Mini-Putsch Um die Anerkennung des Fantasiestaates kümmerte sich Alexander Gottfried Achenbach

Den Briten war das Abenteuer des Majors nicht ganz geheuer. Bald darauf liefen Schiffe der Marine gen Sealand aus. Der Sohn des selbsternannten Fürsten, Michael Bates, antwortete mit Warnschüssen. Die Briten zogen sich zurück. Der Fall landete vor einem Gericht im britischen Essex. Dort fühlte man sich aber nicht zuständig, weil Sealand außerhalb der Drei-Meilen-Zone und damit der britischen Hoheitsgewässer lag. Seitdem haben die Briten keine ernsthaften Versuche mehr unternommen, die Plattform zurückzuerobern.

Anschließend wollte Sealand, wie man in einem Spiegel-Bericht aus dem Jahr 1978 nachlesen kann, vieles sein: Das Fürstentum wollte Briefkastenfirmen anlocken, die virtuelle Heimat von Schiffen werden, die unter Billigflagge fahren, und sich "als Steuer-, Spieler-, Spekulanten-Oase, schließlich als Makler-Metropole und als Holding-Heimat" etablieren. Kühne Träume, von denen die meisten sich zerschlugen.

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Um die Anerkennung des Fantasiestaates kümmerte sich Alexander Gottfried Achenbach, ein Wirtschaftswissenschaftler und Geschäftsmann. Er beantragte Mitte der Siebzigerjahre in seiner Heimatstadt Aachen, dass er seine deutsche Staatsbürgerschaft abgeben kann - und dass stattdessen die sealändische anerkannt wird. Was die deutschen Behörden und Gerichte aber ablehnten.

Sie aßen Fisch und tranken Regenwasser

Damals hatte das Fürstentum mehr als 100 Anhänger, von denen sich bis zu 30 gleichzeitig auf der Plattform aufhielten. Sie ernährten sich von Konserven, die ein Hubschrauber brachte, von gefangenem Fisch und tranken das Regenwasser, das sie in Tonnen sammelten. Viele von ihnen waren deutsch. Manche nannten Sealand deswegen auch "Little Germany". Achenbach hatte große Expansionspläne für Sealand. Als ein Reporter des Südwestfunks ihn 1978 fragte, wie denn die Zukunft des Fürstentums aussehe, antwortete er, es gehe um "die Ausnutzung der Privilegien, die ein Staat mit sich bringt". Die von ihm maßgeblich geprägte Verfassung lässt erahnen, was er damit meinte. Denn Steuern sollten auf Sealand eine eher untergeordnete Rolle spielen. Steuergesetze gab es zwar, aber die Vermögen- oder Erbschaftsteuer waren in seinem Entwurf nicht vorgesehen.

Achenbach schickte die Verfassung an 150 Staaten der Erde und an die UNO, mit der Bitte um Anerkennung. Im völkerrechtlichen Sinne aber fehlen Sealand drei maßgebliche Dinge: Staatsgebiet, Staatsgewalt und Staatsvolk. In den 70ern urteilte ein Kölner Verwaltungsgericht, dass die Plattform kein Teil der Erdoberfläche sei und dass es an einem Gemeinschaftsleben fehle. Außerdem sei die Plattform aufgrund des Mini-Formates kein auf Dauer geeigneter Lebensraum.

Auf Sealand sah man das anders. Ende der Siebzigerjahre entwarf ein deutscher Architekt Pläne dafür, wie man das künstliche Reich erweitern könnte. Auf einem Neubau neben der Plattform sollten eine Spielbank, ein Volksplatz mit Bäumen, ein Duty Freeshop, eine Bank, eine Post, ein Hotel, ein Restaurant und Appartements entstehen. Leichte Waffen sollten eingebaut werden und im Notfall mögliche Angreifer vertreiben. Sicher ist sicher.

