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"Ich wollte Menschen keine Finanzprodukte verkaufen, mit denen sie wenig anfangen können." Dirk Ulbricht.

(Foto: dpa)

Dirk Ulbricht hat erst Versicherungen verkauft, dann kam die Sinnkrise. Nun ist er ein Kritiker der Branche, und Verbraucherschützer.

Von Caspar Dohmen

Manchen Beschäftigten packt die Sinnfrage, wenn sich die Karriere dem Ende neigt. Dann grübelt der ein oder andere über sein Tun, mancher bereut dann, womit er sein Geld verdient hat, und versucht der Gesellschaft etwas Gutes zu tun.

Dirk Ulbricht hat die Sinnkrise bereits am Anfang seines Berufslebens erfasst: Statt den Verkauf von Versicherungen voranzutreiben, arbeitet der Volkswirt deswegen nun als Verbraucherschützer. Seit Anfang des Jahres ist der 37-Jährige Geschäftsführer des Instituts für Finanzdienstleistungen in Hamburg. "Ich wollte Menschen keine Finanzprodukte verkaufen, mit denen sie wenig anfangen können", sagt Ulbricht, der zum Führungskräftenachwuchs der Allianz-Versicherung gehörte, zuletzt als Vertriebsbereichsleiter in Berlin arbeitete. Dort erlebte er eine Verkaufskultur, die ihm kräftig gegen den Strich ging. "Mancher hat übersehen, dass es hier um Menschen geht."

Er wolle Kunden beispielsweise nicht zum Kauf von Lebensversicherungs-Policen raten, von denen er selbst wenig hält und die sich für einen Großteil der Sparer ohnehin nicht rechne, wegen der hohen Provisionen für den Versicherer und weil sie den Vertrag nicht durchhalten würden. "Ein gutes Geschäft ist die Lebensversicherung doch vor allem für die Unternehmen", sagt er. Unverantwortlich findet Ulbricht es auch, Kunden zum Wechsel einer Police zu überreden, nur weil das Unternehmen dann erneut eine Provision einheimsen kann.

Ulbricht reichte nach vier Jahren die Kündigung ein, ohne eine Alternative in der Tasche zu haben. Mehrere Jahre unterrichtete er als freier Dozent Betriebswirtschaftslehre und ging dann als Konjunkturforscher zum Deutschen Institut der Wirtschaft, obwohl er sich eine wissenschaftliche Karriere eigentlich nicht mehr so recht vorstellen konnte.

Ein Rebell ist Ulbricht nicht, mit seiner Lehre bei der Deutschen Bank, seinem Studium der Volkswirtschaft und seiner Promotion beim Ifo-Institut, in der er sich mit dem Finanzmarkt auseinandergesetzt hat. Offen gibt er zu, dass ihm am Angebot der Allianz vor allem die Aussicht auf das gute Gehalt gereizt habe. Er habe während seiner Ifo-Zeit zu dem "Doktoranden-Prekarität gehört, halbe Stelle, 1200 Euro Gehalt und restriktive Einschränkungen für Nebenjobs". Aber so wichtig sei ihm Geld dann doch nicht gewesen, als dass er dafür bereit sei, auf Dauer einen Job zu machen, den er für sinnlos hält.

Sein Glück war es wohl, dass er einen anderen abtrünnigen Allianz-Mitarbeiter kennenlernte, den Mathematiker Axel Kleinlein, der heute den Bund der Versicherten leitet und einer der schärfsten und gewandtesten Kritiker der Versicherungsbranche ist. Ulbrich hat dessen kleinen Stab geleitet und fand Gefallen an der Arbeit als Verbraucherschützer. Schließlich lernte er Udo Reifner kennen, den Gründer des Iff-Instituts für Finanzdienstleistungen. Das eine kam zum anderen, und so heuerte Ulbrich bei den Hamburgern an. Wenn man ihm in seinem kleinen Büro gegenübersitzt und zuhört, gewinnt man fast den Eindruck, er sei nie etwas anderes gewesen als ein engagierter Verbraucherschützer, so überzeugend parliert er über Themen wie die Überschuldung von Verbrauchern, dem Konto für jedermann oder die Altersvorsorge.

Mancher ehemalige Raucher wird zum energischen Nichtraucher. Einen ähnlichen Eindruck hat man von Ulbricht, dem Ex-Versicherungsmitarbeiter. Er lässt kaum ein gutes Haar an der Assekuranz, egal, über welches Produkt man spricht, ob Hausratversicherung, Unfallversicherung oder Berufsunfähigkeitsversicherung. Ulbricht hat seine Aufgabe gefunden, als Kritiker.