Studien über Hugo Boss in der NS-Zeit Mode mit brauner Vergangenheit

Hugo Boss schneiderte einst Uniformen für SS und Hitlerjugend. Von den Nazi-Verstrickungen des Firmengründers wollte der Modekonzern nach dem Krieg jedoch nichts mehr wissen. Eine erste Studie zur braunen Historie von Hugo Boss blieb unveröffentlicht. Eine zweite darf nun erscheinen - und geht auch auf das Gerücht ein, Boss sei Hitlers Leibschneider gewesen.

Von Frederik Obermaier

Bisher waren es vor allem Gerüchte. Der Modeausstatter Hugo Boss habe für die Nationalsozialisten Uniformen entworfen, sei gar der Leibschneider Adolf Hitlers gewesen, wurde gemunkelt. Die Geschichte vom braunen Hemdenmacher griffen in den vergangenen Jahren selbst Zeitungen im Ausland auf. Für Hugo Boss, immerhin eine Modefirma mit einem Jahresumsatz von fast zwei Milliarden Euro, war dies ein Problem. Der Ruf drohte allmählich Schaden zu nehmen. Also gab der Konzern eine Studie zu seiner braunen Vergangenheit Auftrag. Veröffentlicht wurde sie jedoch nicht. "Es fehlte die Einordnung in den historischen Kontext", sagt eine Unternehmenssprecherin. Die Autorin stellte ihre Studie später selbst ins Internet. Hugo Boss indes gab einfach eine neue Arbeit in Auftrag. Sie soll nun als Buch erscheinen.

Der Titel ist schlicht -"Hugo Boss, 1924-1945" -, das Resümee nach 104 Seiten aber deutlich: Das 1924 gegründete Unternehmen habe Uniformen für Wehrmacht, SS und Hitlerjugend geschneidert und "ökonomisch nachweislich" vom Nationalsozialismus profitiert, schreibt der Autor, der Münchner Wirtschaftshistoriker Roman Köster. 140 Zwangsarbeiter und etwa 40 französische Kriegsgefangene hätten in Metzingen Nazi-Uniformen schneidern müssen. Viele von ihnen seien eingeschüchtert worden - dies sei aber nicht die Schuld des Firmenchefs, sagt Köster. "Hugo Boss hat das selbst nicht ausgeführt."

Vor allem aber sei der schwäbische Unternehmer nicht Hitlers Schneider gewesen, sondern einer von mehreren Uniformherstellern. "An der Entwicklung der Schnittmuster für die Uniformen waren die Unternehmen nicht beteiligt." Außerdem sei Boss auch nicht Marktführer gewesen. Im zentralen Fachblatt für die Uniformherstellung, dem "Uniformen-Markt" tauche das schwäbische Unternehmen "kein einziges Mal" auf. Es gebe sogar Hinweise darauf, dass Boss sich für zusätzliche Lebensmittel für die Zwangsarbeiter eingesetzt habe.

Vieles, was Köster in seinem Buch schreibt, stand auch schon in der Abhandlung "Hugo Ferdinand Boss (1885-1948) und die Firma Hugo Boss" von der Wissenschaftlerin Elisabeth Timm. Darin war allerdings von geringfügig mehr Zwangsarbeitern die Rede. Dies ist nach Aussage des Unternehmens jedoch nicht der Grund, warum Timms Studie nicht veröffentlicht wurde, obwohl Hugo Boss sie ursprünglich in Auftrag gegeben hatte. Die Ethnologin habe schlichtweg nicht alle relevanten Archive aufgesucht. Timm selbst lehnt eine Stellungnahme dazu ab.

Mitläufer, sagte das Gericht - Nazi, hingegen der Historiker

Roman Köster, der Autor der neuen Studie, betont indes, dass die Firma Hugo Boss seine Forschung zwar finanziert, aber nicht beeinflusst habe. "Mein Eindruck ist, das Unternehmen hat ein authentisches Interesse daran, das aufzuarbeiten", sagt er. Der Modekonzern selbst hat eine Erklärung auf die Firmen-Homepage gestellt: Hugo Boss, mehrheitlich in der Hand des britischen Finanzinvestors Permira, entschuldigt sich darin bei den Menschen, "die durch den Fertigungsbetrieb von Hugo Ferdinand Boss zu Zeiten des Nationalsozialismus Leid erfahren haben". Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist für Hugo Boss damit abgeschlossen.

Unternehmenschef Hugo Ferdinand Boss ist seit 63 Jahren tot. Er musste sich bereits nach dem Krieg verantworten: Eine Spruchkammer stufte ihn als nationalsozialistisch "belastet" ein, schließlich war Boss bereits 1931 in die NSDAP eingetreten, also zwei Jahre vor der Machtergreifung. Nach dem Krieg musste er dafür eine Geldstrafe von 100.000 Reichsmark zahlen. Es war die zweithöchste Strafe im gesamten Handelskammerbezirk Reutlingen, wie Köster berichtet. Später wurde die Strafe allerdings aufgehoben - und Hugo Ferdinand Boss als bloßer "Mitläufer" eingestuft. Die Wahrheit sei das jedoch nicht, findet Köster. Wer Ferdinand Hugo Boss tatsächlich war, dazu hat der Studienautor seine ganz eigene Meinung.

In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, die Firma Hugo Boss habe der Universität Münster den Auftrag zu der ersten Studie erteilt. Das ist nicht richtig. Die Autorin der Studie, Elisabeth Timm, forschte zu dem Zeitpunkt noch an der Universität Tübingen. Sie ist erst seit diesem Jahr Professorin an der Universität Münster.

Gegendarstellung

1. In einem Bericht vom 20. September 2011 wird behauptet: "Also gab der Konzern bei der Universität Münster eine Studie zu seiner braunen Vergangenheit in Auftrag." Das ist falsch. Richtig ist vielmehr, dass ich damals persönlich von der Hugo Boss AG mit einer Studie beauftragt wurde.

2. Desweiteren wird behauptet: "Timm selbst lehnt eine Stellungnahme dazu ab." Das ist falsch. Richtig ist vielmehr, dass weder der Autor des o.g. Artikels noch die Süddeutsche Zeitung mich mit der Bitte um eine Stellungnahme kontaktiert haben.

Elisabeth Timm