Nachhaltige Geldanlage Richtig leben

Kuss mit Mundschutz: Der Künstler Tvboy, der sich bei diesem Graffito einer Filmszene aus „La Dolce Vita“ („Das süße Leben“) mit Marcello Mastroianni and Anita Ekberg bediente, macht mit der Greenpeace-Aktion in Rom auf die Folgen der Luftverschmutzung aufmerksam.

(Foto: Alberto Pizzoli/AFP)

Immer mehr Anleger wollen ihr Geld umweltfreundlich und ethisch korrekt anlegen. Schon allein die Frage, was ein nachhaltiges Investment ist, lässt sich aber nicht so leicht klären.

Von Norbert Hofmann

Wenn bei den großen am Kapitalmarkt notierten Gesellschaften bald wieder die Arbeit an den Geschäftsberichten beginnt, müssen sie sich diesmal auf einiges an Mehraufwand einstellen. Erstmals nämlich sind sie aufgrund der CSR-Richtlinie der EU dazu verpflichtet, über nachhaltige Aspekte ihres Geschäftsmodells zu berichten. Die Abkürzung CSR steht für "Corporate Social Responsibility", also die gesellschaftliche Verantwortung der Wirtschaft. Der deutsche Gesetzgeber fordert nun die Bereitstellung von Daten zu Umwelt-, Sozial- und Arbeitnehmerbelangen ebenso wie zur Achtung der Menschenrechte.

"Nachhaltigkeit ist eine Frage der ökonomischen Vernunft und der ökologischen Notwendigkeit", sagt nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auch der von den G-20-Staaten nach der Finanzmarktkrise ins Leben gerufene Financial Stability Board, der Gefahren für die Märkte analysieren soll, denkt in diese Richtung. Er hat jüngst eine klimabezogene Berichterstattung der Unternehmen angemahnt. "Ein Investment, das mit dem für die Menschheit notwendigen Strukturwandel nicht konsistent ist, sollte irgendwann einmal die Ausnahme sein", erläutert Professor Ulf Moslener vom Frankfurt School Unep Center das Ziel solcher Bestrebungen.

Anleger mit hohem Einkommen und guter Ausbildung legen mehr Wert auf Nachhaltigkeit

Große institutionelle Anleger lassen das bereits in ihre Strategien eingehen. "Oft haben sie die Nachhaltigkeit dann sogar mehr im Blick als der durchschnittliche Privatanleger", sagt Moslener. Der Rückversicherer Swiss Re etwa wird künftig sein gesamtes Anlageportfolio von mehr als 100 Milliarden Dollar nach den ESG-Kriterien investieren. Das Kürzel steht für Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance). Auch der Pensionsfonds des Landes Nordrhein-Westfalen hat seine Anlagerichtlinien jetzt an diesen Kriterien ausgerichtet.

Insgesamt waren in Deutschland Ende 2016 rund 157 Milliarden Euro in nachhaltige Kapitalanlagen investiert. Nicht einmal ein Zehntel davon kommt von Privatanlegern. Und das, obwohl sich ein breites Spektrum von Möglichkeiten bietet. Ein bedeutender Teil der Anlagen etwa zur Gewinnung alternativer Energie wird durch private Direktbeteiligungen oder geschlossene Fonds finanziert. "Diese Anleger können da ziemlich genau nachvollziehen, was mit ihrem Investment geschieht und welche Wirkung sie für eine klimaverträgliche und ressourcenschonende Energieversorgung erzielen", sagt Rolf Häßler vom NKI - Institut für nachhaltige Kapitalanlagen.

