Musiker nehmen ihre Alben aus den virtuellen Regalen des Online-Musikshops iTunes, um gegen die Macht Apples zu protestieren. Prominentes Beispiel: Kid Rock.
Fans des Computerherstellers Apple hatten diese Woche Grund zur Freude. Der Fernsehsender NBC wird seine Serien in Zukunft wieder in Apples Online-Musik- und Videoladen iTunes anbieten.
"All Summer Long" - dieses Lied des Sängers Kid Rock war der Überraschungshit des Sommers. Doch Kunden des Online-Shops iTunes in den USA mussten darauf verzichten (© Foto: AP)
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Die beiden Unternehmen haben ihren Streit um die Preise beigelegt. Solch gute Nachrichten waren in den vergangenen Monaten selten. Denn immer mehr Musiker laufen Apple davon.
Was den Konzern beunruhigen dürfte: Nicht mehr nur starrsinnige Altrocker wie AC/DC verweigern sich dem Internetgeschäft, sondern auch die Pop-Helden von heute - und sie haben Erfolg.
Kid Rock etwa stürmte mit seinem Album "Rock 'n Roll Jesus" die Charts und verkaufte in den Staaten 1,7 Millionen CDs, nachdem Kid Rock seine Lieder für die amerikanischen iTunes-Seite sperren ließ. In der deutschen Version des Apple-Ladens findet sich das Album. Denn Apple und die Musikkonzerne handeln die Urheberrechte für jedes Land einzeln aus.
Zahnlose Rivalen
Kid Rocks erfolgreicher Streik gegen iTunes in den USA motivierte dessen Plattenfirma Atlantic Records dazu, auch die R&B-Sängerin Estelle aus den virtuellen Regalen zu nehmen, obwohl einer ihrer Songs dort wochenlang zu den meist verkauften Liedern zählte.
Ein Rückschlag für den erfolgsverwöhnten Jobs. Seit der Web-Shop von Apple vor fünf Jahren an den Start gegangen ist, haben US-Kunden fünf Milliarden Songs heruntergeladen. Anfang diesen Jahres überholte iTunes sogar die Kaufhauskette Wal Mart als größten Plattenverkäufer der USA. Im Netz hat sich der IT-Konzern inzwischen ein Monopol geschaffen. 90 Prozent aller Musik-Downloads in Amerika laufen über iTunes.
Für den Rückzug der Chartstürmer gibt es mehrere Gründe. Viele Künstler betrachten ihre Platten als Gesamtkunstwerk und wollen nicht, dass sie häppchenweise verhökert werden. Bandmanager befürchten zudem, dass der Musikumsatz sinken werde, da bei iTunes oft nur einzelne Songs heruntergeladen würden, nicht ganze Alben.
Sie stützen sich auf Zahlen der Marktforscher Nielsen Soundscan, denen zufolge Amerikaner 2007 im Internet 844 Millionen Lieder, aber nur 50 Millionen Alben gekauft haben. Daher flucht Kid Rocks Manager, Ken Levitan: "iTunes ist die Totenglocke des Musikgeschäfts."
Jobs wird über solche Töne nur den Kopf schütteln können, sieht er sich doch im Gegenteil als Schutzpatron der Plattenbranche. Und hatte die Branche das Geschäftsmodell von iTunes nicht als Rettung gefeiert? Plattenfirmen kämpfen seit 2000 gegen schrumpfende Umsätze an.
Sie hofften, dass iTunes den Internet-Tauschbörsen, über die Lieder millionenfach illegal kopiert werden, das Wasser abgraben könnte. Denn iTunes bietet seinen Kunden eine einfache und günstige Möglichkeit, legal Musik im Internet zu kaufen und überlässt Plattenfirmen den Großteil des Umsatzes. Von den Erlösen behält Apple knapp 30 Prozent, heißt es in Branchenkreisen.
Eagles gehen zu Wal Mart
Inzwischen aber klagt die Musikindustrie: Das rasante Wachstum habe iTunes in einen Kraftprotz verwandelt, der seine Marktmacht hemmungslos ausspiele. So verlange Apple für eine prominente Platzierung neuer Alben auf seiner Internetseite exklusive Verkaufsrechte.
Zudem weigere es sich dem Wunsch vieler Bands nachzukommen, Alben nur komplett anzubieten oder einzelne Songs für mehr als 99 Cent zu verkaufen. Apples Konkurrenten wie Amazon kommen den Musikern zwar entgegen, können Apples Vormacht aber nicht gefährden.
Und so rechnen Analysten auch nicht damit, dass Kid Rock und Estelle eine Massenflucht aus iTunes auslösen werden. Erst wenn sich Branchengrößen wie Coldplay oder U2 zu diesem Schritt entschieden, gerate Apple wirklich in Bedrängnis. Bis dahin sind die Abgänge kaum mehr als Nadelstiche.
Doch auch die können schmerzhaft sein. Besonders dürfte Jobs den Abschied seiner Lieblingsband bedauern. Die Eagles wollen ihr neues Album "Long Road Out of Eden" in den USA nur noch bei Wal Mart anbieten. Kleiner Trost: Im deutschen iTunes-Laden gibt es die Platte der Softrocker. Um da heranzukommen, braucht Jobs allerdings eine Adresse in Deutschland und ein Konto bei einer deutschen Bank.
(SZ vom 13./14.9.2008/hgn)
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