Naturschutz Fischers Frust

Bei Greifswald schwemmte die Flut Robben-Kadaver an. Wurden sie getötet? Über einen ewigen Konflikt.

Von Anke Lübbert

Statt auf Hering zu fischen, steht Steffen Schnorrenberg an Bord der Anna-Lena, seines zehn Meter langen Fischkutters, der nun im Hafen von Vitte auf der Ostseeinsel Hiddensee liegt. Die Fahrrinne zwischen Hiddensee und Rügen ist zugefroren. Schnorrenberg steckt im Hafen fest, der jetzt leer ist. Im Sommer drängen sich hier die Touristen, die zum Baden auf die Insel kommen - und vor allem um Adler, Kraniche, seltene Heide- und Magerrasenpflanzen und seit ein paar Jahren auch Kegelrobben zu sehen.

Eben wegen dieser Robben, genauer gesagt wegen 23 toter Kegelrobben, ist in den vergangenen Monaten der Dauerkonflikt zwischen Naturschützern und Fischern wieder aufgeflammt. Die toten Tiere wurden im Herbst ein paar Seemeilen weiter südlich angespült, im Greifswalder Bodden. 23 große, gesunde, gut genährte Tiere. Kegelrobben sind hier noch nicht lange wieder heimisch, sie sind eine geschützte Art. Deswegen ermittelt seit Anfang des Jahres die Stralsunder Staatsanwaltschaft. Es gibt einen Tötungsverdacht, es wird viel geredet. War es ein Fischer? Fest steht, dass viele Fischer zur Zeit sehr große Wut im Bauch haben. Und die Robben sind in einer Reihe von Problemen, die viele Menschen hier als existenzbedrohend empfinden, das aktuellste.

Kegelrobben sind seit einigen Jahren wieder in der südlichen Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern heimisch.

(Foto: Stefan Sauer/picture alliance)

"Mit dem Eis kann ich umgehen", sagt Schnorrenberg. Er trägt Sicherheitsschuhe mit Flecken in der Farbe des letzten Unterwasseranstrichs, hat sehr blaue Augen und sieht jünger aus als die 46 Jahre, die er alt ist. Eine Welt, in der er gegen nichts weiter als widriges Wetter kämpfen muss, aus seiner Sicht ist das ein paradiesischer, irgendwo in Vorwendezeiten versunkener Zustand. "Ich bin das nicht gewöhnt, so viel zu reden", sagt er. "Aber man muss die ganze Misere ja mal erklären."

Als die Mauer fiel, hatte Steffen Schnorrenberg seine Ausbildung gerade beendet. Damals gab es noch 1000 kleine Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern. Etwa 230 Fischer sind übrig geblieben. Ihr Beruf ist mittlerweile genauso im Bestand bedroht wie die Fische, die sie fangen. Und natürlich hängt beides zusammen.

Nachdem die EU jahrzehntelang zu hohe Quoten vergeben hatte, stimmte das Europäische Parlament 2013 für eine Reform der Fischereipolitik, für die Umweltschützer lange gestritten hatten. Die Bestände sollen sich bis 2020 erholen, dafür werden die Vorschläge der Wissenschaftler konsequenter als bis dahin berücksichtigt.

Für die Fischbestände war das wahrscheinlich die Rettung, für Schnorrenberg eine Katastrophe. 2008 hatte er eine Grundquote von zehn Tonnen auf Hering, seinen wichtigsten Fisch. 2017 durfte er gerade noch fünf Tonnen fischen. Dieses Jahr werden es wieder 39 Prozent weniger sein. Ähnlich ist es beim Dorsch.

Steffen Schnorrenberg, Fischer auf Hiddensee.

(Foto: Anke Lübbert)

Was Schnorrenberg zusätzlich frustriert: Er muss Fahrten und Fang dokumentieren, sich neuerdings sogar per App online anmelden, wenn er bestimmte Arten fangen will. "Dafür muss ich mir erst mal ein neues Telefon kaufen", sagt Schnorrenberg. "Schreiben und lesen war nie mein Fall gewesen. Mittlerweile schreibe ich mehr als ein Advokat." Er muss sich genau überlegen, wie er die Quote am besten abfischt, wann er Schonzeiten einplant. Ein bisschen Pokern ist dabei und sehr viel Kalkulation. Und so richtig sieht er nicht ein wozu. "Unser Empfinden ist, dass genug Fisch da ist", sagt er.

