Musikverkäufe im Internet In seltsam guter Hoffnung

Das Geschäft mit der Musik verlagert sich immer stärker ins Netz - und wirft doch nur wenig ab. Nun gehen Unternehmen neue Wege: Sie vermieten Songs. Bringt das neuen Schwung in diese melancholische Branche?

Von Hans von der Hagen

Die Band Freundeskreis unterlegte ihre Hoffnung auf eine bessere Welt einst mit Hip-Hop: "Die Bahn fährt immer und umsonst; beim Baden in der Adria sind Fische zu sehen; die Stuttgarter Kickers holen die Meisterschaft - und die Leute kaufen Alben auf Vinyl statt auf Compact Disc." Die Hoffnung hat sich zerschlagen. Statt auf Langspielplatte kommt Musik inzwischen als Download daher. Fast ein Drittel ihres weltweiten Umsatzes hat die Musikindustrie im vergangenen Jahr im Internet gemacht - insgesamt 3,4 Milliarden Euro.

Für einiges Raunen sorgte somit unlängst die Nachricht, der US-Internetradiobetreiber Pandora strebe an die Börse. Knapp 70 Millionen Euro will das Unternehmen einsammeln, dem noch vor wenigen Jahren die Pleite drohte. Tut sich da was in dem Markt, der so lange schon als verlorenes Terrain gilt?

Neue Welt

Pandora steht nicht allein da. Mittlerweile glauben viele Firmen, dass es tragfähige Strategien für das Geschäft mit Musik gibt. Gar von einem Paradigmenwechsel redet Gerrit Schumann, Chef von Simfy, einem Anbieter von digitaler Musik: "Was im Musikbereich gerade passiert, ist extrem spannend." Bislang sei es immer um Eigentum an Musik gegangen, künftig stehe der Zugang zur Musik im Vordergrund. Bei Simfy gehe es nicht mehr darum, Songs zu kaufen, sondern sie zu leihen. Ähnlich machen es Anbieter wie Napster oder Spotify.

Im Falle von Simfy können Hörer dazu Musik entweder direkt auf der Internetseite abspielen, oder - gegen eine Abonnementgebühr - als Leihgabe auf einen Computer oder ein Smartphone ziehen. Die Musik gibt es dann aber nicht als einzelne Datei. Sie kann nur mit Hilfe eines Abspielprogramms genutzt werden, das im Internet heruntergeladen werden muss. Wer kein Abonnent ist, hat trotzdem Zugang zu etwa acht Millionen Musiktiteln, aber nur an einem Computer und nur, wenn eine Verbindung ins Internet vorhanden ist. Der Zugang ist kostenlos, doch der Hörer muss dafür Werbeeinblendungen in Kauf nehmen.

Ist das ein tragfähiges Modell? Schumann ist davon überzeugt, auch wenn das einst von Studenten gegründete und von Finanzinvestoren finanzierte Simfy bislang keine Gewinne macht. "Ich denke, dass wir gute Chancen haben, gegen iTunes und andere Konkurrenten zu bestehen." In Deutschland habe Apples Musikshop iTunes einen Marktanteil von vielleicht 30 bis 40 Prozent, schätzt Schumann. "Aber auch die anderen 60 bis 70 Prozent wollen bearbeitet werden."

Simfy steht für die neue Welt in der digitalen Musik - mit großen Hoffnungen und kurzer Vergangenheit. Ganz anders ist das etwa bei einem Unternehmen wie Soul Seduction, das den Wechsel von Offline zu Online in den vergangenen 20 Jahren mitgemacht hat.

Was von 99 Cent bleibt

Entstanden in der Wiener Elektroklub-Szene war Soul Seduction seit Beginn der neunziger Jahre einer der wichtigsten Schallplattenvertriebe Österreichs, der - stark in der Nische Klubmusic - gleichwohl 85 Prozent seiner Umsätze im Ausland erwirtschaftete. Alben wurden dabei als Platten im Geschäft, seit 2003 auch als Downloads im Internet vertrieben. 2007 kam dann die Pleite: Soul Seduction musste den gesamten physischen Vertrieb einstellen, allein das Download-Geschäft blieb übrig. Verdienen lasse sich damit nicht viel, zumal das Unternehmen vor allem kleinere Labels vertrete, sagt Alexander Hirschenhauser, Gründer von Soul Seduction. Er betreibt das Unternehmen nur noch mit einer Handvoll Leute, "die nebenher noch arbeiten."

Von einem der klassischen 99-Cent-Songs bleiben für das Download-Portal am Ende vielleicht 30 Cent. Davon wiederum zwackt sich die für die Zahlung zuständige Gesellschaft einen Teil ab, die Technik muss gewartet und weiterentwickelt werden und das Angebot soll betreut werden. Ein Abo-Modell will Hirschenhauser nicht einführen, auch wenn es zum Zeitgeist passe. Die Zukunft des Musikgeschäfts im Internet sieht er nicht allzu rosig.

Und die Künstler selbst? Wie sehen sie die neue Welt des Downloads? Viele machen die Erfahrung, dass das Marketing im Netz genauso aufwendig sein muss wie beim herkömmlichen Plattengeschäft, um überhaupt etwas zu verkaufen. Doch am Ende bleibt wenig übrig - zu wenig, sagt etwa Jazzsänger Roger Cicero: "Beim Künstler kommt kaum etwas an, und noch viel dramatischer ist es für Komponisten und Textschreiber." Gleichwohl ist es für Cicero wichtig, auf den Portalen vertreten zu sein - "um der Präsenz willen", sagt er. "Das sind Werbeflächen." Er verkaufe aber lieber CDs, als dass er Leute dazu animieren würde, sich CDs legal runterzuladen - dennoch sei es tausendmal besser, es legal zu tun als illegal auf Tauschbörsen. Das sei das größte Übel.

Das Internet hat das Musikgeschäft revolutioniert. Nun treibt es dieses in eine ganz neue Richtung. Aber ein Dilemma bleibt: Verdienen tut keiner so richtig daran.