Nahaufnahme Brot statt Ceta

Cornelia Füllkrug-Weitzel mobilisiert ihr Hilfswerk für Demos gegen Freihandelsabkommen.

Von Michael Bauchmüller

Vielleicht lässt sich die Sache am leichtesten so zusammenfassen: Alle Armut ist politisch. Deshalb sitzt Cornelia Füllkrug-Weitzel an diesem Dienstag auf dem Podium der Bundespressekonferenz, es präsentiert sich das "Bündnis gegen Ceta und TTIP". Der Gewerkschafter Frank Bsirske ist dabei, die Chefs des Kulturrats und der Naturfreunde, ein Mensch vom Aktionsnetzwerk Campact - sie alle wollen von den geplanten Abkommen mit den USA und Kanada nichts wissen, nicht in dieser Form. Der Ton ist scharf. "Die beiden Abkommen lassen Entwicklungspolitik und Menschenrechte nicht nur vollständig unerwähnt", sagt Füllkrug-Weitzel, "sondern sie widersprechen auch ihren Anforderungen." Wer sich für Ceta und TTIP einsetze, dürfe sich später nicht über die "sogenannte Wirkungslosigkeit von Entwicklungshilfe beklagen", ebenso wenig über wachsende Flüchtlingszahlen. Für die Chefin eines kirchlichen Hilfswerks wie Brot für die Welt sind das starke Worte.

Wenn aber alle Armut politisch ist, muss auch Brot für die Welt politisch sein. So ungefähr sieht das Cornelia Füllkrug-Weitzel. Seit 2000 leitet sie Brot für die Welt und die Diakonie Katastrophenhilfe, durch Fusionen wurde das Entwicklungswerk der evangelischen Kirche über die Jahre immer größer. Mit 570 Mitarbeitern ist es mittlerweile das größte nicht-staatliche Hilfswerk Europas, womöglich der Welt. Und nie war es so politisch wie heute. Einst ein ziemlich angestaubter Laden, hat Füllkrug-Weitzel es deutlich klarer positioniert. "Politisch aufzutreten, selbst Stellung zu beziehen, das war vorher sakrosankt", sagt ein Kenner der Organisation.

"Mit ihr hat sich das radikal geändert." Folglich wird Mitte September, wenn hierzulande Menschen gegen die beiden Abkommen auf die Straße gehen, auch Füllkrug-Weitzel dabei sein. Sie habe ja nichts gegen Freihandel, sagt sie. Statt aber über die Welthandelsorganisation alle Staaten einzubeziehen, würden Staaten ausgegrenzt - und später in bilaterale Verträge gezwungen, deren Blaupause Industriestaaten ausgehandelt haben. Ein "Armutsförderungsprogramm", sagt sie.

Die Pfarrerin hat nicht nur Theologie studiert, sondern auch Politikwissenschaften am traditionell linken Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Als 18-Jährige hatte sie bei einem Praktikum in Mailand Chilenen kennengelernt, die vor dem Pinochet-Regime geflohen waren. "Teilweise waren die schwerst gefoltert worden", sagt Füllkrug-Weitzel. Es war die erste Erfahrung mit den Folgen schwerer Menschenrechtsverletzungen. Sie hatte bleibende Wirkung. Später trat sie in die SPD ein. "Ich bin ein politisch denkender Mensch", sagt sie. "Gerade, was globale Gerechtigkeitsfragen angeht."

Die ziehen sich auch durch die Arbeit des Hilfswerks. Seit jeher geht es dort darum, Menschen die berühmte "Hilfe zur Selbsthilfe" zu geben. "Zu viel Geld geht in den Bereich, wenn das Kind schon im Bach liegt", sagt Füllkrug-Weitzel. Angesichts von Flucht und Vertreibung, Kriegen und Katastrophen müsse Entwicklungsarbeit viel stärker präventiv wirken.

Fast hätte sie da noch mehr Einfluss erlangt. Als Peer Steinbrück 2013 Kanzler werden wollte, holte er die Frau, die mit ihren zackigen Brillen immer etwas streng wirkt, in sein Schattenkabinett. Sie hätte Entwicklungsministerin werden sollen, doch das Ressort ging an die CSU. So gesehen ist das für Sigmar Gabriel vielleicht noch mal gut gegangen, denn den Widerstand gegen die beiden Abkommen hätte er sonst nicht nur von der Straße, sondern auch am Kabinettstisch. Nein, dem linken Flügel der Partei gehöre sie nicht an, sagt die Pfarrerin. "Ich bin da zu verorten, wo es meine christlichen Werte verlangen." Da aber kräftig.