Wie kann das sein? Christopher Zimmermann leitet das Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock, das im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums den Fischbestand überwacht. Er erklärt das so: "Egal was passiert, Heringe kommen zum Laichen in den Bodden, das ist ihnen mit ihrer Geburt wie einprogrammiert. Wenn man nur die Situation dort betrachtet, ist es, als würde man auf einer Kuhweide im Nebel Kälber zählen, aber nur an der Tränke gucken."

Zimmermann sagt, er bemühe sich um einen guten Kontakt zu den Fischern, deren Daten er brauche, um die Bestände einschätzen zu können. "Aber es sind eben auch manche Grummelköppe dabei, die sich komplett verweigern", sagt er.

Zwei solcher Grummelköppe gibt es auch im Vitter Hafen. "Alles schlecht", sagt einer von zwei sehr alten Männern, "mehr muss man dazu nicht wissen und mehr sach ich auch nicht." Die beiden fahren schon lange nicht mehr raus. Aber noch immer verbringen sie den größten Teil ihrer Zeit unten am Hafen. Fischer ist einer dieser archaischen Berufe, bei denen die Identität am Beruf hängt, der quasi patrilinear vererbt wird. Dass ihre Kinder diesen Beruf oft nicht mehr wollen, bei dem man morgens um 4 Uhr den Hafen verlässt und von mysteriös schwankenden Quoten abhängig ist, das ist einer der Schlüssel zu ihrer großen Unzufriedenheit. Außerdem gibt es neben den kleinen Kutterfischern an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern auch noch die großen: 30 Schleppnetzfischer, die ebenso viel Quote bekommen wie alle 230 anderen zusammen. "Wir fühlen uns wie die Fischer in Afrika, denen die EU-Flotte das Genick bricht", sagt Schnorrenberg. "Wir könnten so viel fischen wie wir wollen, wir würden doch niemals die Bestände bedrohen."

Und nun ist da auch noch dieser neue Feind, den er bisher nur aus den Geschichten seines Urgroßvaters kannte. Wie ein Märchen hatte es geklungen, wenn der erzählte, wie die Fischerei wegen der Kegelrobben 1919 fast zum Erliegen gekommen ist. Auf seinem Handy sucht Schnorrenberg nach dem Beweisfoto: Lachsköpfe in einem Eimer, daran zerkaute Reste, das war alles, was er neulich in seinem Stellnetz fand. Etwa 80 Robben, hauptsächlich männliche Tiere, leben in den flachen Gewässern zwischen Rügen, Festland und Usedom. "Unsere Stellnetze sind für die wie Imbissbuden", sagt Schnorrenberg.

Umweltschützer und Touristen sind begeistert, die Fischer – etwa auf Hiddensee – klagen über leer geräumte Stellnetze.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Für Thorsten Werner, der für den Nabu in Stralsund arbeitet, sind die Robben eher Grund zur Freude: "Wir sind absolut glücklich, dass die Tiere sich wieder hier aufhalten. Wir sehen die möglichen Probleme der Fischer und sind auch dialogbereit. Aber dass sie wegen der wenigen Tiere in ihrer Existenz gefährdet sind, glaube ich nicht."

Der Weg von den Umweltschützern zu den Fischern und zurück ist weit. Obwohl am Ende vielleicht ausgerechnet die Probleme mit den Robben einen Dialog ermöglichen könnten. Er verweist auf ein aktuelles Projekt des Bundesamtes für Naturschutz: Es geht darum, alternative Fangtechniken zu testen, darunter sind auch robbensichere Reusen.

Steffen Schnorrenberg macht eine andere Entwicklung Hoffnung: Nicht weit vom Vitter Hafen verkaufen er und die anderen Fischer ihren Fisch. In Dosen. Noch nennt Schnorrenberg das einen "Tropfen auf dem heißen Stein". Aber vielleicht ist Direktvermarktung doch ein Ausweg aus der Abhängigkeit von Weltmarktpreisen und der Konkurrenz mit den Industrieschiffen. Denn mindestens die Touristen wollen sie ja gerne in den Häfen sehen, die Fischerboote mit den bunten Kisten und den roten Fähnchen auf dem Deck. Vielleicht sind sie ja auch bereit, in Zukunft dafür noch ein paar Euro mehr für die Dose Fisch zu zahlen.