Neue Rechtsform für Springer Ein halber Abschied

Das alte Geschäft mit Tageszeitungen wie der Bild spielt in der Springer-Strategie längst eine untergeordnete Rolle. Das Geld wird im Netz verdient, vor allem mit Online-Anzeigenmärkten.

(Foto: REUTERS)
  • Der Berliner Springer-Verlag wechselt seine Rechtsform: In der neuen Kommanditgesellschaft auf Aktien könnte Konzernerbin Friede Apringer neue Anteilseigner an Bord holen und trotzdem die volle Kontrolle behalten.
  • Auf dieser Basis will der Konzern zunächst das lukrative Geschäft mit Online-Anzeigenportalen wieder komplett übernehmen und künftig noch größere Zukäufe stemmen.
  • Mit dem Wandel zur KGaA folgt Springer Vorbildern wie dem Rivalen Bertelsmann oder dem Konsumgüterkonzern Henkel.
Von Caspar Busse

Mit einer große Revue, mit viel Pomp und rund tausend Gästen wurde vor zwei Jahren in Berlin der 100. Geburtstag von Axel Cäsar Springer gefeiert. Als "leidenschaftlichen Journalisten, mutigen Unternehmer und visionären Freiheitskämpfer" feierte das Berliner Medienunternehmen den Mann, der 1946 die heutige Axel Springer SE gegründet hat. Tradition wird bei Springer hoch gehalten, das Erbe des 1985 gestorbenen Verlegers bei vielen Gelegenheiten gepriesen.

Und trotzdem hat sich Unternehmenserbin Friede Springer, 72, die fünfte und letzte Ehefrau von Axel Cäsar Springer, jetzt zu einem weitreichenden Schritt entschieden: Die Familie Springer wird erstmals die Mehrheit der Aktien an der Axel Springer SE abgeben. Auch wenn Friede Springer weiterhin das Sagen bei allen entscheidenden Fragen haben soll und das Unternehmen dazu in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) umgewandelt wird, es ist eine Zeitenwende in Berlin.

Die Zeit drängte

"Das ist die wichtigste Nachricht, die wir seit vielen Jahren bekannt gegeben haben", sagte am Montag Konzernchef Mathias Döpfner, 51. Eigentlich galt es als ausgeschlossen, dass die Erbin die Aktienmehrheit abgibt. Doch nun hat sie sich offenbar umstimmen lassen. Der Zeitpunkt für den Schritt kam überraschend, aber die Zeit drängte. Denn nun kann die Axel Springer AG alle Anteile an dem sehr rentablen Online-Rubrikengeschäft von seinem bisherigen Partner, dem Finanzinvestor General Atlantic, übernehmen, bevor das jemand anderes tut. Zum anderen sind künftig Übernahmen in neuen Dimensionen möglich, die dann mit eigenen Aktien bezahlt werden können. "Wir sind jetzt flexibler und können auch größere Investitionen realisieren", sagte Döpfner.

Volle Kontrolle für die Familie

Bislang waren die Mehrheitsverhältnisse klar: Die Axel Springer Gesellschaft für Publizistik hielt 50,5 Prozent, diese wiederum gehört zu 90 Prozent Friede Springer, je fünf Prozent halten die beiden Springer-Enkel Axel Sven ("Aggi") und Ariane. Zusätzlich war Friede Springer mit fünf Prozent direkt am Unternehmen beteiligt und stellte damit sicher, dass sie auch persönlich (nach Herausrechnen der Enkel-Anteile) auf mehr als 50 Prozent kommt. Mit den Enkeln hatte es in den vergangenen Jahren immer wieder Streit gegeben. Aggi Springer war sogar vor Gericht gezogen, dort aber unterlegen.

