EU-Vergleich Beim Mindestlohn ist Deutschland Mittelmaß

2018 bleibt der Mindestlohn in Deutschland mit 8,84 Euro die Stunde unverändert.

(Foto: dpa)
  • Mit einem Mindestlohn von 8,84 Euro die Stunde liegt Deutschland, verglichen mit anderen westeuropäischen Ländern, am unteren Rand, zeigt eine Studie.
  • Der deutsche Mindestlohn sei gemessen am allgemeinen Lohnniveau im Land "moderat", stellten die Forscher fest.
  • Die Wissenschaftler untersuchten auch, welchen Stellenwert der Mindestlohn im Vergleich zu anderen Löhnen hat. Auch hier liegt Deutschland eher im Mittelfeld.
Von Thomas Öchsner

9,88 Euro in Frankreich, 9,47 Euro in Belgien, 9,68 Euro in den Niederlanden - 19 der 22 EU-Länder haben ihren Mindestlohn zum Jahresanfang oder im Laufe des Vorjahres erhöht. In Deutschland blieb er mit 8,84 Euro die Stunde 2018 unverändert. Mit diesem Wert liegt Deutschland am unteren Rand der westeuropäischen Spitzengruppe. Dies geht aus einer Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Der deutsche Mindestlohn sei auch gemessen am allgemeinen Lohnniveau im Land "moderat", stellten die Forscher fest.

Deutschland ist dem WSI-Report zufolge das einzige EU-Land, in dem der Mindestlohn nur alle zwei Jahre angepasst wird. Auch deshalb hätten zum Mindestlohn beschäftigte Arbeitnehmer zuletzt einen leichten Reallohnverlust hinnehmen müssen. Ihre Kaufkraft ist demnach nach Abzug der Teuerungsrate gesunken.

Spitzenreiter im europäischen Vergleich bleibt - mit weitem Abstand vor Frankreich - das Großherzogtum Luxemburg. Dort beträgt der Mindestlohn bereits seit dem vergangenen Jahr 11,55 Euro. In Deutschland wird die Mindestlohnkommission im Juni 2018 über eine mögliche nächste Erhöhung entscheiden. Sie orientiert sich dabei an der Entwicklung der Tariflöhne. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes könnte die Lohnuntergrenze von 2019 an um 35 Cent auf 9,19 Euro steigen.

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Besonders stark wurden die Lohnuntergrenzen in mittel- und osteuropäischen EU-Staaten erhöht. In Rumänien wurde der Mindestlohn sogar um 52 Prozent angehoben, allerdings von einem extrem niedrigen Ausgangsniveau. Er liegt nun bei 2,50 Euro. Zum Vergleich: In Polen müssen Unternehmen mindestens 2,85 Euro bezahlen, in Griechenland 3,39 Euro und in Spanien 4,46 Euro. Legt man zu Grunde, was die Menschen für Produkte und Dienstleistungen für die tägliche Lebenshaltung bezahlen müssen, sind die Unterschiede zwischen den EU-Ländern mit sehr niedrigem Mindestlohn (Baltikum, Rumänien, Bulgarien) und den nordwesteuropäischen Ländern mit relativ hohem Mindestlohn aber nicht mehr so groß.

13 Länder kamen auf höhere Werte

Die Wissenschaftler untersuchten auch, welchen Stellenwert der Mindestlohn im Vergleich zu anderen Löhnen hat. Das zeigt ein Blick auf den Medianlohn, also dem Verdienst, der genau in der Mitte der Verteilung liegt, bei dem die eine Hälfte der Erwerbstätigen mehr und die andere Hälfte weniger verdient. Auch hier bewegt sich Deutschland im Mittelfeld. In Deutschland lag der Mindestlohn 2016 bei knapp 47 Prozent des Medianlohns. 13 EU-Länder kamen auf höhere Werte, allen voran Frankreich, aber auch Portugal oder Polen.

"Ohne Unterstützung durch ein starkes Tarifvertragssystem" könne der Mindestlohn auf sich allein gestellt wenig helfen, die Beschäftigung zu Niedriglöhnen einzudämmen, schreiben die Autoren der Studie, Thorsten Schulten und Malte Lübker. Daher seien weitere Maßnahmen notwendig, die Tarifbindung zu stärken. Union und SPD streben dies in der Pflege an, wenn es zu einer neuen Großen Koalition in Berlin kommen sollte.

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