Ein Jahr nach der Ankündigung, Bochum zu verlassen: Mehr als die Hälfte der Nokia-Belegschaft sucht noch nach einem Job. Trotzdem herrscht im Ruhrgebiet verhaltener Optimismus.
Vor dem Werkstor im Bochumer Stadtteil Riemke gammelt noch die Pappe mit den vergilbten Zeitungsausschnitten vor sich hin: "Sind Sie eine Subventionsheuschrecke, Herr Nokia?" Herr Nokia wird nicht mehr antworten. Das blaue Firmenschild auf dem Dach ist abmontiert, nur ein Stahlgerippe lässt erahnen, dass hier bis zum Sommer noch 2300 "Nokianer" arbeiteten. An diesem Donnerstag jährt sich der Tag, an dem der Konzern kundtat, sein Bochumer Werk zu schließen und die Produktion ins rumänische Cluj zu verlagern.
Vor einem Jahr kündigte Nokia den Abschied aus Bochum an. Mehr als die Hälfte der ehemaligen Nokianer hat noch keinen neuen Job. (© Foto: AP)
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Es folgte ein öffentlicher Aufschrei, eine Debatte über die Ethik von Konzernen und den Sinn von Subventionen. Die Politik überbot sich in Solidaritätsadressen voller Abscheu gegen kaltherzige Manager; manche, wie der damalige Bundesminister Horst Seehofer, entledigten sich medienwirksam ihrer Nokia-Handys.
An Symbolen hat es nie gemangelt. Die Bahnlinie RB 46, einst Nokia-Bahn getauft, heißt nun Glückauf-Bahn. Der Bergmannsgruß stehe "von jeher für Zusammenhalt, Hoffnung und den Wunsch auf eine bessere Zukunft", teilte der Chef des Nahverkehrsverbundes VRR mit. Es gäbe "keinen Namen, der geeigneter wäre, um das Kapitel Nokia hier endgültig abzuschließen". Nokia war zur Chiffre für den kalten Windhauch der Globalisierung geronnen.
Hoffnung auf neue Jobs
Die Erinnerung wird stückweise getilgt, was aber ist aus den Beschäftigten geworden? Von den 2300 Arbeitnehmern seien etwa 900 inzwischen untergekommen, sagt die frühere Betriebsratsvorsitzende Gisela Achenbach. 110 Arbeitskräfte blieben im Konzern, mehr als 200 Menschen wurden in der Novero GmbH, der ausgelagerten Automotiv-Sparte des Konzerns, weiter beschäftigt, 70 gingen - wie auch Achenbach - in die Altersteilzeit, und knapp 520 ehemalige Nokianer fanden anderweitig Jobs.
Die übrigen 1380 Beschäftigten sind in die Transfergesellschaft Peag eingetreten, erhalten 85 Prozent ihres Nettolohns und müssen darauf hoffen, dass sie bis zum 31. Januar kommenden Jahres noch über Peag vermittelt werden.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie dem Nokia-Areal in Bochum wieder Leben eingehaucht werden soll - und welche Handy-Marke Horst Seehofer heute nutzt.
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Linke mit neuer Führung
Wie im Winter 1982 beim Farbbildröhrenhersteller Videocolor in Ulm mit rund 1.800 Arbeitnehmern kam es auch im Nokia-Werk in Bochum dazu, dass antisoziale Praktiken sich zunehmend versuchten zu verallgemeinern. Aufgrund der nicht existenten Unmittelbarkeit (Freud, 1900) zwischen Kapital und Arbeit war und ist hie wie dort dabei nicht das jeweilige Managementhandeln in dieser Hinsicht relevant, sondern das der Arbeiter. Entfalten jene antisoziale Praktiken wie insbesondere zum Taylorismus komplementäres Verhalten, bricht sich das augenblicklich an der gesellschaftlichen Verfasstheit. Das Grundgesetz deklariert dieses Konstitutive dadurch, indem es davon spricht, dass es sich um einen sozialen Bundesstaat handelt; und Bochum in Nordrhein-Westfalen liegt und das Land dem Bund angehört. Alltagssprachlich gesagt: Etliche ehemalige Nokianer vergießen sogar heute noch reichlich Krokodilstränen über die Werksschließung. Verwerflicher kann man sich sein eigenes Leben kaum einrichten.