Künftig soll nun die Gesellschaft für Publizistik - und damit Friede Springer und die Enkel - als Komplementärin einer KGaA alle Stimmrechte und damit das Sagen im Unternehmen haben, unabhängig von der Höhe des Kapitalanteils. Die übrigen Aktionäre sind damit künftig quasi ohne Einfluss. Die neue Rechtsform soll im kommenden Frühjahr von der Hauptversammlung abgesegnet werden.

Das Modell hat Vorbilder: Über diese Gesellschaftsform wahren auch andere große Familien ihren Einfluss auf Konzerne. So firmieren zum Beispiel der Konsumgüterhersteller Henkel in Düsseldorf oder die Pharma- und Chemiefirma Merck in Darmstadt als KGaA und sind sogar im Deutschen Aktienindex notiert. Auch der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann ist eine KGaA, Firmenerbin Liz Mohn konnte sich bisher aber - anders als Friede Springer - nicht dazu entschließen, die Firma an die Börse zu bringen oder andere Gesellschafter zu beteiligen.

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Partner im Rubriken-Geschäft erhält Konzern-Anteile

Anlass für den weitreichenden Schritt bei Axel Springer war nach Angaben Döpfners ein Vertrag mit dem Partner General Atlantic. Zusammen mit dem Investor hatte der Berliner Verlag das Online-Rubrikengeschäft unter dem Namen Axel Springer Digital Classifieds aufgebaut. General Atlantic hält derzeit 30 Prozent der Anteile und hatte das Recht, die Firma im kommenden Jahr an die Börse zu bringen. Das aber wollte Springer-Chef Döpfner um jeden Preis verhindern. Denn die Firma ist extrem profitabel und spielt in der Springer-Strategie, zu einem führenden Digital-Unternehmen zu werden, eine entscheidende Rolle. So erzielte Digital Classifieds in den ersten neun Monaten 2014 mit Stellen-, Immobilien- und Autoanzeigen im Internet einen Umsatz von 357 Millionen Euro und ein operatives Ergebnis von 160 Millionen Euro, das ist eine Marge von immerhin fast 45 Prozent.

Auch deshalb soll Springer nun einen hohen Preis für den Kauf der letzten 30 Prozent zahlen: Insgesamt 900 Millionen Euro, die erste Hälfte in bar, die zweite Hälfte in Springer-Aktien. Damit wird General Atlantic künftig mit einem Anteil von nach derzeitigem Stand 8,6 Prozent zweitgrößter Springer-Aktionär - nach Friede Springer. Der Anteil der Gesellschaft für Publizistik wird dadurch auf etwa 46 Prozent verwässern, heißt es.

Höhepunkt eines tiefgreifenden Umbaus

Konzernchef Döpfner baut Springer schon seit Jahren grundlegend um und entfernt sich dabei immer mehr vom einstigen Kerngeschäft, dem gedruckten Journalismus. So wurden die Regionalzeitung Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost sowie Zeitschriften wie die einst von Axel Cäsar Springer gegründete Hörzu an die Funke-Gruppe verkauft. Hintergrund sind sinkende Auflagen und schleppendes Anzeigengeschäft, das spürt Springer auch bei den beiden großen Print-Titeln - Welt und Bild - und deren Ablegern. Deshalb expandiert das Unternehmen in Onlinegeschäfte. Döpfner sagte, konkrete Pläne für weitere Übernahmen gebe es momentan nicht. Mit der nun gefundenen neuen Struktur sei die Firma aber flexibler und könnte auch größere Projekte stemmen. Zuletzt hatte Springer für Zukäufe im Ausland, etwa an dem Magazin Forbes , Interesse gezeigt, war aber am Ende nicht zum Zuge gekommen.

"Wir wollen auch in Zukunft ein Familienunternehmen bleiben", betonte Döpfner, der selbst drei Prozent der Aktien hält. Er halte den Gedanken, dass Friede Springer nun Schritt für Schritt Aktien verkaufen wird, "nicht für naheliegend". Aus dem Unternehmen heißt es: "Frau Springer ist nicht müde, das Gegenteil ist der Fall."

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