Nahaufnahme Unter den Guten

Warum Uwe Schneidewind erst Unternehmensberater und dann Klimaforscher wurde. Und warum er glaubt, dass Umweltschutz nicht einfach von der Politik diktiert werden kann.

Von Caspar Dohmen

Anfangs sprach wenig dafür, dass Uwe Schneidewind einmal Chef eines bekannten grünen Thinktanks werden sollte, nämlich Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitete er zunächst bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Dann kam die Wende. Er ging zurück an die Universität, an das Institut für Wirtschaft und Ökologie in St. Gallen, das Hans Christoph Binswanger aufgebaut hatte, der Vater einer ökologischen Steuerreform und ein wichtiger Wachstumskritiker. Schneidewind machte dort schnell Karriere, 2010 wurde er Präsident des Wuppertal Instituts. Als der heute 51-Jährige vor Kurzem bei einer Veranstaltung der Fairtrade-Organisation Gepa vom Moderator auf seine berufliche Wendung angesprochen wurde, parierte er locker, es sei doch gut, wenn Menschen am Ende doch noch unter den Guten landeten.

Fakten hat Schneidewind aus dem Effeff parat. Klimaskeptikern begegnet er mit einer Vielzahl wissenschaftlicher Fakten, die die Erderwärmung belegen. Abgesehen davon gebe es aber auch noch weitere alarmierende Entwicklungen, die durch die gestiegene Menge an CO₂ ausgelöst würden, etwa die Versauerung der Meere, was zu einem massenhaften Sterben von Korallenriffen führe. "Eine Senkung des CO₂ ist in jedem Fall rational, weil CO₂ die Erde an vielen Stellen zerstört", sagt er.

Global denken und lokal handeln ist für Schneidewind keineswegs nur eine flotte Formulierung, sondern Handlungsmaxime. Er bewegt sich gewandt auf internationalen Wissenschaftskonferenzen und berät die Bundesregierung, aber er schaltet sich auch regelmäßig in Wuppertal vor Ort ein, wenn es darum geht, lokale Nachhaltigkeit zu verwirklichen. Denn er ist der festen Überzeugung, dass die "eigentliche Dynamik für den Klimaschutz nicht von oben kommt, von der Politik, sondern von unten - von Unternehmen, Städten Produzenten und der sozialen Bewegung". Deswegen unterstützt er Projekte wie Utopia auf einem ehemaligen Bahnhofsgelände im Wuppertaler Stadtteil Mirk, wo Menschen alternative Wirtschaftsweisen und Lebensentwürfe ausprobieren. Bei Vorträgen ermuntert er seine Zuhörer, sich selbst "als Handelnde zu ermächtigen" im Kampf gegen die Erderwärmung und deren sozialen Folgen.

Berührungsängste mit der Industrie hat Schneidewind nicht, das Freund-Feind-Schema mancher Umweltschützer hält er für kontraproduktiv. Es reiche nicht, der perfekten Bio-Welt hinterherzuträumen, hat er einmal gesagt. Wenn immer mehr Menschen Fast Food essen, sei es eben auch sinnvoll, einen Konzern wie McDonald's zu beraten. Die Wuppertaler Forscher haben bei dem US-Konzern untersucht, wie Rind- und Geflügelfleisch hergestellt und der Abfall entsorgt wird und wie viel CO₂ anfällt.

Neuen Technologien begegnet Schneidewind aufgeschlossen, vor allem die Digitalisierung fasziniert ihn - aber aus einem ganz anderen Grund als jene Unternehmer, die sich davon Geschäftschancen und Gewinne versprechen, indem sie mit neuen Technologien ganze Branchen umkrempeln, ob Buchläden oder das Taxigewerbe. Schneidewind interessieren diese Brüche, weil sie bei Menschen wieder die Fantasie anregten, "neue Welten zu denken" und ausgetretene Pfade zu verlassen.

Mit Technologie alleine werde man die Klimaerwärmung aber nicht stoppen, warnt Schneidewind. Er erzählt gerne eine Beobachtung aus Japan. Als nach dem GAU im japanischen Atommeiler Fukushima ein Stromengpass drohte, tauschten die Japaner in den Büros Jackett kurzerhand gegen Pullover und schalteten die Strom fressenden Klimaanlagen ab. Verhaltensänderungen können eben ein immenses Potenzial entfalten.