Nachhaltigkeit Setzt! Endlich! Grenzen!

Der kleinere Teil der Menschheit lebt seit Jahrzehnten über seinen Verhältnissen: Er verbraucht viel mehr Ressourcen, als ihm zustehen und verträglich ist.

(Foto: AP)
  • Auf freiwilligen Verzicht zu setzen, ist naiv und fahrlässig.
  • Die Bereitschaft zu Veränderungen ist da, doch es fehlen Regeln.
  • Die Politik muss stärker eingreifen, nicht nur mit Verboten, sondern als Planer, Vermittler und Entscheider.
Essay von Silvia Liebrich

Ein Zug rast auf den Abgrund zu. Man kann ihn noch bremsen, doch die Lokführer tun es nicht. Weil sie die Gefahr der Situation nicht erkennen, weil sie glauben, der Abgrund sei weit entfernt und sie müssten noch nicht reagieren. Doch der Bremsweg des Zuges ist lang, und der Abgrund rückt näher und näher.

Mit dieser Metapher lässt sich der Zustand von Erde und Menschheit beschreiben. Der Abgrund ist die drohende Klima- und Umweltkatastrophe, die Lokführer sind die Entscheider aus Politik und Wirtschaft - und die Passagiere in den Wagen sind Milliarden Menschen, die darunter leiden werden, wenn der Zug nicht gebremst wird. Dafür bleibt nicht mehr viel Zeit.

Der kleinere Teil der Menschheit lebt seit Jahrzehnten über seinen Verhältnissen: Er verbraucht viel mehr Ressourcen, als ihm zustehen und verträglich ist, er beutet Natur und Meere gnadenlos aus, verursacht irreparable Schäden - zulasten künftiger Generationen. Doch wird der Umweltschutz in die Waagschale mit ökonomischen Interessen geworfen, sind es allzu oft letztere, die schwerer wiegen, gegen jede Vernunft.

Viele Menschen, auch in Deutschland, sind sich der verheerenden Folgen dieses Verhaltens bewusst, doch sie fühlen sich ohnmächtig. Sie wissen nicht, wie sie effektiv handeln können und versuchen es erst gar nicht. Was im Alltag oft fehlt, ist ein geeigneter Ordnungsrahmen, um es anders und besser zu machen. Was die Gesellschaft braucht, sind verbindliche Regeln, um dem zerstörerischen Konsumverhalten Grenzen setzen. Sie braucht Anreize zum Maßhalten und für einen verantwortungsvollen Lebensstil. Mit Verboten allein, etwa von klimaschädlichen Dieselautos, ist es da nicht getan.

Selbst Firmen wünschen sich radikalere Vorgaben

Für einen tief greifenden Wandel sind deutliche Signale aus Politik nötig. Doch die scheut sich, zu ordnen und zu regulieren. Sie schiebt Bürgern eine Verantwortung zu, der jeder für sich genommen nicht gerecht werden kann. Verbraucher sollen sich moralisch richtig verhalten und auf schädlichen Konsum verzichten - am besten freiwillig. Dieser Ansatz mag in vielen Bereichen des Lebens richtig sein. Wenn es aber darum geht, eine globale Klima- und Umweltkatastrophe zu verhindern, versagt er. Wer etwa vollständig auf Plastik im Alltag verzichten will, um das Müllproblem zu entschärfen, stößt schnell an Grenzen. Die wenigsten Lebensmittel und Konsumprodukte gibt es ohne Verpackung. Solang das ganze System des Handels samt Vorschriften darauf beruht, dass alles verpackt wird, am besten in mehreren Schichten, wird sich wenig ändern.

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Mehrwegverpackungen und andere umweltfreundliche Lösungen werden sich nur dann richtig durchsetzen, wenn diese zum allgemein gültigen Standard werden. Aufgabe der Politik ist es, solche Vorgaben und Ziele zu definieren, gemeinsam mit Produzenten, die sie dann erfüllen, und Verbrauchern, die dann richtig handeln können. Die Plastikmüllstrategie der EU ist ein erster Schritt in diese Richtung, bleibt aber in vielen Punkten viel zu vage.

Selbst Unternehmen wünschen sich mittlerweile radikalere Vorgaben der Politik. Laut einer Umfrage der Vereinten Nationen und der Unternehmensberatung Accenture wollen dies acht von zehn Managern - befragt wurden 1000 Firmenchefs in 100 Ländern. Das Anliegen hat einen guten Grund: "Wenn die Richtung vorgegeben ist, kann selbst der härteste Konkurrenzkampf die Transformation zur Nachhaltigkeit fördern", erklärt Michael Kopatz, Umweltwissenschaftler am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Der Autor des Buchs "Ökoroutine" fordert ein radikales Umdenken in Politik und Wirtschaft. Nicht Wachstum soll der alles bestimmende Standard sein, sondern der Schutz von Klima und Umwelt.

Dass dies gelingen kann, zeigt etwa die Ökodesign-Richtlinie der EU, die zum Ziel hat, Elektrogeräte langlebiger und effizienter zu machen. Diese Vorgaben wurden von Industrie, Ökoverbänden und EU-Kommission gemeinsam entwickelt. Klagen aus der Wirtschaft gab es kaum. Gleiche Regeln und Anreize für alle, das schafft faire Wettbewerbsbedingungen.