von der "Weiterentwicklung des Konzerns" reden an diesem Tag der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch und sein neuer oberster Angestellter, Herbert Diess. Es ist der wohl größte Konzernumbau in der jüngeren Geschichte. Das Lkw-Geschäft soll selbständiger und bald an die Börse gebracht werden.

Der Mega-Konzern, verspricht Diess, soll schneller werden. Agiler, wie man heute sagt. Markengruppen werden gebildet, so werden alte Hierarchien zerschlagen, verschoben, neue gebildet. Viele der bisherigen Fürsten aus dem mittleren Management werden in den kommenden Wochen wohl noch ihr blaues Wunder erleben, denn - Achtung! - wenn Menschen sagen, dass sie keine Revolution wollen, dann haben sie meistens etwas vor. So wie Joe Kaeser, der zum Start als Siemens-Chef einst immer wieder beteuert hatte, er wolle das Unternehmen "beruhigen" - und es seither kräftig umgebaut hat.

Und so lautet die eigentliche Frage am Ende dieser turbulenten VW-Woche: Der Konzern wird umgebaut und steht vor einem Neuanfang. Doch erlebt auch die Unternehmenskultur ihre Stunde null? Oder bleibt letztlich vieles beim Alten?

Einige hielten Müller für arrogant, andere für authentisch

Das alte Volkswagen wurde dirigiert vom Patriarchen, dem langjährigen Aufsichtsratschef und Miteigentümer Ferdinand Piëch, und Martin Winterkorn. Piëch, der alte Zampano dieses Konzerns, verlor im Frühjahr 2015 interne Machtkämpfe und zog sich zurück. Winterkorn, der penible Vorstandsvorsitzende, von dem es hieß, dass er hier alles und jeden kontrollierte, wurde vom Dieselskandal aus dem Amt gefegt. Dann kam Müller, ein Mann, seit vier Jahrzehnten im Konzern.

Ein Neuanfang war er nicht, dafür gab es ihn schon zu lange hier. Müller, 64, der bis zum Herbst 2015 Porsche-Chef war, hatte von Anfang an nicht viel zu verlieren. Er zog mit seinen Leuten in ein unscheinbares Nebengebäude, Kulturwandel nannte er es, und fast alle sagen, das habe er gelebt, obwohl er im Ton oft danebenlag. Einige hielten ihn deshalb für arrogant und unverschämt. Andere fanden das authentisch. Im vergangenen Jahr holten sie sogar einmal einen Kabarettisten, damit die Leute merken: Widerspruch und manchmal Spott kosten nicht mehr den Job.

Jetzt ist er weg, der Müller, ganz rasch ging es. Und wieder zeigt sich, wer hier die Macht hat: die Arbeitnehmervertreter unter ihrem Vorsitzenden Bernd Osterloh, die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch und das Land Niedersachsen. Die Winterkorns und Müllers kommen und gehen. Die Mächte im Hintergrund bleiben.

"Viel Erfolg und das nötige Glück. Alles Gute! Ihr Matthias Müller."

Müller, dessen Vertrag noch bis zum Jahre 2020 läuft und über dessen Zukunft in Hinterzimmerverhandlungen entschieden wurde, verabschiedet sich nur noch morgens um sieben Uhr per Mail von seinen 640 000 Mitarbeitern: "Ich bin dankbar, dass wir auf diesem Weg gemeinsam viel bewegen konnten: Mit dezentraleren Strukturen", schreibt er. Als wolle er noch einmal mitteilen, dass er seinen Job richtig gemacht hat - einige sagen an diesem Freitag: Müllers Kurs war zu locker und der Konzern zu fern vom Kerngeschäft Autobau. Müller schließt seine Botschaft an die Kollegen mit den Worten: "Das Fundament ist gelegt. Für die nächste Phase der Transformation, die jetzt beginnt, wünsche ich Herbert Diess, dem Vorstand und dem ganzen Team viel Erfolg und das nötige Glück. Alles Gute! Ihr Matthias Müller."

Und nun? An diesem Tag ist er nicht mehr zu sehen, womöglich ist er, sagen seine Leute, beim Rennradfahren, Frust abbauen. Einige reden von Königsmord, mit Diess als Brutus. Herr Diess, was sagen Sie dazu? Der sagt Freundliches zum Vorgänger, aber natürlich nichts zu diesen Bildern aus der Antike. Aufsichtsratschef Pötsch lobt Müllers "herausragende" Arbeit. "Nur der, der nichts tut, macht keine Fehler", fügt er hinzu. Die Zeit mit Müller war vielleicht nur ein Interregnum, ein Zwischenspiel.