Mini-Putsch Wie ein Ex-Diamantenhändler versuchte, eine Schein-Welt zu erobern

Sealand, ein Relikt aus dem 2. Weltkrieg.

Sie blieb aus dem Zweiten Weltkrieg zurück: eine kleine Plattform vor der britischen Küste. Dann kam ein Mann aus Deutschland und wollte die Macht.

Von Katrin Langhans

Auf keiner Weltkarte und in keinem Geografiebuch verzeichnet, steht mitten in der Nordsee der kleinste selbst ernannte Staat der Welt: eine künstliche, stählerne Insel auf zwei Stelzen aus Beton. Um ihn herum nur Wasser und Wind. Im Osten der weite Horizont, im Westen etwa 13 Kilometer entfernt das britische Festland. Die Plattform liegt bei gutem Wetter 20 Meter über den Nordseewellen und ist kleiner als ein Fußballfeld. Das Fürstentum Sealand, wie seine Bewohner es nennen, besitzt eigene Pässe, eine eigene Währung und sogar eine eigene Verfassung.

Mit dem Pass können die Sealander offiziell nicht verreisen, mit den Münzen außerhalb des Fürstentums, außerhalb dieser schmalen Plattform, nicht mal eine Birne oder einen Apfel kaufen, und ihre Verfassung ist von keinem Staat der Welt diplomatisch anerkannt.

Für die einen ist das Fürstentum ein alternatives Lebensprojekt mit Robinson-Crusoe-Feeling. Für die anderen ein Ort, an dem ein paar Irre versuchen abgekapselt von staatlichen Verpflichtungen, wahlweise ein Steuer-, Spiel- oder Serverparadies zu schaffen. Sealand existiert, wenn man so will, nur für die Sealander selbst.

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Ein Relikt aus dem 2. Weltkrieg

Für Menschen also wie Alexander Gottfried Achenbach, einen ehemaligen Diamantenhändler aus Aachen, der 1975 auf die Plattform vor der britischen Küste zog. Der an einer Verfassung für den Fantasiestaat mitschrieb. Der schnell zum Premierminister aufstieg, und der dann, nach einem Putsch im Jahr 1978 gegen den eigentlichen Herrscher von Sealand, Fürst Roy, im Gefängnis Sealands saß, verurteilt von den selbst ernannten Richtern der Mikronation. Später gründete er, verstoßen von der Plattform, eine Exil-Regierung, um das Fürstentum zurückzuerlangen. Jahrelang kämpfte Achenbach um Sealand. Ende der 90er wurde er auch Direktor einer Briefkastenfirma, die den Namen des selbsternannten Fürstentums trug: Sealand Trade Development Authority Limited. Ein Zweck dieser Firma: Sie sollte eine Zweigstelle auf Sealand gründen.

Es verwundert einen nicht wirklich, dass diese Firma auch in den Panama Papers auftaucht. Und dass Mossack Fonseca, die Kanzlei aus Panama-Stadt, sich offenbar auf dieses Spiel einließ: auf die Gründung einer Firma, deren Direktor ein Mensch mit dem Diplomatenpass Nr. C 000002 der "Principality of Sealand" ist. Ein Mann, der offenbar Briefe mit den sonst von niemandem anerkannten Briefmarken des Fürstentums Sealand verschickt. Und der als offizielle Adresse, neben anderen, auch diese angibt: Principality of Sealand, West 4.

Sealand, diese rostige Plattform, auf der das selbst ernannte Fürstentum liegt, ist ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg. Die britische Admiralität nutzte den "Roughs Tower" als Flak-Stützpunkt, um sich gegen deutsche Luftangriffe zu wappnen. Damals lebten 200 Soldaten in den Betonsäulen, in Zimmern, die bis zu acht Meter tief unter dem Meeresspiegel lagen. Nach dem Kriegsende stand die Plattform zwei Jahrzehnte leer. 1967 kam der ehemalige britische Major Paddy Roy Bates auf die Idee, die herrenlose Plattform zu erobern, um dort einen Piratenradiosender zu errichten. Er besetzte die Plattform, hisste eine Flagge, rot, weiß, blau, taufte das Land Principality of Sealand und ernannte sich zum Fürsten. Paddy Roy Bates alias Fürst Roy zog mit seinem Sohn Michael und seiner Frau Joan dauerhaft auf der Plattform ein. Einen irischen Radiopiraten, der ihm die Plattform streitig machen wollte, schlug er mit Benzinbomben in die Flucht.