MS Deutschland "Das Traumschiff" fährt wieder

Die "MS Deutschland" im Juli 2012 in London.

(Foto: AFP)
  • 15 Jahre lang war die MS Deutschland der Drehort der ZDF-Serie "Das Traumschiff".
  • 2014 diskutierten Gläubiger über eine Überführung des Schiffes zum Abwracken nach Bangladesch - jetzt soll es doch noch einmal raus auf die Weltmeere.
Von Michael Kuntz

Weihnachten hat es wieder funktioniert. Das Traumschiff bescherte am zweiten Feiertag vielen Deutschen einen unvergleichlichen Fernsehabend. Lediglich der Tatort "Benutzt" lockte mehr Zuschauer vor die Bildschirme. Das ZDF nutzte die Popularität seiner seit November 1981 laufenden Kreuzfahrt-Serie gnadenlos aus und servierte erst "Das Traumschiff", dann die "Kreuzfahrt ins Glück" und schließlich "Das Traumschiff - Spezial". Im Verlauf sank die Zahl der Zuseher von 6,09 Millionen auf 3,51 Millionen, doch selbst nach knapp vier Stunden Traumschiff-Langstrecke waren das noch mehr als das ARD-"Traumhotel" oder "Bauer sucht Bäuerin" bei RTL an diesem Abend schafften.

"Das Traumschiff" ist ein Phänomen, im Fernsehen und in der Wirklichkeit.

Seit 1981 gehören die Fernweh-Geschichten aus Absurdistan zum Festtags-Ritual der Deutschen wie Gänsebraten und Silvesterknaller. Vor einem Jahr sahen "Das Traumschiff" mehr Menschen als den "Tatort", selbst eine Uralt-Folge der Herzschmerz-Geschichten erreichte Mitte Juli 2014 - während des WM-Finales mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft - ein Millionen-Publikum.

15 Jahre lang war die MS Deutschland der Drehort der Serie

Aber auch die Wirklichkeit des Traumschiffs bietet Erstaunliches. Die MS Deutschland diente 15 Jahre lang als Drehort für die Serie. Wirtschaftlich war der für die glücklose Reederei Deilmann bei den Kieler Howaldtswerken gebaute und 1998 vom damaligen Bundespräsidenten getaufte Luxusliner spätestens im Herbst 2014 untergegangen, als eine Anleihe nicht mehr bedient werden konnte. Bei Gläubigerversammlungen überboten sich die Schwarzseher in wilden Spekulationen etwa darüber, ob sich eine Überführung zum Abwracken nach Bangladesch überhaupt noch lohnen würde. Ein Teilnehmer ätzte damals am Rande der Versammlung im Keller eines Münchner Fünf-Sterne-Hotels, das wertvollste an dem betagten Schiff sei die Dialysestation.

Umso überraschender war es für nicht wenige der 1500 Anleihekäufer, dass ihr finanziell versenktes Traumschiff sich nach einigen Mühen doch ganz gut verkaufen ließ und nun wohl für einige Jahre wieder über die Weltmeere schippern wird. Der Kahn bleibt in jedem Fall etwas Besonderes unter den Kreuzfahrtschiffen, nicht zuletzt, was die Namensgebung je nach Saison betrifft. Zwei Mal jährlich wird der Schriftzug neu gepinselt: Im Winter heißt das Schiff MS World Odyssey und im Sommer wieder MS Deutschland.

Jahrelang das einzige Kreuzfahrtschiff unter deutscher Flagge

Dabei schien das glorreiche Schicksal des lange einzigen Kreuzfahrtschiffes unter deutscher Flagge längst besiegelt. Die Reederei war insolvent und auch für die Käufer einer scheinbar sehr attraktiven Schiffsanleihe sah - und sieht - es düster aus. Sie vertrauten seit 2012 trotz Nullzinsphase einem Zinsversprechen von sieben Prozent. Obwohl die Anleihe laut Prospekt fast komplett der Entschuldung der Gesellschaft dienen sollte, konnte sie am Markt platziert werden.

Kurs auf Manieren

mehr...

Die Käufer hatten dann auch nicht viel Freude mit ihrem Traumschiff-Papier: Von den 50 Millionen Euro der Mittelstandsanleihe landeten 23 Millionen bei der Deutschen Bank, weitere zwölf Millionen gingen an die MSM Downing aus dem Umfeld des zwischenzeitlichen Schiffseigners Aurelius in München und knapp eine Million Euro bekam die Quiring Bank als Verkäufer der Anleihe. Nicht einmal die verbleibenden knapp fünf Millionen Euro flossen als frische Mittel ins Schiff, sie wurden für den Ausgleich des Verlustes 2013 verwendet.

Ein Anlegervertreter sprach bei einer Gläubigerversammlung von einem "großen Raubzug", mehrere Anwaltskanzleien überbieten sich nun darin, Ansprüche aus der Prospekthaftung durchzusetzen. Angezweifelt wird unter anderem, ob das seinerzeitige Schätzwertgutachten, das auf 100 Millionen US-Dollar lautete, dem tatsächlichen Wert des Schiffs entsprach. Daran zweifeln Juristen wie der Anlegerschutzanwalt Klaus Nieding.