Sozialstaat Wie ein Grundeinkommen die Populisten schwächen soll

Guy Standing hat schon in den 80er Jahren eine Initiative fürs Grundeinkommen gegründet. Damals hat man ihn verspottet - jetzt kann er sich vor Anfragen nicht mehr retten.

Von Pia Ratzesberger

Die meisten hielten die Idee für dumm, vielleicht auch für gefährlich. Auf jeden Fall für "absolutely crazy", absolut verrückt. Und Guy Standing muss nun ein wenig lachen, wenn er an die Worte von damals denkt. In den Achtzigerjahren wussten sie mit seiner Idee nichts anzufangen, verspotteten sie als kommunistisch und jetzt ist er schon wieder eingeladen, vor Unternehmern und Politikern aus allen Staaten Europas. Vor ein paar Monaten war er bei den Tedtalks in Prag, im Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos, jetzt also der European Business Summit in Brüssel. Jeden Tag bekomme er Anrufe, so viele wie nie zuvor, alle interessieren sich plötzlich für das Grundeinkommen. Die Idee war gut, würde die Band Tocotronic singen. Vielleicht ist die Welt nun auch bereit.

Guy Standing muss gleich los zur Diskussion, "Money for nothing" heißt die im Programm, das ärgert ihn. Auch wenn sie ihm endlich zuhören. Guy Standing ist 69 Jahre alt, Brite, er forscht an der University of London und hat in den Achtzigerjahren eine der ersten großen Initiativen fürs Grundeinkommen mit gegründet, das Basic Income Earth Network, kurz BIEN. In einer Stadt wie Brüssel versteht bei "bien" jeder "gut" und das kommt Guy Standing ganz recht. Im Palais d'Egmont muss er dem Publikum aber erst einmal erklären, was ein Grundeinkommen ist und warum das nicht "Money for nothing" bedeutet, also "Geld für nichts".

Der Ökonom weiß, was er erzählen muss bei solchen Anlässen, er wirbt dann mit den ganz großen Begriffen, mit Gerechtigkeit und Freiheit und Sicherheit, aber er hat davon ja auch erzählt als ihn noch keine Kameras filmten, wie heute, und er sich im Licht des Scheinwerfers immer wieder einmal mit dem Handrücken über die Stirn fahren muss. Wenn es nach Standing ginge, würde ein Staat jedem Bürger die gleiche Menge an Geld zahlen, am liebsten finanziert mit Steuern auf den "Rentier-Kapitalismus". Damit ist die kleine Zahl an Menschen gemeint, die mehr und mehr an ihrem Besitz verdiene, wegen der Patente, wegen des Urheberrechts und das will Standing ändern, auch wenn er schon weiß, was die Kritiker sagen: Gebe es ein Grundeinkommen, arbeite doch niemand mehr. Standing aber erzählt dann von Indien, in manchen Dörfern haben sie 18 Monate ein Einkommen gezahlt, kein hohes, zum Leben hätte es nicht gereicht. Aber selbst dieser Betrag habe viel verändert, mehr Essen, mehr Schulbesuche und ja, die Menschen hätten auch mehr gearbeitet. Einige machten sich selbständig. Sie hatten die Freiheit. Und darum gehe es doch.

Guy Standing hat vor ein paar Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel "Das Prekariat, die neue explosive Klasse". Zu dieser Klasse gehören für ihn nicht nur die Arbeiter, sondern auch die gut Ausgebildeten mit den unsicheren Verträgen. Er warnte in seinem Buch vor den Folgen, er prophezeite den Aufstieg rechter Parteien. Das war vor sechs Jahren. Und Standing hat eine Vermutung, warum sie nun alle bei ihm anrufen.

Die Populisten gewinnen und mancher fragt sich, ob die Idee von Guy Standing und seinen Kollegen vielleicht doch nicht so verrückt war. "Die Angst vor Leuten wie Donald Trump gibt der Debatte einen neuen Schub", sagt Standing auf der Bühne, er reckt den Arm nach oben. Er ergreift oft das Wort in dieser Diskussionsrunde, er redet lange, aber er weiß ja auch, dass es lange dauern kann, bis Worte ankommen.

Ein Mann aus dem Publikum meldet sich, er fragt, welche Bürger das Grundeinkommen erhalten würden und unter welchen Bedingungen. Vielleicht habe er sich nicht deutlich ausgedrückt, sagt Guy Standing. Er erklärt es dann noch einmal, das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen.