Neue Finanzierungsrunde Uber und die 40-Milliarden-Dollar-Wette

Uber sammelt frisches Kapital ein - und steigert seine Bewertung damit in bizarre Höhen.

(Foto: dpa)
  • Uber sammelt 1,2 Milliarden Dollar ein und ist damit auf dem Papier mehr als 40 Milliarden Dollar wert.
  • Die Investoren setzen darauf, dass die umstrittene Firma zum Logistik-Konzern der Zukunft wird.
  • Die Firma will weitere Märkte ins Visier nehmen, vor allem in Südostasien.
Von Johannes Kuhn, San Francisco

"Uberböse" betitelte neulich das San Francisco Magazine sein Porträt von Uber-Chef Travis Kalanick, und natürlich lädt das Wortspiel zur Fortsetzung ein: Aktuell je nach Sichtweise "Uberfinanziert" oder "Uberbewertet", denn mit 1,2 Milliarden Dollar hat der umstrittene Mitfahrdienst die nächsten Investoren-Gelder eingesammelt (600 weitere Millionen sollen in absehbarer Zeit folgen). Auf dem Papier ist die Firma damit 41,2 Milliarden Dollar wert.

Nach der letzten Finanzierungsrunde im Juni war die Firma auf 18 Milliarden Dollar taxiert worden. Die neue Steigerung lädt zu gewaltigen Vergleichen ein, ein paar seien Egghats Finanzblog entnommen: Die Summe wäre mehr als der aktuelle Marktwert des weltgrößten Rückversicherers Münchner Rück (36,9 Milliarden) und fast so viel wie der der Deutsche Bank (44 Milliarden Dollar). Im Standard-&-Poors-Aktienindex wäre das Unternehmen im oberen Viertel.

Das ist bizarr, aber vor allem ein theoretischer Vergleich. Noch ist unklar, wo sich der Uber-Wert am Ende einpendeln wird (vielleicht erinnert sich noch jemand an den Groupon-Absturz). Auch die neuen Investoren gehen davon aus, dass er weiter steigen wird und sie in absehbarer Zeit in einem Börsengang ihre Anteile mit einem satten Aufschlag verkaufen können. Immerhin existiert ein funktionierendes Geschäftsmodell (das ist auch 2014 keine Selbstverständlichkeit in der Tech-Branche), die Firma ist in 250 Städten präsent und erwirtschaftet einen geschätzten Jahresumsatz von 1,5 bis zwei Milliarden Dollar, bei einer sechsfachen Wachstumsrate.

Kein Taxi-Ersatz der Welt wäre jedoch 40 Milliarden Dollar wert. Vielmehr ist die Wette auf Uber eine Wette auf den Logistik-Bereich: Wenn das Unternehmen mit seiner App Fahrer und Passagiere zusammenbringen kann, kann es theoretisch auch sämtliche Transport-Dienstleistungen vermitteln.

Transportmittel wörtlich genommen

Ob die Couch beim Umzug oder die Bestellung aus dem Supermarkt: Per Daumenbewegung ließe sich jederzeit ein Uber-Fahrer anfordern oder - in einigen Jahren - ein selbstfahrendes Fahrzeug, das Uber noch höhere Margen garantieren würde. Am Ende, so die Vision, wäre die Firma der wichtigste Mobilitätsdienstleister im urbanen Raum.

Dafür müsste sich aber nicht nur der Trend des "Lebens ohne Auto" verstärken, der bei Stadt-Millenials zu beobachten ist; Uber müsste auch ein Quasi-Monopol auf dem entsprechenden Markt erobern (der zudem stets wachsen muss!) und nicht nur Taxis und Kurierdienste, sondern auch die lokale Mitfahr-Konkurrenz ausstechen.

Die Investment-Analysten von CB Insights listen 27 Uber-Alternativen weltweit auf, darunter einige Firmen, die selbst große Investment-Runden hinter sich haben. Im Heimatmarkt USA liefert sich Uber ein haarsträubendes Duell mit der weniger aggressiven Konkurrenz von Lyft. In einem Blogeintrag kündigte Uber-Chef Kalanick jetzt an, Märkte im asiatisch-pazifischen Raum anzugehen.

Durch die neue Finanzspritze kann Uber dort (und auch sonst überall) Konkurrenten aufkaufen oder durch höhere Margen für Fahrer und niedrigere Preise für Passagiere aus dem Markt drängen.

Uber-Manager droht Journalisten mit Schmutzkampagne

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Uber in der Facebook-Zone

Zudem bleibt noch viel Geld für Lobbyarbeit und Anwaltskosten, um die Legalisierung in wichtigen Märkten zu erreichen (hallo, Europa!). Und für PR-Kampagnen, um das katastrophale Image der Firmen-Manager aufzubessern. In einem Blogeintrag versprach Kalanick, man werde als ersten Schritt "Fehler zugeben und aus ihnen lernen".

Womöglich ist Uber aber ohnehin trotz Schmutzkampagnen-Drohungen gegen Journalisten zumindest in einigen US-Städten bereits in der Facebook-Zone, in der Nutzer sich über einen Dienst beschweren (bei Facebook über neue AGBs, bei Uber über das Macho-Management), ihn aber am Ende weiter nutzen.

Ist Uber also 40 Milliarden Dollar wert? Nur unter den allergünstigsten Umständen, dann aber womöglich sogar noch mehr - der Paketdienst UPS hat eine Marktkapitalisierung von 100 Milliarden Dollar, muss aber weltweit Lagerhallen und Fahrzeugflotten betreiben.

Ein Tech-Unternehmen, das die Echtzeit-Logistik in der physischen Welt mit ihren lokalen Besonderheiten dominiert - und das womöglich ohne große physische Präsenz? Diese Geschichte würde sogar den Siegeszug von Amazon in den Schatten stellen. Doch in der überhitzten Tech-Branche erscheinen momentan selbst die größten Übertreibungen nur ein Software-Update von der Realität entfernt.

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