Nach Rückrufaktion von Molkerei Überall der gleiche Käse

Die Vielfalt in den Supermarktregalen täuscht: Viele Produkte stammen vom selben Hersteller.

Nach dem Fund gefährlicher Bakterien in einer Käsesorte muss Deutschlands größter Milchkonzern gleich 20 Produkte zurückrufen. Der Fall macht wieder einmal deutlich, dass der Handel die Herkunft vieler Lebensmittel bewusst verschleiert. Zum Nachteil der Verbraucher.

Von Silvia Liebrich

Bunt und kaum überschaubar. So sieht das Warenangebot in vielen deutschen Supermärkten aus. Wer sich durch das Labyrinth der Regale schlängelt, gewinnt den Eindruck, dass er von einer immensen Vielfalt umgeben ist. Lebensmittel aller Art, appetitlich und ansprechend verpackt, wohin man schaut. Bis zu 30.000 einzelne Artikel umfasst das Sortiment eines gut sortierten Ladens.

Dass ein und dasselbe Produkt in unterschiedlichen Markenverpackungen daherkommen kann, ahnt vielleicht so mancher Kunde. Genau wissen kann er es nicht. Besonders ärgerlich ist dies, wenn etwa eine Schachtel Kekse erheblich mehr kostet als die daneben, obwohl der Inhalt fast identisch ist.

Dass es mit der Vielfalt nicht so weit her ist, wie angenommen, fällt meist erst dann auf, wenn etwas schief läuft. Wie diese Woche beim Deutschen Milchkontor (DMK). Deutschlands größter Molkereikonzern hat vorsorglich 20 Käse-Produkte zurückgerufen. Sie könnten mit gesundheitsgefährdenden Bakterien, sogenannte Listerien, belastet sein. Das Problem wurde frühzeitig entdeckt und das Unternehmen hat schnell reagiert. Der Schaden dürfte trotzdem beträchtlich sein: Fast alle großen Handelsketten sind betroffen: Edeka, Marktkauf, Lidl, Kaufland, Kaisers, Tengelmann, Netto und Real.

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Verschleierungstaktik mit System

Auffällig ist: Unter den zurückgerufenen Käsepackungen sind allein fünf verschiedene Gouda-Sorten, mit Markennamen wie Landhof, Mibell, Star Marke, Gutes Land oder Real Quality Käse. Dass alle diese Marken aus dem DKM-Werk in Georgsmarienhütte stammen, wissen die Wenigsten. Nachzulesen ist das, wenn überhaupt, allenfalls im Kleingedruckten auf der Verpackung. Doch Regeln gibt es dafür nicht. Diese Verschleierungstaktik hat System und ist im Handel weit verbreitet. "Die Handelsketten verlangen das so. Sie wollen Konsumenten mit eigenen Marken an sich binden", sagt dazu ein Sprecher des Milchkonzerns.

Für Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg ist diese Praxis ein Dauerärgernis: "Da wird eine Vielfalt suggeriert, die so gar nicht vorhanden ist." Die Beschwerden darüber häuften sich. "Viele Verbraucher fühlen hinters Licht geführt, weil sie nicht nachvollziehen können, warum sie für das quasi identische Produkt teilweise das Doppelte und mehr bezahlen sollen." Vor allem bei Milchprodukten sei die Konzentration hoch. Hinter den vielen Marken im Kühlregal verbergen sich nur wenige Hersteller. Fast jeder Molkereikonzern stellt neben seine eigenen Produkten auch sogenannte Handelsmarken her. Das gilt auch für andere Lebensmittelfirmen.

Wer was herstellt, kommt nach den Erfahrungen von Valet etwa dann heraus, wenn es einen Rückruf gibt. Wie im vergangenen Jahr, als der Pizzahersteller Wagner Tiefkühlprodukte zurückholen musste, nachdem kleine Metallteile in Pizzen gefunden wurden. Betroffen davon waren auch Pizzen einer Eigenmarke der Globus-Kette. Eine Recherche der Verbraucherzentrale zur Verwendung von Käfig-Eiern brachte unter anderem ans Licht, dass sich hinter den Brotland-Backwaren die Hamburger Großbäckerei Harry verbirgt und die Kekse von Coverna vom Markenhersteller de Beukelaer gebacken werden.

Offenes Geheimnis der Markenhersteller

Für die Verbraucher ist das jedoch kaum nachvollziehbar: Das Problem dabei ist: "Es muss kein Hersteller auf dem Etikett stehen, es reicht ein europäischer Verkäufer", erläutert Verbraucherschützer Valet. "Zum Teil steht als Verkäufer nicht der Markenhersteller drauf, sondern eine andere Firma mit gleichem Sitz."

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die meisten Markenhersteller von Lebensmitteln Eigenmarken für Aldi, Lidl und Co. herstellen. Offiziell zugeben wollen das jedoch die wenigsten. Dann kämen sie in Erklärungsnot. Grund dafür sind die zum Teil erheblichen Preisdifferenzen für fast identische Produkte. "Da gibt es zum Teil Preise, die um mehr als das Doppelte abweichen", sagt der Verbraucherschützer.

Beim Markenverband kennt man das Problem. "Der Handel übt großen Druck auf die Hersteller aus", erläutert ein Sprecher des Verbandes. Die vier größten Händler - Aldi, Lidl, Rewe und Edeka - kontrollieren 85 Prozent des deutschen Handels mit Lebensmitteln. Dieser Marktmacht könnte sich die wenigsten Produzenten entziehen, wenn sie ihre Kapazitäten auslasten wollten. "Dieser Druck hat eine Preisspirale nach unten in Gang gesetzt."

Die zum Teil deutlich höheren Preise für Markenprodukte rechtfertigt der Sprecher des Markenverbandes unter anderem mit dem hohen Aufwand für Produktinnovationen und Werbekosten, die so für Nachahmerprodukte nicht anfallen. Auch seien die Rezepturen meist nicht identisch, auch wenn der Hersteller derselbe sei.