Neue Hilfen für Griechenland Nur eine Frage der Zeit

Wie geht es der griechischen Wirtschaft? Ist der erste Schuldenschnitt verpufft? Wann werden neue Hilfen nötig? Obwohl die Regierung Fortschritte bei der Sanierung der Finanzen macht, bleibt die Lage angespannt. Antworten auf die wichtigsten Fragen zur Situation in Athen.

Von Markus Zydra, Frankfurt

Weitere Geldspritzen für Griechenland - nach der Bundestagswahl könnte dieses Thema zurück auf die Agenda der Euro-Zone kommen. Ökonomen und Anleger gehen davon aus, dass die Regierung in Athen in den nächsten zwölf Monate Hilfe braucht. Zu gering ist das Wirtschaftswachstum, zu ambitioniert sind die Ziele, zu hoch ist der Schuldenstand.

Dabei scheint Griechenland auf dem richtigen Weg zu sein. Die Regierung schaffte im ersten Halbjahr einen Haushaltsüberschuss von 2,6 Milliarden Euro, wie das Finanzministerium in Athen am Montag mitteilte. Ursprünglich war man von einem Defizit im Höhe von 3,1 Milliarden Euro ausgegangen. Allerdings bezieht sich das Plus auf den sogenannten Primärhaushalt, hier werden Zinszahlungen sowie die Etats von Kommunen, Regionen und Sozialversicherungen nicht berücksichtigt. Auch die Rezession im Land ebbt ab - wenn auch nur langsam.

Die Börsen reagierten auf die Nachrichten verunsichert, allerdings geht man dort nicht mehr davon aus, dass die Probleme Griechenlands die Euro-Zone erschüttern könnten. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen zur Lage in Athen.

Wie geht es der griechischen Wirtschaft?

Nach fünf Jahren Rezession ist die griechische Wirtschaftsleistung bis Ende 2012 gegenüber 2007 real um 20 Prozent gefallen; erst für 2014 rechnet man mit einem geringen Wachstum von 0,6 Prozent. Doch selbst dieses Ziel ist sehr ambitioniert, wie die jüngsten Daten zeigen: Die griechische Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal 2013 um 4,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal, so das griechische Statistikamt Elstat. Das ist zwar der kleinste Rückgang seit knapp zwei Jahren, doch ob das wirklich reicht? "Dass Athen aus der Schuldenmisere unter den aktuellen finanziellen Bedingungen aus eigener Kraft herauswächst, ist sehr unwahrscheinlich", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank. Die Steuereinnahmen seien immer noch zu niedrig, die Privatisierungserlöse geringer als erwartet. Ein Lichtblick: Der griechische Staat konnte am Montag den Verkauf seines 33-prozentigen Anteils am Glücksspielunternehmen OPAP für rund 650 Millionen Euro melden.

Gibt es einen weiteren Schuldenschnitt?

Ein Schuldenerlass ist politisch sehr umstritten, denn es wären vor allem Europas Steuerzahler betroffen. Für über 80 Prozent der griechischen Staatsverbindlichkeiten stehen die Euro-Staaten, die Europäische Zentralbank (EZB) und die Europäische Investitionsbank gerade - der Betrag summiert sich auf rund 260 Milliarden Euro, so die DZ Bank in einer Studie. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass die Euro-Zone weitere Hilfskredite vergibt, die bestehenden Verbindlichkeiten zeitlich streckt und den zu zahlenden Zinssatz reduziert. "Es ist keine Frage, dass Griechenlands Schulden noch nicht nachhaltig sind", sagte Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Es laufe aber eher auf eine Umschuldung als einen direkten Schuldenschnitt hinaus. Dieser könne Deutschland mit "einem zweistelligen Milliardenbetrag" über die nächsten Jahre belasten.

Ist der erste Schuldenschnitt verpufft?

Im März 2012 haben private Gläubiger wie Banken und Versicherungen auf Forderungen gegenüber dem griechischen Staat in Höhe von 106,5 Milliarden Euro verzichtet. Die Staatsschuld fiel dadurch zunächst von 170 auf 136 Prozent des griechischen Bruttoinlandprodukts (BIP). Mittlerweile ist dieser Wert wieder auf knapp 160 Prozent geklettert. Der Grund: Durch die Rezession sind die Steuereinnahmen geschrumpft, das Haushaltsdefizit stieg entsprechend. Für das kommende Jahr rechnen Experten mit einem weiteren Anstieg auf 170 Prozent des BIP.

Wie hoch war die Unterstützung bisher?

Die Euro-Länder mit dem Euro-Rettungsfonds und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben Griechenland in zwei Hilfsprogrammen seit 2010 rund 200 Milliarden Euro zugesagt. Die noch ausstehenden Kredite werden in Tranchen ausbezahlt. Die Auszahlung hängt davon ab, ob die Troika in ihrem Bericht den Daumen hebt. Die Troika - Experten der EU-Kommission, der EZB und des IWF - überprüft alle drei Monate die Reformfortschritte im Land. Erst im Juli wurde eine weitere Milliardentranche genehmigt, um so die Fortschritte Athens zu würdigen.

Wann werden neue Hilfen nötig?

Vor der Bundestagswahl wird in der Causa Griechenland nichts mehr passieren, zu brisant ist das Thema. Doch nach einem Bericht des Spiegel soll die Bundesbank in einer Stellungnahme für die Bundesregierung und den IWF zu dem Schluss gekommen sein, dass bereits Anfang 2014 ein neues Kreditpaket geschnürt werden müsse. Fachleute sind wenig überrascht. Die Angelegenheit drängt - auch deshalb, weil die EZB ihre griechischen Staatsanleihen auslaufen lässt. "Weil die Zentralbanken auslaufende griechische Staatsanleihen nicht nachkaufen dürften, fehlt Griechenland für 2013 ein Betrag von 2,1 Milliarden Euro und 2014 sind es 2,3 Milliarden", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Die EZB hat zudem ausgeschlossen, an einem freiwilligen Schuldenschnitt zugunsten Griechenlands teilzunehmen, weil das einer unerlaubten Staatsfinanzierung entspreche.

Wie reagieren die Finanzmärkte?

Die Aktienmärkte und der Wechselkurs des Euro zum US-Dollar haben sich nach Bekanntgabe der Konjunkturdaten aus Griechenland am Montag erholt. "Die allermeisten internationalen Investoren gehen davon aus, dass es in den nächsten sechs bis zwölf Monaten ein wie auch immer geartetes neues Finanzierungskonzept geben wird", sagt Krämer. "Doch selbst wenn es in Griechenland zu einem weiteren Schuldenschnitt kommen würde, dann hätte dies nicht das Potenzial, die gesamte Euro-Zone zu destabilisieren."