Was sind die Lehren aus dem Selbstmord des Milliardärs Merckle? Kein Mensch ist frei von Fehlern, jeder verdient eine zweite Chance. Zur Krisenkultur in Deutschland.
Ein deutscher Mittelständler, einer der reichsten des Landes, hat sich das Leben genommen: Das ist ein persönliches Unglück und ein Menetekel dazu. Was immer die entscheidenden Beweggründe des Adolf Merckle gewesen sind, ob an der Existenzkrise seiner Unternehmensgruppe "die Finanzkrise" Schuld hat oder das Geschäftsgebaren des schwäbischen Patriarchen selbst - es bleibt ein Unwohlsein darüber, dass hier jemand keinen anderen Ausweg aus einer Notlage sah als den ultimativen. In dieser kompromisslosen Konsequenz trifft sich Merckle mit manchem anderen Bürger, sei es an der Spitze der Hierarchien oder an deren unteren Ende.
Erinnern an Adolf Merckle: Mitarbeiter des Unternehmers zünden in der Nähe der Unglücksstelle, an der sich der Milliardär das Leben nahm, Kerzen an. (© Foto: dpa)
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Gemeinsam ist den derart Verzweifelten, dass sie sich - abseits der jeweiligen persönlichen Umstände - keine zweite Chance geben, und ihnen eine solche auch selten zugebilligt wird. Der Angestellte, der den Job verliert, ist auf lange Zeit gebrandmarkt; die Delle macht sich gar nicht gut im Lebenslauf. Der Unternehmer, der in die Insolvenz gerät, verliert Reputation in der Branche und in der Öffentlichkeit: Ihm soll die Bank einen neuen Kredit gewähren?
Auch Adolf Merckle war zuletzt bei vielen Beobachtern unten durch: Ein solider Mittelständler, der größenwahnsinnig geworden sei, hieß es, der gar an der Börse - horribile dictu - spekuliert hat: Wer das tut und keinen Erfolg hat, wird rasch zum Paria. Merckles Ruf war ruiniert; er selbst hat das bitter beklagt.
In den Vereinigten Staaten, es ist weithin bekannt, läuft das anders. Da ehrt einen Handelnden tendenziell das Scheitern, und manchmal gibt man dem Pleitier besonders gerne neues Geld: Denn er hat seine Erfahrungen gemacht und hoffentlich aus ihnen gelernt. Erst derjenige, dessen Lebenslauf Verwundungen aufweist, ist wirklich gereift und des Vertrauens seiner Geldgeber und seiner Mitarbeiter würdig.
In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist von Fehlerkultur die Rede, und viel wird darüber geschrieben, wie eine Gruppe, Gesellschaft oder Wirtschaft, mit Fehlern umgehen. Die Auseinandersetzung mit der Fehlerkultur geht bis in die Antike zurück, und natürlich findet sich Kluges dazu bei den üblichen Verdächtigen von Aristoteles bis Seneca. Die moderne Organisationswissenschaft weiß, dass eine erfolgsorientierte Fehlerkultur nicht nach Sündenböcken sucht, dass sie nicht verdammt bis in alle Ewigkeit. Sondern Fehler erlaubt, um aus ihnen zu lernen.
Fehler in diesem Sinne können auch Maßnahmen sein, die Geld "verbrennen": Fehleinkäufe, Fehlinvestitionen, Fehlspekulationen. Der Fehler wird nicht unentschuldbarer, je größer der finanzielle Schaden ist. Und natürlich ist nicht gemeint, dass jeder Fehler folgenlos bleiben soll nach dem Motto: fünf Millionen oder 50 oder 500 in den Sand gesetzt, was soll's?Eine Firma aber, deren Manager es nicht wagen, ins Risiko zu gehen um den Preis, Fehler zu machen, wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Ein Unternehmer, der nicht riskiert, Millionen in den Sand zu setzen, hat in aller Regel auch die Chancen ausgelassen.
Auch den Medien kann etwas Nachdenklichkeit nicht schaden. Jubeln sie nicht manchen schneidigen Manager und Unternehmer allzu schnell zum Superstar hoch, und fallen über ihn her, sobald er fehlsam ist? Die Finanzkrise als solche ist dafür ein Beispiel. Ja, es sind von Bankern und Händlern schlimme Fehler gemacht worden. Ja, die Verantwortlichen müssten dafür (auch) mit ihrem Vermögen haften, und wo das nicht gelingt, stimmen offenbar die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht. Sind aber diese Miss-Manager deswegen automatisch und wahlweise Lachnummern, Schwachköpfe, Schufte? Wohl nicht.
