Ein Kommentar von Marc Beise

Die Industrienation Deutschland soll sich für die Zukunft wappnen - mit besserer Ausbildung und der Bereitschaft, sich zu bewegen. Nur teilen das Politiker ihren Bürgern bislang nicht mit.

Bei all den schönen Preisen, die beinahe täglich ausgelobt und vergeben werden, fehlt eine Auszeichnung, die doch so nötig wäre: Jene für einen klugen und zugleich ehrlichen Politiker, der den Menschen nicht sagt, was sie hören wollen, sondern was sie wissen sollten.

Nokia; dpa

Nokia-Werksschließung in Bochum: Wo sind die Politiker, die den Prozess der Globalisierung fair beschreiben? (© Foto: dpa)

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Der Preis hätte gewiss hohen Aufmerksamkeitswert - eben weil es nur wenige Anwärter gäbe. Der nordrhein-westfälische CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers brauchte sich erst gar nicht zu bewerben. Er redet gern denen nach dem Munde, von denen er sich etwas erhofft - in diesem Fall dem Wähler. Rüttgers hat den Rückzug des Handy-Konzerns Nokia aus Deutschland als unverständliche, unnötige und gewissenlose Geschäftspolitik denunziert, obwohl er als Politiker weiß, welche Gefahren von der Globalisierung und der internationalen Marktwirtschaft ausgehen.

Gleichwohl prügeln Politiker aller Parteien in diesen Tagen auf Unternehmer und Manager ein, beschimpfen sie als vaterlandslose Gesellen, hochbezahlte Söldner oder geldgierige Egoisten. Und das alles nur, weil diese Manager die ökonomischen Gesetze für sich nutzen und sich weigern, um des guten Friedens willen Unternehmenspolitik als Sozialpolitik zu verstehen.

Die Wirtschaftsvertreter verweisen - aus ihrer Sicht verständlich - darauf, dass auch Deutschlands Zukunft in einem einheitlichen Wirtschaftsraum Europa liegt, in dem die Grenzen fallen und deutsche Unternehmen im Ausland investieren können und umgekehrt - eben auch ein finnischer Konzern mit einer bestimmten Produktion von Deutschland nach Rumänien weiterziehen darf.

Wo also sind jene Politiker, die wirtschaftlichen Zusammenhänge kenntnisreich und redlich darstellen? Die den Prozess der Globalisierung fair beschreiben und den Deutschen zeigen, dass sie bei allen Schwierigkeiten in diesem Prozess immer noch mehr gewinnen als verlieren?

Der Verlust von Arbeitsplätzen ist nur die eine, die allerdings unangenehme Seite der Globalisierung. Der immer engere weltweite Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Kapital und der scharfe Wettbewerb führen in Deutschland zu Verwerfungen; Nokia ist der aktuellste, aber nicht der einzige Fall. Immer mehr Produktionsstätten aus klassischen Branchen müssen schließen oder werden verlagert, kein Industriearbeitsplatz ist mehr sicher. Das ist bitter für jeden Arbeitnehmer, den es trifft. Wer erst mal aus der Bahn geworfen ist, findet oft nur unter Mühen zurück ins Erwerbsleben oder vielleicht gar nicht.

Die Zahl der Verlierer steigt, und sie prägt die Stimmung im Land. Die Armen werden ärmer und die Reichen reicher - diesen Trend belegt die Statistik, und diese Entwicklung lastet schwer auf der deutschen Gesellschaft. Denn es gehört offenbar zur menschlichen Natur, oder jedenfalls zur deutschen Mentalität, vor allem das eigene Schicksal zu sehen und nicht das große Ganze, und im übrigen lieber schwarzzumalen als etwas an der eigenen Lage zu verändern.

Nur noch ein Fünftel der Deutschen sehen Positives darin, wenn weltweit die Mauern nationaler Märkte niedergerissen werden und Unternehmen global agieren. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) spricht vom Karawanen-Kapitalismus und weiß selber, wie falsch dieses Wortbild ist, weil ja gerade die Karawane des alten Orients für den sehr segensreichen Austausch von Gütern und Arbeitskräften über Grenzen hinweg stand.

Deutschland profitiert von der Globalisierung. Ein großer Teil der immer noch beachtlichen deutschen Wirtschaftskraft beruht auf dem Export, weil deutsche Unternehmen die Vorteile der zusammenwachsenden Welt nutzen. Und dieselben Staaten, die einerseits mit niedrigen Löhnen deutsche Arbeitsplätze gefährden, investieren andererseits in deutsche Unternehmen und sichern hier Beschäftigung. Freilich müssen sich die Deutschen mehr als früher anstrengen, wenn sie weiterhin Nutznießer dieser Entwicklung sein wollen. Sie müssen sich auf Neues einstellen, statt sich an Altes zu klammern.

Die Ruhr-Region, die nun ihr Nokia-Werk in Bochum verliert, ist dafür ein gutes, weil schlechtes Beispiel. All zulange hat sich Nordrhein-Westfalen an den Bergbau geklammert und an manche ältere Industrie, hat mit Subventionen sterbende Produktion am Leben gehalten, während anderswo schon längst neue Technologien wie Kommunikation, alternative Energien oder Bio- und Gentechnik attraktive Arbeitsplätze brachten. Wenn es jetzt für eine Handy-Produktion in Deutschland nicht mehr reicht (und Nokia ist nicht das erste Unternehmen, das geht, sondern das letzte), müssen Wirtschaft und Politik auf spezialisierte Produkte statt auf Massenfertigung setzen.

Die Globalisierung ist kein Nullsummenspiel, bei dem einer immer das verlieren muss, was der andere gewinnt. Vielmehr kann sich eine Industrienation wie Deutschland auch unter veränderten Bedingungen behaupten - wenn sie sich für die Zukunft wappnet. Jobs für gering qualifizierte Arbeitnehmer mit standardisierten Tätigkeiten wird es künftig immer weniger geben. Was zählt, sind bessere Ausbildung und die Bereitschaft, sich zu bewegen. Das ist die Wahrheit, die Politiker ihren Bürgern sagen sollten.

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(SZ vom 21.01.2008/cag)