Neue Studie Warum Schulden weniger gefährlich sind als gedacht

Blick über Athen: Ab welcher Schuldenhöhe gehen Länder wie Griechenland endgültig unter?

(Foto: Getty Images)
  • Schulden sind ungefährlicher als viele denken, argumentiert eine Forschergruppe in einer neuen Studie (PDF).
  • Sie widersprechen damit den Ökonomen Rogoff und Reinhart, die eine Staatsverschuldung von 90 Prozent und mehr schädlich für das Wachstum halten.
  • Die Forschergruppe argumentiert, diese These beruhe auf Einzelbeobachtungen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg - und sei langfristigen Untersuchungen zufolge nicht zu halten.
Von Alexander Hagelüken

"Meinungen beruhen häufig auf Dogmen"

Seit in der Euro- und Finanzkrise die staatlichen Schulden explodieren, beherrscht das Thema die Politik in Europa. Wie lässt sich der Anstieg der Verbindlichkeiten stoppen? Bei welcher Höhe gehen Länder wie Griechenland endgültig unter? Eine Phalanx elf deutscher Wissenschaftler hat sich drei Jahre grundsätzlich mit Schulden beschäftigt, darunter die Ökonomen Lars Feld und Gerhard Illing und der Soziologe Wolfgang Streeck. Sie kommen zu vielen Einsichten, die dem üblichen Konsens zum Thema widersprechen: "Meinungen beruhen häufig auf Dogmen, wirtschaftlichen Interessen und falschen Analogien", schreiben sie.

Zum Beispiel ist klar, dass staatliche Verbindlichkeiten meist politische Gründe haben, aber anders als oft gedacht. Weder reißen Wahlen mit ihren Wahlgeschenken signifikante Finanzlücken noch neigen linke Regierungen mehr zum Schuldenmachen als rechte. Auch der Wohlfahrtsstaat sei anders als häufig angenommen nicht verantwortlich, heißt es auf den 90 Seiten der Studie: "Sozialausgaben lassen sich auch anders finanzieren". Weitere Erkenntnisse: Hat ein Land einen starken Finanzminister oder Kanzler, dämpfen diese unsolides Wirtschaften. Einer Koalition mit vielen Parteien dagegen fällt es schwer, Schulden zu reduzieren.

Eine Haltung, die der Politik der Euro-Rettung widerspricht

Wie entwickeln sich Deutschlands Verbindlichkeiten? Die Autoren entwerfen mehrere Szenarien, die auf dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent basieren - und gewaltige Unterschiede zeigen. Werden kaum neue Kredite aufgenommen und wächst die Wirtschaft um 1,6 Prozent im Jahr, wie die Regierung mittelfristig annimmt, fällt die Schuldenquote (Staatsschulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung) von heute 75 Prozent bis 2030 unter 50. Eine Verschärfung der Eurokrise mit nur 0,5 Prozent Wachstum und vier Prozent Defizit würde die Quote dagegen auf 110 Prozent hochschnellen lassen.

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Das klingt bedenklich. Bemerkenswert ist aber, dass die Forscher gar keine bestimmte Grenze sehen, ab der Schulden gefährlich werden: "Entgegen einer verbreiteten Auffassung lassen sich aus wirtschaftshistorischer Perspektive keine klaren Schwellenwerte für kritische Niveaus der Staatsverschuldung definieren." Das widerspricht direkt den Wissenschaftlern Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart, wonach eine Quote von 90 Prozent und mehr das wirtschaftliche Wachstum reduziert. Diese Position ähnelt der Haltung der Bundesregierung, war in der ganzen Euro-Rettung sehr einflußreich und legt nahe, dass Staaten wie Griechenland mit inzwischen 180 Prozent Schulden stark sparen sollten - während zahlreiche angelsächsische Meinungsführer den aktuellen Sparkurs als schädlich ablehnen.

In der aktuellen Studie lehnen die Forscher die Auffassung von Rogoff/Reinhart weniger wegen der 2013 aufgedeckten Datenfehler ab, sondern weil die These auf Einzelbeobachtungen für die Jahre direkt nach dem Zweiten Weltkrieg beruhe. Sie setzen eine Untersuchung der Jahre 1880 bis 2008 dagegen: Danach unterschied sich das Wachstum von Industriestaaten kaum, ob sie nun viel oder wenig Schulden hatten. Es sei auch kein Schwellenwert feststellbar, ab dem sich ein Land schlechter am Kapitalmarkt finanzieren könne. Außerdem ließen sich keine Belege dafür finden, dass Sparen in der Krise wirklich zu mehr Wachstum führe, wie es von manchen deutschen Politikern zu hören ist.