Nahaufnahme Frühes Glück

"Ökonomen suchen immer eindeutige kausale Zusammenhänge. Die gibt es aber nicht immer." Uwe Sunde

(Foto: LMU München)

Uwe Sunde erhält den wichtigsten deutschen Ökonomen-Preis. Dabei sei es gar nicht so einfach, ihn in eine Kategorie einzuordnen, sagt er über sich selbst.

Von Jan Willmroth

Als Uwe Sunde Platz nimmt im Hörsaal H1 der Uni in Münster, könnte man ihn auf den ersten Blick für einen der vielen Doktoranden halten, die am Montagmorgen die Stuhlreihen füllen. Sunde aber wird nach einigen Minuten wieder aufstehen, er kennt bereits, was der Dozent vorträgt, denn er beschäftigt sich seit Jahren mit ähnlichen Themen: Welche Effekte hat der Wissenstransfer zwischen Generationen auf das Wachstum ganzer Länder? Sunde, 42, Professor für Bevölkerungsökonomie in München, geht wieder hinaus in den diesigen Tag.

Es wird der Tag werden, an dem er offiziell in die Reihe der bedeutendsten deutschsprachigen Wirtschaftsforscher aufgenommen wird: Sunde erhält in diesem Jahr den Gossen-Preis des Vereins für Socialpolitik, der Vereinigung deutschsprachiger Ökonomen. Es ist der wichtigste Preis des Vereins, für den sich nur qualifiziert, wer als Forscher unter 45 Jahren weltweit Ansehen gewonnen hat - mit Veröffentlichungen in bedeutenden Fachjournalen, mit Ergebnissen, die in diesen zitiert werden.

Ein Beispiel dafür ist Sundes Arbeit auf dem Gebiet der Langzeitentwicklung und der Frage nach den Quellen des Wirtschaftswachstums. Noch immer haben Ökonomen die Frage nicht restlos gelöst, warum einige Länder in der Geschichte kaum gewachsen sind, und andere - beispielsweise in Europa - eine so beeindruckende Zeit hoher Wachstumsraten hinter sich haben. Schaut man sich nicht Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte an, zeigt sich: Irgendwo im Verlauf der industriellen Revolution gibt es einen Knick, nach dem die Wachstumsrate enorm anschnellt und Länder wie Deutschland schneller reich werden. In einem seiner wichtigsten Papiere lieferte Sunde 2004 einen Teil der Erklärung: Er nutzte ein Modell, in dem er die Entwicklung der Lebenserwartung der Menschen in einem Land mit deren Bildungsgrad verglich und auf das Wirtschaftswachstum bezog. Das Modell zeigt einen sich selbst verstärkenden Effekt: Leben die Menschen länger, gehen sie länger in Schulen und Hochschulen, schaffen mehr Wissen, das sie weitergeben können - bis irgendwann flächendeckend die Voraussetzungen für anhaltendes Wachstum geschaffen sind.

Sundes Berechnungen liefern einen Teil der Wahrheit, nämlich, dass eine steigende Lebenserwartung mit höheren Wachstumsraten verknüpft ist. "Ökonomen suchen immer eindeutige kausale Zusammenhänge. Die gibt es aber nicht immer", sagt Sunde. Vielmehr hängt wie in diesem Fall alles mit allem zusammen, den einen Faktor, der Wachstum verursacht oder verhindert, gibt es nicht.

Mit dem Papier schaffte es Sunde vor elf Jahren in das American Economic Review, das als weltweit angesehenste Publikation in der Volkswirtschaftslehre gilt. Wer dort veröffentlicht, wird wahrgenommen. Sunde hatte damals noch nicht lange eine Stelle am Institut für die Zukunft der Arbeit in Bonn angetreten, und dass er mal Lehrstuhlinhaber in München werden und den wichtigsten deutschen Ökonomen-Preis erhalten würde, konnte er nicht ahnen. "Ich hatte Glück", sagt er, "mit meinen Co-Autoren, und damit, bereits früh in wichtigen Journalen publizieren zu können." Erst 1998 hatte er sein Diplom-Studium an der Münchner Universität abgeschlossen, promovierte dann in Bonn und Barcelona, schloss die Promotion mit Auszeichnung ab - und fand sich kaum später in der obersten Liga der Forscher wieder.

Als solcher sei es schwierig, ihn in eine Kategorie einzuordnen, sagt er: Ist er Mikroökonom, der zu Risiko und Verhalten forscht, oder doch Makroökonom, der Wachstum untersucht? So wichtig ist das heute nicht mehr. Sunde macht einfach, was ihn interessiert.