Nahaufnahme Pilotpartner gesucht

Wie viel verdient der Baumwoll-Bauer, können die Näherinnen mit ihrem Job eine Familie ernähren? Und was kostet ein T-Shirt dann im Laden?

(Foto: oh)

Der Handel tut sich schwer mit fairer Mode. Die meisten Läden verkaufen nur geringe Mengen und die Umsätze sind niedrig. Nun starten die Anbieter eine Initiative.

Von caspar Dohmen

Manche Leute mögen sie in schrillen Farben, andere individuell bedruckt, mit Fotos oder Sprüchen, wiederum andere bevorzugen das schlichte Weiß für untendrunter: T-Shirts stehen bei den 14 Kilogramm Bekleidung, die der Durchschnittsdeutsche jährlich kauft, weit oben auf der Liste. Auch deshalb, weil sie so billig sind. Bei Textildiscountern wie Primark oder Filialisten wie H&M kosten sie oft nur noch genauso viel wie eine Tasse Kaffee bei Starbucks nebenan. Schwierig wird es jedoch, wenn jemand eines kaufen will, das fair produziert worden ist.

Denn das faire T-Shirt ist eine rare Spezies. Fair produziert würde schließlich bedeuten, dass die Menschen, die es herstellen, also die Baumwollbauern, Spinner, Näher und all die anderen, einen Lohn erhielten, der ihre Existenz und die ihrer Familien sichern würde. Davon aber kann nicht die Rede sein. Der gesetzliche Mindestlohn für Textilarbeiter liegt in den wichtigen Fabrikationsländern fast durchweg deutlich unter dem existenzsichernden Lohn, oft sogar um siebzig bis achtzig Prozent. Eine Näherin in Bangladesch müsste derzeit beispielsweise täglich 22 Stunden arbeiten, und das an sieben Tage die Woche, um auf einen echten Existenzlohn zu kommen.

Aber hat die ganze Branche nach schweren Unglücken in Textilfabriken nicht einen Kurswechsel versprochen? Und gibt es nicht ein ambitioniertes Textilbündnis in Deutschland, angestoßen von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, bei dem unter anderem Konzerne wie Adidas, Kik und C&A mit am Tisch sitzen? Tatsächlich tun sich die großen Modemarken und Handelsunternehmen schwer, wenn es ernst wird. Bisher sind es fast nur Pioniere, die als Hersteller wie Armed Angels oder Versender wie Zündstoff versuchen, faire Mode zu verkaufen. Doch ihre Umsätze sind gering. Und wenn manche solcher fairen und grünen Pioniere die Baumwolle in den USA einkaufen oder die T-Shirts in Europa herstellen, dann ist die Wahrscheinlichkeit zwar groß, dass tatsächlich existenzsichernde Löhne gezahlt werden; aber das hilft trotzdem nicht den Bauern, die Baumwolle anbauen oder als Arbeiter in Bangladesch oder Kambodscha nähen.

Einige Verbraucher immerhin verlangen inzwischen fair produzierte T-Shirts. Dieser Tage übergeben NGOs der EU-Kommission eine Petition mit mehr als 110 000 Unterschriften. Und es gibt auch Organisationen, die dafür sorgen wollen, dass mehr faire T-Shirts produziert werden. Das hat sich beispielsweise der faire Handel vorgenommen, der bislang vor allem Rohstoffe wie Kaffee, Kakao, Bananen oder Baumwolle zertifiziert.

Um die Zustände in der Textilindustrie zu verbessern, hat der faire Handel, der von einer ganzen Reihe zivilgesellschaftlicher und kirchlicher Organisationen getragen wird, beschlossen, Neuland zu betreten: Ziel ist eine faire Produktionskette für das industriell hergestellte Massenprodukt Bekleidung - vom Baumwollfeld bis zur Konfektion. Die Löhne sollen innerhalb einer Übergangszeit von fünf bis sechs Jahren schrittweise auf das Niveau existenzsichernder Löhne angehoben werden. Die Leibchen würden dadurch kaum teurer, die Arbeitskosten belaufen sich meistens auf weniger als ein Prozent des Endpreises. Umfragen zeigen, dass viele Verbraucher bereit wären, für ein faires T-Shirt mehr auszugeben.

Es gibt auch schon Fabrikanten in Entwicklungsländern, die mitmachen wollen. Was fehlt sind jedoch Unternehmen oder Händler, die bereit sind für Pilotprojekte. "Es gibt bisher keine einzige Zusage", sagt Dieter Overath, Geschäftsführer von Transfair Deutschland. Die Gespräche erinnern ihn an ein Billardspiel: "Jeder schießt die Kugel in eine andere Ecke, aber niemand versenkt sie."