Von Von Ulf Brychcy

Die Musikindustrie steckt in einer tiefen Krise und schaut deshalb skeptisch auf die Popkomm, die von Köln nach Berlin umgezogen ist.

(SZ vom 4.12.03) — Der Ort war gut gewählt, steht er doch für die triste Lage der Musikindustrie. Im morbiden Café Moskau an der zugigen Karl-Marx-Allee in Berlin versuchte die sehr blonde Sängerin Mieze von der Newcomerband Mia (aktuelle CD: Hieb&Stichfest), das Publikum mit ihrem Kurzauftritt auf die Mese Popkomm einzustimmen.

Schlechte Zeiten für die Musikindustrie. (© Foto: dpa)

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Und auch Christian Göke gab sich alle Mühe, hoffnungsfrohe Signale auszusenden. Die Stadt sei bestens geeignet, "um eine erfolgreiche Plattform für die Musikindustrie aufzubauen".

Die Popkomm werde, versicherte der Chef der Messe Berlin weiter, eine internationale Leitveranstaltung, mit dem bestmöglichen Konzept für die Branche.

Schlechte Zeiten

Soviel Optimismus muss schon sein, schließlich stehen die Zeichen ziemlich schlecht. Die Popkomm, unlängst von Köln in die Hauptstadt übergesiedelt, ist ein Spiegelbild der Plattenbranche. Und die steckt tief in der Krise. Allein in Deutschland werden in diesem Jahr die Umsätze um bis zu 25 Prozent einbrechen.

Die Musikfirmen kappen ihre Kosten, wo sie nur können. Da passt eine Popkomm, die zuletzt in Köln abgestürzt ist und sogar kurz vor der Insolvenz gestanden hatte, vielen Unternehmen kaum noch ins Konzept.

"Es ist nicht mehr die Zeit, wo man nur Partys macht", sagte ein Manager von Bertelsmann Music Group (BMG). Die Messe, auf der kaum Geschäfte abgeschlossen werden, habe sich überlebt, heißt es bei der deutschen Tochter des Musikkonzerns EMI.

Zurückhaltender Stein

Es geht ein Riss durch die Musikindustrie. Universal Music und Sony Music, beide in Berlin ansässig, wollten den Ortswechsel. Doch die Skepsis wächst. BMG Deutschland-Chef Thomas Stein etwa gibt sich sehr zurückhaltend. Er lässt offen, ob sein Unternehmen auf der Popkomm ausstellen wird, die vom 29.September bis zum 1.Oktober laufen soll.

Zumal in Köln eine Konkurrenzveranstaltung (Titel: c/o Pop) geplant ist, die zurück zu den Anfängen führen soll. Zudem gibt es Zweifel, ob die Berliner die Veranstaltung erfolgreich managen können. "Die machen viele Stockfehler", sagte Ralf Plaschke vom Internet-Musikdienst Popdata. Der Manager hatte einst die Popkomm in Köln mitorganisiert.

Messe Berlin versagt

Branchenkenner bemängeln, dass es bislang weder Sponsoren noch eine zentrale Koordination der vielen Berliner Musikclubs gibt, wo die Pop- und Rockgruppen während der Popkomm auftreten sollen. Bei der ersten Bewährungsprobe im neuen Musikgeschäft hat die Messe Berlin bereits versagt.

Die Organisation der Love Parade ging gründlich daneben, die Messegesellschaft fuhr einen Verlust von einer halben Million Euro ein. Messechef Göke glaubt trotzdem an den Erfolg: "Wir wollen größer sein als die letzte Popkomm." Da musste sogar Mieze bremsen: "Ich wünsche mir, dass die Realität im Mittelpunkt steht."

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