Multi-Jobber und Aufstocker Wenn Arbeit Armut bedeutet

Nachdem die Zeitungen ausgetragen sind, geht es weiter zum nächsten Job (Symbolbild).

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Immer mehr Deutschen reicht ein Job alleine nicht zum Leben.
  • Mehr als 2,4 Millionen Arbeitnehmer haben nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit neben ihrem Hauptjob noch einen Minijob.
  • Die Zahlen sind in den vergangenen zehn Jahren auf das Doppelte gestiegen.
Von Lars Langenau, Thomas Öchsner und Pia Ratzesberger

Es ist dunkel, es ist kalt, es liegt Schnee, der Nebel frisst sich in die Kleidung. Eine gewöhnliche Nacht im Februar, halb vier. Um diese Uhrzeit begegnet man nur wenigen Gassigehern und Partygängern auf der Straße - und ein paar vereinzelten Zeitungsausträgern wie Andrea Mayereder. Um diese Uhrzeit beginnt für die 46 Jahre alte Münchnerin der Arbeitstag mit Fahrrad und Anhänger. "Immerhin kein Glatteis", sagt sie und macht sich daran, die ersten der 150 Zeitungen zu verteilen. Sechs Tage die Woche, je zwei Stunden, im Monat sind das etwa 3600 Zeitungen. Im Monat sind das für Mayereder genau 400 Euro. Ein Minijob. Es ist nicht ihr einziger.

http://media-cdn.sueddeutsche.de/globalassets/img/unsprited/placeholder.png

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde des Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers, das sie beantworten soll. Alles zur aktuellen Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Nach ihrer Tour geht sie später in eine Arztpraxis. Dort arbeitet Mayereder im Büro. "Verwaltungskram", sagt sie, und es klingt eher liebevoll als abfällig. 24 Stunden wöchentlich verbringt sie dort, zumindest offiziell, meist werden es mehr.

Mehr als eine 40-Stunden-Woche

An guten Tagen legt sie sich nach der Zeitungsrunde noch einmal zu Hause hin und versucht eine Stunde zu schlafen. Die Tour ist anstrengend, der Fahrradanhänger schwer. Manche Kunden wollen die Zeitung eingepackt, andere direkt vor die Tür, selbst dann, wenn sie oben im 3. Stock wohnen.

Mit ihren Jobs hat Mayereder mehr als eine 40-Stunden-Woche. Sie arbeitet genauso viel wie jemand mit Vollzeitstelle. Doch viel Arbeit bedeutet noch lange nicht, dass sich davon auch gut leben lässt.

Erst putzen, dann an der Kasse im Supermarkt oder als Hilfe bei Pflegebedürftigen, später dann Babysitten, vorher noch Stadtführungen, Schulessen ausfahren, Medikamente oder Pizza ausliefern? Ist, was in den USA seit Jahrzehnten traurige Normalität ist, auch in Deutschland für viele Menschen Alltag geworden?

In Amerika heißt das Phänomen "Working Poor". Hierzulande spricht man von Erwerbsarmut bei Menschen, die sich nur mit mehreren Jobs über Wasser halten können oder so wenig verdienen, dass sie auf zusätzliche Leistungen des Staates angewiesen sind.

Was die digitale Revolution mit uns macht

Erst brechen einfache Arbeitsplätze weg, dann kriecht die Angst auch die Bürotürme hoch. Dass alles automatischer, flexibler, freier wird, kann Bedrohung und Chance sein. Frisst die digitale Revolution ihre Kinder? Von Marc Beise mehr ... Die Recherche - Essay

Wenn sich ihre Freunde treffen, liegt sie im Bett

Mehr als 2,4 Millionen Arbeitnehmer unter 65 Jahren in Deutschland haben nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) neben ihrem sozialversicherungspflichtigen Hauptjob einen Minijob, das sind fast doppelt so viel wie vor wie zehn Jahren. Viele verdienen sich ihr Zubrot im Handel, in der Gastronomie, in privaten Haushalten oder als Leiharbeiter, allein 400 000 als Reinigungskräfte. Weit mehr als die Hälfte der Haupt- und Nebenjobber, etwa 1,35 Millionen, sind Frauen.

Natürlich arbeiten nicht alle von ihnen aus Not in einem zusätzlichen Job, sondern auch, um sich mit dem Dazuverdienten mehr gönnen zu können. "Wahrscheinlich haben aber viele als Hauptjob nur eine Teilzeitbeschäftigung, weil sie keine Vollzeitstelle finden, Zeit für ihre Kinder benötigen oder weil ein zusätzlicher Minijob für sie schlicht steuerlich günstiger ist", sagt eine Sprecherin der BA. So oder so - viele dürften auf das Geld dringend angewiesen sein. Das gilt auch für die etwa 233 000 Menschen, die sogar zwei sozialversicherungspflichtige Jobs haben.

Auch Mayereder hätte lieber eine Vollzeitstelle. "Dann würde nur ein Arbeitgeber von mir 100 Prozent verlangen und nicht gleich zwei", sagt sie. Außerdem hätte die Münchnerin dann vielleicht einen anderen Tagesablauf. Momentan geht sie gegen sieben Uhr abends ins Bett, damit sie fit ist, wenn nachts der Wecker klingelt. Obwohl sich Mayereder selbst als Eule bezeichnet, und nicht als Lerche: "Die Umstellung war schon ganz schön hart", sagt sie. Die Freundschaften, die seien weniger geworden. Wenn sich die anderen abends treffen, liegt sie schon im Bett. Und am Sonntag, dem einzig freien Tag der Woche, ist sie meist müde oder muss sich um den Haushalt in ihrer kleinen Eineinhalb-Zimmer-Wohnung kümmern. Putzen, waschen, für all das bleibt an den anderen Tagen kaum Zeit.

Etwa 20 Jahre hat die Münchnerin im Einzelhandel gearbeitet, musste dann jedoch wegen Krankheit drei Jahre aussetzen - danach hatte sie keine Chance auf einen Wiedereinstieg. Auch der Traum eines eigenen Obst- und Gemüseladens mit Feinkost scheiterte. Die Bank wollte keinen Kredit geben. Heute kommt die 46-Jährige mit ihren beiden Jobs und etwa 1300 Euro netto einigermaßen über die Runden. Ob sie sich trotz allem manchmal Luxus leiste? "Ja, Peter-Maffay-Konzerte - und meine zwei Hasen", sagt sie. Urlaub, länger als zwei Tage außerhalb der Stadt, mache sie aber nie.

Wenn sie keine Brötchen verdienen, sollen sie doch Kuchen backen

Beuten wir uns selbst aus oder lassen wir uns ausbeuten? Wird es in Zukunft keine klare Grenze mehr geben zwischen Job und Freizeit? Oder übernehmen Computer und Roboter unser Tagwerk? Eine Woche und mehr als 20 Beiträge zum Recherche-Thema Arbeit. Von Sabrina Ebitsch mehr... Die Recherche - Werkstattbericht