Das Selbstbewusstsein, zu seinen Fehlern zu stehen und es beim nächsten Mal (es ist immer ein nächstes Mal möglich) besser zu machen, wäre dem Selfmade-Milliardär Adolf Merckle ebenso zu wünschen gewesen wie die Bereitschaft der Umwelt, ihm diese Chance einzuräumen. So aber endet ein reiches Unternehmerleben trostlos auf den Bahngleisen, und ein Firmenimperium mit 100.000 Mitarbeitern geht unsicheren Zeiten entgegen.
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(SZ vom 08.01.2009/mel)
Mubarak-Prozess in Ägypten
Merckle und Seinesgleichen sind am Haben orientierte Menschen. Seine Religion war wohl das Geld. Diese Religion lähmt das menschliche Wachstum. die Seele verkümmert. Sie fördert den Hang zur Destruktivität.Sie nimmt Leben.
Siehe auch *Haben oder Sein* Erich Fromm.
dass Ihre Unterstellungen keinen Raum für die berechtigte Kritik lassen, die in den letzten Jahrzehnten weit Berufenere veröffentlicht haben.
An Ihren simpel gestrickten Weltbild und cruden Christusbild mögen Sie von mir aus weiter festhalten, bis die Realität Sie eines anderen belehrt.
Der Kommentator meint: "Ein Unternehmer, der nicht riskiert, Millionen in den Sand zu setzen, hat in aller Regel auch die Chancen ausgelassen."
Nein. Unternehmerisches Handeln setzt allemal ein sorgsames Abwägen der Risiken voraus. Und dazu gehört nicht, so einfach mal "Millionen in den Sand zu setzen".
Der Kommentator schrieb: "Sind aber diese Miss-Manager deswegen automatisch und wahlweise Lachnummern, Schwachköpfe, Schufte?"
Überwiegend ja, ergänzt noch durch raffgierige Geier. Lachnummern, weil Ihre ehedem so großen Reden sich im Nachhinein als kindisches Blabla entpuppten. Schwachköpfe, weil sie in der Mehrheit offenbar zu dämlich waren, Risiken richtig einzuschätzen. Schufte, weil sie Millionen von Sparern und Kleinanlegern wegen satter Provisionen das Geld aus den Taschen zogen und sie jetzt im Regen stehen lassen. Und raffgierige Geier, weil zur bereits vorhandenen x-ten Million (Milliarde) auf Teufel komm raus unbedingt noch weitere hinzu kommen müssen.
"""Der österreichische Naturphilosoph und Forscher Viktor Schauberger hat schon weit vor dem Club of Rome in den 30' er Jahren eine Manifest erstellt mit dem Titel: "Unsere sinnlose Arbeit" """
Ich will ja Deine immerkehrende Doktorarbeit nicht kritisieren, aber der Prediger Kohelet hat schon gesagt, dass alles Streben nach Irgenetwas oder Arbeit für ein Ziel allgemein "Windhauch und Wahn" sei.
Deshalb müssen wir uns doch jetzt nicht alle wegen Deiner pessimistischen Grundeinstellung vor den Zug werfen. Oder?
Überhaupt soviele Züge würde es ja gar nicht geben. :o)))
ps. Für einen Optimisten und Gläubigen ist das Leben trotz aller Widrigkeiten schön und lebenswert.
ist eine unverzichtbare Institution in jedem Bereich des menschlichen Zusammenlebens. Wo sie fehlt, führt dies innerhalb kürzester Zeit zur Verschiebung wirtschaftlicher und moralischer Grenzen.
Letzlich ist die Überschuldung von Unternehmen, selbst wenn sie sich durch Erosion von Vermögenswerten erst später einstellt, Ursache des Zusammenbruchs. Auch wenn man unterstellt, daß im Fall Merckle das unglückliche Zusammentreffen mehrrer gravierender Ereignisse zu der Schieflage geführt hat, so gab es doch während der über ein Jahr dauernden Talfahrt Hinweise und Ausstiegsmöglichkeiten, auch wenn diese mit dem Eingeständnis einer Fehlentscheidung verbunden sind. Nur, in einem patriarchalisch Familienunternehmen fehlt das Korrektiv. In einer Aktiengesellschaft ist es "zahnlos". Bilanzierungsregeln sind sind zu "dehnbar". Das alte HGB wurde zugunsten der Vergleichbarkeit dem IFRS "geopfert", der "vorsichtige" Kaufmann ist ausgestorben. Was zählt, ist Rendite. Mit den bekannten Folgen.
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