Moderne Arbeitsräume Wie? Ich soll mein Büro aufgeben?

Lounge-Bereich für die Mitarbeiter im Geschäftsgebäude der Munich Re, aufgenommen am 11. Juli 2014.

(Foto: Veronica Laber; Veronica Laber)
  • Büroarbeit, das bedeutete lange, morgens in ein Zimmer mit weißen Wänden zu gehen, an einem normierten Schreibtisch mit Drehstuhl Platz zu nehmen, der nur für Besprechungen oder Kantinenbesuche verlassen wurde.
  • Diese grauen Zeiten sind vorbei: Der Arbeitsort der Zukunft ist kein Zimmer, er ist eine Landschaft.
Von Varinia Bernau und Lea Hampel

Das Zeichen für den Wandel ist etwa einen halben Meter hoch und aus Filz. Es hat einen Holzhenkel und ist so niedlich, dass es in der Spielecke eines Möbelhauses stehen könnte. Stattdessen ziert es - in blau, rot, grün und gelb - Flure und Zimmer in einem Haus im Münchner Norden, das so gar nichts mit einer Spielecke zu tun hat: das neue Büro des großen Rückversicherers Munich Re.

Büroarbeit, das bedeutete lange, morgens in ein Zimmer mit weißen Wänden zu gehen, an einem normierten Schreibtisch mit Drehstuhl Platz zu nehmen, der nur für Besprechungen oder Kantinenbesuche verlassen wurde. Wer es schlimm erwischte, wurde irgendwann, von den Achtzigerjahren an, in ein Großraumbüro versetzt - und das, obwohl Studien belegen, dass zu viele Geräusche, schlechte Luft und wenig Privatsphäre die Produktivität stören. "Lange galt: Warum Wohlbefinden fördern, schließlich werden die Leute bezahlt", sagt Burkhard Remmers, der für den Büroausstatter Wilkhahn arbeitet.

Landschaft statt Zimmer

Doch diese grauen Zeiten sind vorbei. Der Arbeitsort der Zukunft ist kein Zimmer, er ist eine Landschaft, "open spaces" ist das Zauberwort. Es steht für wohnliche Räume, so vielfältig wie die Menschen, die darin arbeiten und im besten Fall so facettenreich wie deren Aufgaben und Launen. Die Idee dahinter: Wer gern ist, wo er arbeitet, tut das länger und mehr. Wie das aussehen kann, zeigt sich in dem Münchner Versicherungsgebäude. In der Lobby prangt ein Kunstwerk, in den Büroräumen stehen Ohrensessel und besagte Filzhocker, statt grauen Fluren gibt es Bereiche mit Stehtischen und Kaffeemaschinen. Damit die Mitarbeiter sich orientieren können, haben die Wände in jeder Gebäudeecke eine eigene Signal-Wandfarbe.

Dass deutsche Arbeitnehmer nicht mehr nur von Obstgärten bei Google im fernen Amerika träumen müssen, hat verschiedene Ursachen: Zum einen ist Raumgestaltung Imagesache geworden. Investiert ein Arbeitgeber in dieses Wohlgefühl, steigert das sein Prestige - nach außen wie innen. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass bessere Räume bessere Arbeit ermöglichen. "Der Begriff Arbeitsplatz impliziert nicht umsonst einerseits den konkreten Ort mit Schreibtisch und Stuhl, andererseits aber auch den Job, den Stellenwert und Platz im Unternehmen", sagt Remmers.

Diese Art von Wertschätzung fordern offenbar auch immer mehr Mitarbeiter. Philipp Müller arbeitet für die "Vereinigten Spezialmöbelfabriken". Wenn er für eine Firma das Büro neu planen soll, hört er immer öfter einen Satz: "Wir wollen den besten Arbeitsplatz der Welt, damit wir die besten Leute kriegen." Vor allem für junge, gut ausgebildete Menschen gibt es Faktoren, die über Gehalt und Arbeitsplatzsicherheit hinausgehen: "Die wollen ein tolles Büro, ihren Hund mitbringen und guten Kaffee", fasst es die Internetunternehmerin Verena Pausder zusammen.

Gleichzeitig macht die technische Entwicklung eine neue Gestaltung möglich: Stapel von Dokumenten verbergen sich im Tablet, Präsentationen können mit dem Laptop auf der Couch entworfen werden, Besprechungen über Tausende Kilometer geführt werden. Das ändert die Arbeit. In der Munich Re wurde vor dem Umzug ausgerechnet, dass viele der Plätze 50 Prozent der Zeit unbesetzt sind. Stattdessen sind die Menschen auf Reisen oder in Besprechungen. Die neue Bürowelt soll deshalb beides: Kosten sparen, aber auch Hierarchien aufbrechen. Einfache Angestellte erzählen dem Chef einen guten Vorschlag eher beim zufälligen Treffen an der Kaffeemaschine, als wenn sie dafür an der Tür des Eckbüros klopfen müssen.

Kein Sparkonzept

Der richtige Rahmen für Kommunikation und Kreativität wird längst genau geplant. "Bei größeren Unternehmen gibt es oft eine Stabsstelle und ein externes Planungsbüro", sagt Müller. Auch vor dem Umzug der Munich Re haben sich die dortigen Planer umgesehen: Was hat sich bei anderen bewährt, was ist nur in der Theorie gut? Zudem wurden Mitarbeiter per Mail befragt. "Anfangs gab es durchaus kritische Reaktionen. 'Was, ich soll mein Büro aufgeben?', hat so mancher gefragt", sagt Vorstand Joachim Wenning. "Wir mussten erst einmal vermitteln, dass das kein Sparkonzept ist und keinen Cent günstiger ist, sondern die Arbeitsbedingungen verbessern soll." Anschließend wurden Musterecken gebaut - ein langwieriger, aber notwendiger Prozess. "Erfolgreich sind solche Konzepte immer dann, wenn sie nicht von oben aufgestülpt werden", sagt Einrichter Müller.

Denn: Die Vorstellungen vom perfekten Büro variieren. Der eine braucht es still, der andere hell, der dritte bunt. Bei der Munich Re ist das Ergebnis eine Landschaft mit Rückzugskammern, Besprechungsecken und sogar einer Abteilungsbibliothek. Vorstand Wenning betont, bei schönem Wetter den Laptop mit in den Hof zu nehmen. Auch in der deutschen Zentrale des Kommunikationskonzerns Vodafone soll sich jeder dort niederlassen, wo er am besten erledigen kann, was er machen muss. In der Bibliothek mit Handy-Verbot oder auf der Terrasse mit drahtloser Internetverbindung; auf einem Sofa oder im abgeschirmten Besprechungsraum mit Bildschirm im simulierten Bücherregal, auf den man auch den Kollegen aus London zuschalten kann. Die Arbeit bestimmt den Ort - nicht umgekehrt. "Vorher saß ich zwar auf demselben Gang wie meine Kollegen, aber wir haben uns trotzdem manchmal eine ganz Woche lang nicht gesehen und nur per Mail kommuniziert. In den offenen Büros geht vieles auf Zuruf", sagt Jens Schulte-Bockum, der für Vodafone das deutsche Geschäft verantwortet.