Nach Abgasmanipulation So viel Dummheit von VW ist unentschuldbar

Ein leuchtendes VW-Zeichen über dem Werkstor von Volkswagen in Wolfsburg.

(Foto: dpa)

Mit der Klage der US-Regierung gegen Volkswagen bekommt der Abgas-Skandal eine völlig neue Dimension. Eine, die zeigt: Das Schlimmste steht dem Unternehmen noch bevor.

Kommentar von Claus Hulverscheidt

Zu den vielen unentschuldbaren Dummheiten des VW-Skandals gehörte vom ersten Tag an der Umstand, dass der Konzern nicht nur die Käufer seiner Diesel-Pkw in Europa und Fernost jahrelang belog, sondern auch jene in den USA. Amerika, das ist das Land, in dem Menschen Schadenersatz in Millionenhöhe zugesprochen bekommen, weil ein Unternehmen vermeintlich zu heißen Kaffee ausschenkt. In dem Gott verklagt wird, weil in seinem Namen Terrordrohungen ausgesprochen werden. In dem Dumme Kluge und Kluge Dumme vor Gericht bringen. Zumindest vorsätzliche Dummheit sollte sich ein Unternehmen in einem solchen Land verkneifen.

Volkswagen hat diese einfache Weisheit missachtet und bekommt nun Schritt für Schritt zu spüren, was das heißt. Zunächst waren es nur einzelne VW-Kunden, die wegen manipulierter Abgaswerte Schadenersatz von dem Konzern verlangten. Dann waren es Kunden in allen 50 Bundesstaaten. Nun hat sich auch die US-Regierung der Bewegung angeschlossen und ihrerseits Zivilklage gegen das Unternehmen eingereicht.

Jetzt wird VW gleich von zwei Seiten angegriffen

Der Staat USA gegen die Volkswagen AG: Sollte es irgendwo im weiten VW-Konzern Menschen gegeben haben, die die Hoffnung hatten, dass sich die Amerikaner schon wieder einkriegen werden - sie dürfen sich ab sofort als Phantasten bezeichnen. Das Problem ist dabei gar nicht die Zahl oder die Güte der Gegner, nicht einmal die Bereitschaft amerikanischer Richter, Schadenersatzforderungen nachzukommen. Das eigentliche Problem für Volkswagen ist, dass das Unternehmen nun von zwei Seiten angegriffen wird.

US-Regierung will VW wegen Abgas-Manipulation vor Gericht bringen

Im Mittelpunkt der Klage stehen auch die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit sowie Umweltvergehen. Für VW kommt sie zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt. Von Claus Hulverscheidt und Klaus Ott mehr ...

So lange es nur die Kunden waren, die klagten, ließ sich das Problem vergleichsweise leicht in Zahlen fassen: Wertverlust der betroffenen Autos mal Zahl der Eigentümer gleich Schadenssumme - ergänzt vielleicht um eine Wiedergutmachung für die erlittene Schmach der Diesel-Kunden, binnen Sekunden vom Umweltaktivisten zum gewöhnlichen Umweltsünder geschrumpft zu sein. Das allein wäre für VW teuer, aber nicht unkalkulierbar geworden.

Die Argumentation der US-Regierung ist für VW gefährlich

Nun jedoch kommt eine völlig neue, ebenso flatterhafte wie bedrohlich erscheinende Dimension hinzu, denn die US-Regierung argumentiert in ihrer eigenen Klage weniger mit den Verlusten, die Besitzer von VW-Autos erlitten haben, als vielmehr mit den Folgen der Betrügereien für die Allgemeinheit. Hier ist die Rechenformel auf einmal eine ganz andere. Sie lautet: zusätzlicher Stickstoffoxid-Ausstoß mal Zahl der Betrugsmonate mal Erkrankungsrisiko gleich..., ja was? Zahl der mutmaßlichen Toten?

Einige Institute haben bereits ausgerechnet, wie viele Menschen - rein statistisch gesehen - wegen der unzulässigen VW-Abgasemissionen an Atemwegs- und Herzerkrankungen gestorben sind, die Zahlen lagen manchmal bei 50, manchmal eher bei 100. So theoretisch das klingt: Mit welchen Summen wird der zuständige Richter einen einzigen solchen Statistiktod bewerten?

Es war einige Zeit ruhig geworden um VW - zu ruhig, wie sich jetzt zeigt: Alle, die geglaubt haben, das Schlimmste sei für den Konzern bereits ausgestanden, werden nun eines besseren belehrt. Das Schlimmste, es steht erst noch bevor.

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