Müllermilch Pin-up-Girls sind keinen Skandal wert

Müllermilch in der Weihnachtsedition

(Foto: dpa)

Die Empörung um die dürftig bekleideten Frauen auf Müllermilch-Packungen ist gewaltig. Aber muss es immer gleich in dieser Lautstärke sein?

Ein Kommentar von Marc Felix Serrao

In jeder Firma und jedem Freundeskreis gibt es diesen einen Menschen, der für sein Leben gern klebrige Witze erzählt. Oft geht es dabei um junge, attraktive Frauen, und fast immer ist der Witzeerzähler ein älterer, eher nicht so attraktiver Mann. "Kommt die Oberschwester zur Visite . . ." Diese Preisklasse. Hebt man als Zuhörer auch nur kurz die Augenbrauen, dann sagt der Klebewitz-Erzähler, dass man sich doch bitte nicht so haben soll. Oder er fragt, ob man jetzt etwa auch schon von der Pest der Political Correctness befallen sei.

Diese Woche hat ein besonders klebriger Witz die Runde gemacht. Verbreitet hat ihn die Unternehmensgruppe Theo Müller, beziehungsweise deren Molkereitochter aus Bayern. Für die gut gezuckerten Getränke der Marke Müllermilch hat die Firma neue Packungen gestalten lassen. Sie zeigen Frauen im Pin-up-Stil der Fünfziger, deren Körper nur notdürftig von Kleidchen in Weihnachtsfarben verhüllt sind. Das Dekolleté von Fräulein "Schoko" etwa wird von einem Riesenstück Schokolade verdeckt.

Neben einer anderen Dame sieht man eine pralle, frisch geschälte Banane, und die Sorte "Nocciola-Nuss" zeigt ein Model in Strapsen, das mit beiden Händen eine gewaltige Nuss festhält. Nüsse, gnihihi. Bananen, Zwinkerzwinker. Wenn sich Hugh Hefner und Mario Barth zusammen volllaufen ließen, würden ihnen keine billigeren Anspielungen einfallen. Ob die Marketingtruppe von Müller weiß, in welchem Jahrhundert sie ihr Produkt bewirbt?

Alles ist immer gleich ein Skandal

Doch so doof die Verpackungen sind, so überzogen sind viele der Reaktionen. Sexismus (wegen der Kleidchen)! Rassismus (wegen Frau "Schoko")! Im Netz versahen unzählige aufgebrachte Nutzer ihre Protesttextchen umgehend mit dem Hashtag "#ichkaufdasnicht". Der sonst eigentlich ganz humorbegabte Hamburger Frauenrechtsverein Pinkstinks verfasste gegen die "Misogynie-Milch" sogar eine Petition. "Lieb lächelnde Frauenkörper als Dekoration für etwaige Produkte zu nutzen ist genau deshalb abwertend, weil Frauen von jeher als Dekorationsobjekte, nicht aber als machtvolle Akteure inszeniert wurden", heißt es da.

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Puh. Ja. Aber wer soll mit diesem Schwiegermuttertonfall erzogen werden? Müller? Die Molkerei - deren Pin-up-Milch jetzt jeder kennt - konnte diese Art von Kritik problemlos kontern. Die Motive seien "weitaus weniger freizügig als das, was seit einigen Jahren oftmals in Anzeigen, TV-Spots und quer durch alle Medienformen tagtäglich an nackter Haut zu sehen ist", teilte Müller mit. Und der Rassismusvorwurf? Hätte man auf das Bild einer dunkelhäutigen Frau verzichtet "und ausschließlich weiße Motive verwendet", dann wären der Firma ebenfalls Vorwürfe gemacht worden. Bleiben die Käufer. Wird der Supermarktkunde künftig mit zitternder Unterlippe vorm Kühlregal stehen und denken: Igitt, dieses frauenverachtende Gesöff? Glauben die Protestierenden ernsthaft, dass die Klientel, die dieses Zeug sonst trinkt, damit aufhören wird? Aus den genannten Gründen? Das Gegenteil ist realitätsnäher. Die Leute werden, wenn überhaupt, versuchen, eines der anrüchigen Fläschchen zu ergattern. Als Sammlerstück.

Das Problem mit der Empörungsbereitschaft unserer Zeit ist ihre Lautstärke. Alles ist immer gleich ein Skandal. Alles braucht einen eigenen Hashtag. Die Müllermilch-Verpackungen sind weder das eine, noch brauchen sie das andere. Sie sind der missratene Versuch, ein Allerweltsprodukt sexy darzustellen. So sollte man sie behandeln. Der traurige Witzeerzähler in der Kantine hört ja auch nicht auf, weil ihm einer widerspricht. Er hört auf, wenn ihm keiner mehr zuhört.