Ein Kommentar von Marc Beise

Was sind die Lehren aus dem Selbstmord des Milliardärs Merckle? Kein Mensch ist frei von Fehlern, jeder verdient eine zweite Chance. Zur Krisenkultur in Deutschland.

Ein deutscher Mittelständler, einer der reichsten des Landes, hat sich das Leben genommen: Das ist ein persönliches Unglück und ein Menetekel dazu. Was immer die entscheidenden Beweggründe des Adolf Merckle gewesen sind, ob an der Existenzkrise seiner Unternehmensgruppe "die Finanzkrise" Schuld hat oder das Geschäftsgebaren des schwäbischen Patriarchen selbst - es bleibt ein Unwohlsein darüber, dass hier jemand keinen anderen Ausweg aus einer Notlage sah als den ultimativen. In dieser kompromisslosen Konsequenz trifft sich Merckle mit manchem anderen Bürger, sei es an der Spitze der Hierarchien oder an deren unteren Ende.

Nach dem Tod von Adolf Merckle: Jeder Fehltritt ein Absturz, dpa

Erinnern an Adolf Merckle: Mitarbeiter des Unternehmers zünden in der Nähe der Unglücksstelle, an der sich der Milliardär das Leben nahm, Kerzen an. (© Foto: dpa)

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Gemeinsam ist den derart Verzweifelten, dass sie sich - abseits der jeweiligen persönlichen Umstände - keine zweite Chance geben, und ihnen eine solche auch selten zugebilligt wird. Der Angestellte, der den Job verliert, ist auf lange Zeit gebrandmarkt; die Delle macht sich gar nicht gut im Lebenslauf. Der Unternehmer, der in die Insolvenz gerät, verliert Reputation in der Branche und in der Öffentlichkeit: Ihm soll die Bank einen neuen Kredit gewähren?

Auch Adolf Merckle war zuletzt bei vielen Beobachtern unten durch: Ein solider Mittelständler, der größenwahnsinnig geworden sei, hieß es, der gar an der Börse - horribile dictu - spekuliert hat: Wer das tut und keinen Erfolg hat, wird rasch zum Paria. Merckles Ruf war ruiniert; er selbst hat das bitter beklagt.

In den Vereinigten Staaten, es ist weithin bekannt, läuft das anders. Da ehrt einen Handelnden tendenziell das Scheitern, und manchmal gibt man dem Pleitier besonders gerne neues Geld: Denn er hat seine Erfahrungen gemacht und hoffentlich aus ihnen gelernt. Erst derjenige, dessen Lebenslauf Verwundungen aufweist, ist wirklich gereift und des Vertrauens seiner Geldgeber und seiner Mitarbeiter würdig.

In den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist von Fehlerkultur die Rede, und viel wird darüber geschrieben, wie eine Gruppe, Gesellschaft oder Wirtschaft, mit Fehlern umgehen. Die Auseinandersetzung mit der Fehlerkultur geht bis in die Antike zurück, und natürlich findet sich Kluges dazu bei den üblichen Verdächtigen von Aristoteles bis Seneca. Die moderne Organisationswissenschaft weiß, dass eine erfolgsorientierte Fehlerkultur nicht nach Sündenböcken sucht, dass sie nicht verdammt bis in alle Ewigkeit. Sondern Fehler erlaubt, um aus ihnen zu lernen.

Fehler in diesem Sinne können auch Maßnahmen sein, die Geld "verbrennen": Fehleinkäufe, Fehlinvestitionen, Fehlspekulationen. Der Fehler wird nicht unentschuldbarer, je größer der finanzielle Schaden ist. Und natürlich ist nicht gemeint, dass jeder Fehler folgenlos bleiben soll nach dem Motto: fünf Millionen oder 50 oder 500 in den Sand gesetzt, was soll's?Eine Firma aber, deren Manager es nicht wagen, ins Risiko zu gehen um den Preis, Fehler zu machen, wird auf Dauer keinen Erfolg haben. Ein Unternehmer, der nicht riskiert, Millionen in den Sand zu setzen, hat in aller Regel auch die Chancen ausgelassen.

Auch den Medien kann etwas Nachdenklichkeit nicht schaden. Jubeln sie nicht manchen schneidigen Manager und Unternehmer allzu schnell zum Superstar hoch, und fallen über ihn her, sobald er fehlsam ist? Die Finanzkrise als solche ist dafür ein Beispiel. Ja, es sind von Bankern und Händlern schlimme Fehler gemacht worden. Ja, die Verantwortlichen müssten dafür (auch) mit ihrem Vermögen haften, und wo das nicht gelingt, stimmen offenbar die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht. Sind aber diese Miss-Manager deswegen automatisch und wahlweise Lachnummern, Schwachköpfe, Schufte? Wohl nicht.

Das Selbstbewusstsein, zu seinen Fehlern zu stehen und es beim nächsten Mal (es ist immer ein nächstes Mal möglich) besser zu machen, wäre dem Selfmade-Milliardär Adolf Merckle ebenso zu wünschen gewesen wie die Bereitschaft der Umwelt, ihm diese Chance einzuräumen. So aber endet ein reiches Unternehmerleben trostlos auf den Bahngleisen, und ein Firmenimperium mit 100.000 Mitarbeitern geht unsicheren Zeiten entgegen.

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(SZ vom 08.01.2009/mel)