Nahaufnahme Erzieher gesucht

Jeff Jones war geholt worden, um aus dem umstrittenen Fahrdienstvermittler Uber ein gereiftes Unternehmen zu machen. Nun gibt er auf.

Von Claus Hulverscheidt

Er war geholt worden, um ein kleines Wunder zu vollbringen. Um einen Halbstarken zu zähmen und einen Erwachsenen aus ihm zu machen. Doch nach nur sechs Monaten im Amt lautet das ernüchternde Fazit: Mission gescheitert - der Fahrdienstvermittler Uber ist nach wie vor kein anerkannt-gereiftes Unternehmen, sondern bleibt der halb bewunderte, halb verachtete Raufbold. Jeffrey J. Jones, den alle nur Jeff nennen, ist deshalb jetzt von seinem Posten als Uber-Präsident zurückgetreten.

Der Beschluss wirft ein Schlaglicht auf eine Firma, die zuletzt Skandal auf Skandal gehäuft hat und tief in der Krise steckt. Der "Präsident", der trotz seines schillernden Titels stets im Schatten von Firmengründer und Vorstandschef Travis Kalanick stand, hat das Bild vom Erwachsenen, den er vergeblich zu formen versuchte, in E-Mails an US-Medien selbst gebraucht. "Es ist mir klar geworden", so begründete er seine Demission, "dass die Vorstellung von Führung, die meine bisherige Karriere bestimmt hat, mit dem, was ich bei Uber gesehen und erlebt habe, unvereinbar ist."

Details wollte Jones nicht nennen, doch schon die wenigen Worte zeigen, dass ihm weniger die unternehmerischen Fehler bei Uber zu schaffen machten als vielmehr die moralisch-stilistischen. Eine frühere Angestellte hatte jüngst von wiederholten sexuellen Belästigungen berichtet, die niemand ahnde. Kalanick wurde gefilmt, wie er wütend und herablassend mit einem seiner Fahrer stritt. Das Unternehmen setzte eine geheime Software ein, um die Behörden beim Aufspüren von Rechtsverstößen zu behindern. Und der Konkurrent Google beschuldigt Uber, Technologien zum Bau selbstfahrender Autos gestohlen zu haben.

Angesichts der Masse an Vorwürfen sah sich Jones offensichtlich nicht mehr in der Lage zu tun, wofür er eingekauft worden war: die Marke Uber neu zu positionieren und ihr ein besseres Image zu verpassen. Der Fahrvermittler gilt zwar vor allem bei jüngeren Menschen als cool, zugleich aber auch als aggressiv, rücksichtslos und unverfroren. So soll Uber etwa versucht haben, aus einem Streik der New Yorker Taxifahrer gegen die Einreisepolitik der Regierung finanziell Kapital zu schlagen. Angeblich löschten daraufhin bis zu 200 000 Kunden die Uber-App von ihren Handys.

Bei seinem Ex-Arbeitgeber Target, einer lange als Ramschbude geltenden Warenhauskette, war es Jones durch geschicktes Marketing noch gelungen, das Ansehen aufzupolieren. Kalanick hatte den heute 49-Jährigen deshalb im vorigen Jahr mit einigem Tamtam abgeworben und als Nummer zwei im Konzern installiert. Doch die beiden Manager passten nie zueinander: hier der adrette Jones mit den fein gestutzten grauen Haaren, der filigranen Hornbrille und dem freundlichen, beinahe kitschig-gütigen Buchhalter-Lächeln, dort der rauflustige, hemdsärmelige Kalanick mit der Boxer-Visage, der nach Gesetzen nur fragt, um herauszufinden, wie man sie umgehen kann. Das musste beinahe schiefgehen.

Die Schuld ist wohl eher bei Kalanick zu suchen, denn dem Firmengründer ist zuletzt ein halbes Dutzend Führungskräfte abhandengekommen. Dass er jüngst ankündigte, den Posten eines Geschäftsführers für die Tagesarbeit zu schaffen, dürfte Jones' bei seinen Kündigungsüberlegungen noch bestärkt haben. Der Neue nämlich wäre in der Uber-Hierarchie wohl zwischen ihn und Kalanick gerutscht.

Letzterer hatte nach dem bekannt gewordenen Streit mit einem seiner Fahrer Abbitte geleistet und angekündigt, sich um professionelle Führungshilfe zu bemühen. "Ich muss mich als Führungspersönlichkeit grundlegend ändern und erwachsen werden", schrieb Kalanick auf der Uber-Webseite. Auf die Hilfe des Erziehungsberaters Jones kann er dabei nun nicht mehr hoffen.