Geldanlage Nachhaltig Geld anlegen - aber wie?

Verseuchung des Rio Doce 2015 in Brasilien: Bewertungsagenturen sagen Anlegern, welche Firmen Mitschuld an solchen Ereignissen tragen.

(Foto: Ricardo Moraes/Reuters)
  • Nachhaltig Geld anzulegen, wird für Kunden immer wichtiger.
  • Doch die Kriterien, nach denen nachhaltige Fonds anlegen, sind sehr unterschiedlich.
Von Lea Hampel und Andrea Rexer, Frankfurt

Mit seherischen Fähigkeiten hat es nichts zu tun, nicht mit Erfahrung oder dem guten Riecher. Im Gegenteil: Anja Mikus hat von dem Skandal nichts geahnt. Und dennoch hat sie lange vor dem Bekanntwerden der Abgas-Affäre die Volkswagenaktien aus dem Portfolio der Arabesque-Fonds genommen. Anja Mikus ist die Grande Dame der Fondsbranche, sie hat für Pimco gearbeitet und für Union Investment. Mit Mitte 50 heuerte sie bei einem Fonds an, der sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat.

Mikus hat sich nicht umsonst für den "Impact Investment" (Investieren mit Einfluss) genannten Bereich entschieden. Nachhaltig zu investieren wird bei institutionellen und privaten Anlegern beliebter: Die GLS Bank gewinnt jeden Monat mehr als 2000 neue Kunden; bei der Dekabank beispielsweise haben die Kunden im vergangenen Jahr 300 Millionen Euro in Fonds investiert, von denen sie hoffen, dass neben der Rendite soziale und ökologische Kriterien berücksichtigt werden. Doch mit der steigenden Nachfrage steigt die Zahl der Angebote. Und nicht immer ist klar, was nur Marketing ist und wo tatsächlich neue Wege beschritten werden.

Gleichzeitig nähren Skandale immer wieder Zweifel: Wie nachhaltig können auf Wachstum angelegte Unternehmen sein? Nach welchen Kriterien landen sie in Portfolios? Wie lässt sich überprüfen, ob sie die Kriterien erfüllen? Lange hatte der Bereich des verantwortungsvollen Investierens vor allem ein Definitionsproblem. Es gab und gibt unzählige Begriffserklärungen, die unterschiedlichste Maßstäbe ansetzen. "Wenn man einen Nachhaltigkeitsfonds plant, ist die schwierigste Aufgabe, die richtigen Kriterien zu finden", sagt Marianne Ulrich, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Dekabank. Zwar gibt es mittlerweile Koordinaten: Unterschieden wird grob zwischen der Bewertung nach subjektiven Werten und internationalen Normen. Zudem wird eingeteilt danach, ob bestimmte Bereiche ausgeschlossen werden - keine Streumunition und keine Anti-Personen-Minen bei der Dekabank beispielsweise - oder Positivkriterien gelten, also ob eine Firma beispielsweise ein Leitbild zur verantwortlichen Unternehmensführung hat. Doch die Kriterien variieren nach Bank, Fonds oder Bewertungsagenturen.

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Letzteren kommt eine Schlüsselposition zu: Sie veröffentlichen regelmäßig Ratings - an diesen Ergebnissen orientieren sich Fondsmanager. Warum Vergleichbarkeit da schwierig wird, lässt sich schon an der Entstehung der Ergebnisse erklären. Bei der international anerkannten Agentur Oekom Research hat die Bewertung zwei Dimensionen: Umwelt und Soziales. Pro Branche hat Oekom 100 Kriterien festgelegt. Anhand derer schauen sich die Prüfer an, was ein Unternehmen sich vornimmt. Der zweite Blick kontrolliert: Überprüft das Unternehmen selbst, ob die Vorsätze eingehalten werden? Im dritten Schritt wird die Einhaltung durch externe Quellen überprüft. Je nachdem, wie die Ergebnisse ausfallen, erhalten Unternehmen Noten zwischen A+ und D-.

Ihre Informationen bekommen die Forscher von den Unternehmen. Das war vor zehn Jahren noch schwieriger als heute. Weil die Ratings mehr Beachtung finden und veröffentlicht wird, ob ein Unternehmen sich aktiv daran beteiligt hat, hat "die Bereitschaft zur Zusammenarbeit sehr stark zugenommen", sagt Kristina Rüter, Leiterin Unternehmens- und Länderanalyse bei Oekom. Ist ein Unternehmen geizig mit Details, vergeben die Prüfer auch mal schlechte Noten. "Das ist ein guter Hebel, um Informationen aus einem Unternehmen herauszulocken", sagt Rüter.

Zu internen kommen externe Quellen: Berichte von Aufsichtsbehörden, Nicht-Regierungs-Organisationen oder Fachmedien. "Aber auch Gerichtsurteile, die belegen, dass das Unternehmen seine Grundsätze nicht einhält, können hilfreich sein", sagt Rüter. Einfach ist das nicht. "Gelegentlich werden Dinge aufgeblasen, weil eine Organisation eine bestimmte Agenda hat." In kritischen Fällen nützen Rüter und ihre Kollegen 20 Jahre Erfahrung: Werden Abläufe in der Lieferkette eines Textil-Unternehmens in Süd-Ost-Asien bemängelt, ist beispielsweise eine Organisation glaubwürdig, die Wortlautinterviews mit Arbeitern vorlegt. "Wir versuchen immer, zusätzliche unabhängige Quellen zu bekommen und fragen uns jeweils: Ist das plausibel? Gibt es eine offizielle Ermittlung?" Steht die Bewertung, werden die Unternehmen mit den Ergebnissen konfrontiert. "Da wird manchmal um jeden einzelnen Punkt gerungen", sagt Rüter.