Nahaufnahme Der Kronprinz

Martin Blessing, früherer Commerzbank-Chef, leitet nun die Vermögensverwaltung der UBS. Damit hat er gute Chancen, die Schweizer Großbank dereinst zu führen.

Von Meike Schreiber

Es war zuletzt auffallend ruhig geworden um Martin Blessing. Im September 2016 war der langjährige Commerzbank-Chef zur ungleich größeren Schweizer UBS gewechselt. Soweit, so interessant. Allein, man hörte kaum noch etwas von ihm. Auftritte, gar Interviews? Das gab es nur noch wohldosiert und ausschließlich mit Schweiz-Bezug. Stattdessen, so heißt es in Zürich, bereiste Blessing, verantwortlich für das Schweiz-Geschäft, mehrmals die zehn eidgenössischen Geschäftsregionen. Vom Tessin über die Romandie bis an den Bodensee. Dort gab er sich als wissbegieriger Neuling, nicht mehr als schneidiger Besserwisser, den er zum Ende seiner Amtszeit in Frankfurt gern herauskehrte.

Die Strategie scheint sich auszuzahlen. Zum Jahresanfang übernimmt Blessing die Leitung der weltweiten Vermögensverwaltung der UBS. Jürg Zeltner, der dafür lange Jahre verantwortlich war, verlässt die Bank, überraschend, vermutlich nicht im größten Einvernehmen. Blessing, so ist man sich in der Finanzbranche von Zürich bis Frankfurt weitgehend einig, ist damit klarer Favorit für die Konzernspitze, zumindest wenn Vorstandschef Sergio Ermotti seinen Posten aufgibt, was spätestens im Jahr 2022 der Fall sein dürfte.

Die Entscheidung ist durchaus erstaunlich, schließlich haftete dem 54-Jährigen in der Heimat lange der Makel des "Kapitalvernichters" an, als der er auf den Hauptversammlungen der Commerzbank stets beschimpft wurde. Blessing mag die Bank nach der Krise stabilisiert haben. Aus Sicht der Altaktionäre aber waren die vielen Kapitalerhöhungen während seiner achtjährigen Amtszeit ein einziges Ärgernis. Auch sein Nachfolger Martin Zielke erklärte die "Gelben" erst einmal zum Sanierungsfall.

Dass Ermotti und sein Verwaltungsratschef Axel Weber Blessing seinerzeit zur UBS holten, war daher fraglos ein Glücksfall für ihn. Nicht nur, weil er sein Gehalt, das wegen des Staatseinstiegs bei der Commerzbank auf 500 000 Euro begrenzt war, vervielfachen konnte. Die UBS steht zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise und der damaligen Schieflage hervorragend da, besser jedenfalls als die Credit Suisse, die Schweizer Nummer zwei, und Welten besser als die Deutsche Bank. Das riskante Investmentbanking wurde frühzeitig geschrumpft. Um den Erfolg in der globalen Vermögensverwaltung wird man beneidet. Erst unlängst wurde die UBS als Käufer der Commerzbank gehandelt.

Blessing wiederum machte sich die Digitalisierung zur Aufgabe, wofür er reichlich Erfahrung aus Frankfurt mitbrachte. Die Vermögensverwaltung aber, die er nun übernimmt, ist die Herzkammer der UBS. "Die neue Aufgabe ist deutlich größer und kann ihn nach dem Weggang von Zeltner auf jeden Fall zum Chefposten führen", sagt ein langjähriger Weggefährte. Zumindest, wenn er es sich gut dabei anstelle.

Bleibt die Frage, wie viele Deutsche die UBS-Banker in der Führung ertragen? Wahrscheinlich nicht mehrere, weswegen viele glauben, dass Blessing erst aufrücken kann, wenn Landsmann Weber in den Ruhestand geht und Ermotti womöglich den Verwaltungsratsvorsitz übernimmt. Bisher pendelt Blessing noch von Zürich nach Frankfurt, wo seine Frau Dorothee als Deutschland-Chefin der US-Bank JP Morgan arbeitet. Immerhin aber kann er auf ein BWL-Studium in St. Gallen zurückblicken. Und: Mit Ossi Grübel stand (von 2009 bis 2011) schon einmal ein Deutscher an der Spitze. "Ich glaube nicht, dass das Probleme gibt", sagt ein UBS-Kenner.

Der NZZ sagte Blessing: "In der Schweiz muss man genauer zuhören. Viele Meinungen werden subtil angedeutet - Kritik zum Beispiel." Deshalb achte er mehr auf die Zwischentöne, Schweigen bedeute nicht einfach Zustimmung. Er wird jetzt noch genauer zuhören.