Achenbach gründete nach seiner Freilassung eine Exilregierung in Belgien

Im Jahr 1978 kam es dann zum Eklat. Als Fürst Roy und seine Frau im August des Jahres einige Tage in Salzburg verbrachten, um geschäftliche Dinge zu erledigen, putschte Achenbach gemeinsam mit ein paar Holländern gegen den Herrscher. Die Putschisten nahmen den Sohn des Fürsten als Geisel und behaupteten, Roy Bates hätte vorgehabt, das Fürstentum Sealand in Salzburg zu verkaufen. Fürst Roy aber scharrte treue Anhänger um sich, engagierte mehrere bewaffnete Männer und kam per Hubschrauber auf die Insel geflogen, am Steuer ein Pilot, der angeblich ein James-Bond-Stuntman gewesen sein soll. Jedenfalls eroberte der abgesetzte Herrscher Sealand zurück. Während die Holländer gemäß der Genfer Konvention frei kamen, hockte Achenbach als Bürger - und nun "Kriegsgefangener" - von Sealand vier Monate lang in einem Zimmer im Nordturm.

Die Briten scherte das nicht, sie beteuerten, nicht zuständig zu sein. Deutschland wiederum schickte einen Konsularbeamten aus der Botschaft in London, um Achenbach zu helfen - schließlich war er ja, jedenfalls nach deutschem Recht, ein Bürger der Bundesrepublik. Fürst Roy wertete diesen Besuch auf seine Weise: Das Fürstentum werde dadurch faktisch anerkannt.

SZ-Grafik

Achenbach gründete nach seiner Freilassung eine Exilregierung in Belgien. Und trennte sich, nach allem, was man weiß, bis zu seinem Tod vor etwa einem Jahr, nicht von der Idee, Teil Sealands zu sein.

Verrückt? Vielleicht.

Womit Achenbach in dieser Zeit sein Geld verdiente, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Aber irgendwann lernte er Helmut Gaensel kennen, einen Hobby-Schatzsucher aus Tschechien, der vor Gericht einmal gesagt haben soll, CIA-Agent gewesen zu sein. Gemeinsam wurden sie Ende der 90er Direktoren der Briefkastenfirma Sealand Trade Development Authority Ltd., deren Hauptsitz auf den Bahamas war. So steht es in den Panama Papers. Mit dieser Firma wollten sie offenbar eine Zweigstelle in Sealand eröffnen.

Verrückt? Vielleicht. Anscheinend entschied man sich dann auch zunächst für eine praktikablere Aktion, für ein Bankkonto in Slowenien, auf dem sich zeitweise zwölf Millionen Mark befanden, umgerechnet etwa sechs Millionen Euro. Die Bank allerdings hatte den Verdacht, es könne Geldwäsche im Spiel sein, die Transaktionen erschienen ihr merkwürdig, und sie meldete das Konto noch im selben Jahr den Behörden. So berichteten es damals slowenische Medien. Im März 1997 zogen die Behörden das Geld vorsorglich ein. Acht Jahre kämpfte Achenbach darum. Im Jahr 2005 entschied der Oberste Gerichtshof schließlich, er müsse die sechs Millionen Euro wieder zurück erhalten, weil man ihm die Geldwäsche nicht nachweisen könne.

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Einen Monat zuvor, das lässt sich den Panama Papers entnehmen, reiste Helmut Gaensel auf die Bahamas und besuchte das dortige Büro von Kanzlei Mossack Fonseca (Mossfon). Er bat um eine Kopie der Firmendokumente von Sealand Trade Development Authority Ltd., die Originale seien leider bei einer Flut verloren gegangen, erklärte er den Mitarbeitern. Auf den Bahamas kam er mit dem Anliegen allerdings nicht weiter, weil die Firma von der Niederlassung in Tschechien verwaltet wurde. Zwei Tage später tauchte er offenbar erneut in dem Büro auf den Bahamas auf. Dieses Mal erfragte er den Preis für drei neue Briefkastenfirmen, die wahlweise auf Panama, den Bahamas oder den Britischen Jungferninseln liegen sollten.