Nahrungsmittel statt Biosprit Gefangen in der Ethanol-Falle

Die Ernteausfälle in den USA sind massiv - und weltweit steigen die Preise für Nahrungsmittel. Trotzdem werden Milliarden Liter Biosprit in Motoren verheizt. Die Welternährungsorganisation FAO fordert nun einen Produktion-Stopp. Auch in Deutschland wächst die Kritik.

Von Moritz Koch, New York, und Silvia Liebrich

Am Anfang waren ein milder Winter und jede Menge Zuversicht. Die Farmer im Mittleren Westen der USA brachten ihre Saat früher aus als sonst; schon im März bestellten die ersten ihre Felder. Doch nun ist die Zuversicht der Angst gewichen: Der Winter, der so wenig Schnee und Frost brachte wie lange nicht mehr, hat sich als Vorbote einer katastrophalen Dürre erweisen. Auch in anderen Regionen dieser Erde, etwa in Indien, Russland oder der Ukraine, zeichnen sich erhebliche Ernteausfälle ab.

Bis 2022 soll die Menge des jährlich produzierten Biosprits in den USA schrittweise auf 136 Milliarden Liter steigen. Raffinieren, wie hier in Palestine, Illinois, wurden verpflichtet, mehr nachwachsende Rohstoffe einzusetzen.

(Foto: AFP)

Mais war am Freitag an den Rohstoffbörsen so teuer wie nie zuvor. Kurz zuvor hatten die USA ihre Ernteprognose noch einmal gesenkt. Auch die Getreidenotierungen dürften bis Jahresende einen neuen Rekord markieren.

Das schürt die Angst vor Hungerrevolten, die das Ausmaß von 2007/2008 noch übertreffen könnten. Proteste erschütterten damals die Staaten in Afrika, Asien und im Nahen Osten. Der Welt drohe eine neue Nahrungsmittelkrise, warnt die Welternährungsorganisation FAO.

Darum entfacht ihr Chef José Graziano da Silva jetzt eine alte Kontroverse: die Debatte um den Biosprit. Denn der Preisrausch an den Börsen wird vor allem dadurch befeuert, dass 40 Prozent der amerikanischen Maisernte nicht auf dem Tisch, sondern im Tank landen. In einem Editorial für die Financial Times fordert Graziano da Silva die US-Regierung auf, die Ethanol-Produktion auszusetzen - und mischt sich in eine innenpolitische Kontroverse der USA ein.

Je länger die Dürre dauert, desto ungemütlicher wird die Lage

Die Vereinigten Staaten haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2022 soll die Menge des jährlich produzierten Biosprits schrittweise auf 136 Milliarden Liter steigen. Dafür wurden Raffinieren verpflichtet, mehr nachwachsende Rohstoffe einzusetzen.

Schon heute enthält das Benzin an amerikanischen Tankstellen einen zehnprozentigen Ethanol-Anteil. Das schafft eine feste Nachfrage, unabhängig von der Situation an den Agrarmärkten. Ein Problem in Zeiten wie diesen: Der Mais, der vergoren wird, fehlt der Lebensmittelindustrie und den Herstellern von Tierfutter.

Je länger die Dürre dauert, desto ungemütlicher wird die Lage für die Ethanol-Branche. Zwar sieht die US-Regierung bisher keinen Grund, die Beimischungsvorschriften zu ändern. Andere Amerikaner aber schon: Unterstützt von einer ungewöhnlichen Allianz von Agrarkritikern, Viehzüchtern und Vertretern der Ölindustrie hat der republikanische Abgeordnete Bob Goodlatte einen Gesetzesvorschlag erarbeitet, der die Ethanol-Pflicht stoppen würde, wenn das Maisangebot einen bestimmten Grenzwert unterschreitet.

Fronten im Biospritstreit laufen quer durchs Land

Die Fronten im Biospritstreit laufen quer durchs Land und die sonst so starren politischen Lager. Republikanische Rancher aus Texas, die unter den hohen Futterpreisen leiden, streiten mit konservativen Mais-Farmern in Iowa, für die die hohen Preise ein Segen sind, weil sie ihre geringe Ernte wenigstens teuer verkaufen können.

Die weltweit steigenden Mais- und Getreidepreise werden über kurz oder lang auch die Verbraucher in Deutschland zu spüren bekommen - wenn auch längst nicht in dem Ausmaß wie die Menschen in ärmeren Ländern. Getreidemühlen klagen bereits über hohe Einkaufspreise und Viehhalter über steigende Futterkosten. Brötchen, Fleisch und andere Lebensmittel könnten bald teurer werden, warnen Branchenvertreter.