Schwieriger wird das bei offenen Publikumsfonds, die vorrangig in eine Vielzahl von Aktien investieren. Laut einer GfK-Umfrage im Auftrag des NKI sind die Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten sowie der Schutz von Umwelt und Klima die wichtigsten Themen bei der Gestaltung nachhaltiger Anlageprodukte. Rund 40 Prozent der Befragten empfinden das Informationsangebot dazu als unzureichend und mehr als einem Drittel ist die Wirkung der Anlagen unklar. Die Skepsis ist berechtigt. So investieren viele Fonds nach dem Best-in-Class-Prinzip, bei dem aus jeder Branche die nach Nachhaltigkeitskriterien am besten bewerteten Unternehmen den Sprung in ein Portfolio schaffen können. "Diese Anlagephilosophie geht davon aus, dass jede Branche nachhaltig sein kann - zum Beispiel auch Rüstung und Kernkraft", gibt Alexander Mozer, Fondsmanager bei Ökoworld, zu bedenken. Doch was bedeutet das konkret? Behandelt ein solches Unternehmen seine Mitarbeiter gut? Recycelt es die Kanonenrohre? Sogar der Fukushima-Kraftwerkbetreiber Tepco war lange Zeit in nachhaltigen Portfolios enthalten.

Selbst wenn ein Fonds bestimmte Investments wie Atomkraft oder Gentechnik ausschließt, ist im Kleingedruckten nicht selten zu lesen, dass ein kleiner Teil des Portfolios dann doch in solche Geschäftsaktivitäten fließt. Mozer setzt lieber auf die hundertprozentige Umsetzung von Ausschlusskriterien und darauf, sich jede einzelne Firma genau anzusehen. "Wichtig ist zum Beispiel auch, mit welchen Zulieferern eine Firma zusammenarbeitet und welche Folgewirkung die Herstellung ihrer Produkte nach sich zieht", sagt er.

Zwar hält der NKI-Studie zufolge mehr als ein Drittel der Befragten nachhaltige Kapitalanlagen für attraktiv. Doch nicht einmal fünf Prozent haben investiert. Experte Häßler rät dazu, als Verbraucher selbst die Initiative zu ergreifen. "Privatanleger sollten ihre Berater auf weiterführende Informationen ansprechen und nicht auf entsprechende Angebote warten." Dass mehr Wissen einem umweltfreundlichen und sozialen Anlageverhalten auf die Sprünge helfen könnte, bestätigt die Studie. Demnach haben Anleger mit hohem Einkommen und guter Ausbildung eine überdurchschnittlich hohe Affinität zu Nachhaltigkeit. Den Banken, so Häßler, bietet der höhere Informationsbedarf die Chance, mit den Kunden in eine intensivere Geschäftsbeziehung zu kommen.

Bei der Hypo-Vereinsbank ist das Thema Nachhaltigkeit Teil der Anlageberatung. "Der aktive Dialog und damit die bessere Information der Kunden führt tatsächlich auch zu höherer Nachfrage in den nachhaltigen Varianten unserer Vermögensverwaltung", sagt Bernhard Brinker, Leiter Private Banking der Hypo-Vereinsbank. Bei der standardisierten Lösung für das Vermögensportfolio ist sogar bereits die Hälfte der Kundengelder in die Nachhaltigkeitsvariante investiert. "Auffällig ist außerdem, dass regelmäßige Sparer monatlich deutlich höhere Beträge in die Nachhaltigkeitsvariante investieren als bei den üblichen Sparplänen", sagt Brinker.

Das zeugt auch von der Hoffnung auf attraktive Renditen. Zahlreiche Studien belegen, dass nachhaltige Anlagen mindestens genauso gute oder sogar bessere Renditen erzielen als herkömmliche Investments. Einige repräsentative Börsenbarometer bestätigen es zumindest für die vergangenen fünf bis zehn Jahre. In diesem Zeitraum lieferte etwa der nach Nachhaltigkeitskriterien zusammengesetzte MSCI World ESG Leaders Index nahezu die gleiche Wertentwicklung wie der klassische marktbreite MSCI World. Brinker ist überzeugt davon, dass Nachhaltigkeit keine Performanceeinbuße bedeutet. "Meine Erfahrung zeigt, dass gutes Gewissen und gute Performance kein Widerspruch sein müssen."