Im Streit über den Mindestlohn hat die große Koalition ihr ursprüngliches Ziel aus den Augen verloren. Nach zwei Jahren Dauer-Querelen hat man sich lediglich auf "ein bisschen" Mindestlohn verständigt.
Interessieren sich drei, fünf, sieben oder doch zwölf Branchen für den Mindestlohn? Sind es nur Förster und Wäschereien oder auch Friseure und Fleischer? Geht es um eine halbe Million Menschen oder um zwei Millionen? Dies sind die zentralen Fragen, auf die sich der Mindestlohn-Streit zwischen SPD und Union derzeit verengt hat - und dies offenbart, wie armselig das Ergebnis einer mehr als zwei Jahre währenden Debatte der Großkoalitionäre ist. Denn in ihrem Ehrgeiz, im Streit um Lohnuntergrenzen so wenig wie möglich von der eigenen Position preiszugeben, haben SPD, CDU wie CSU ihr ursprüngliches Ziel völlig aus dem Blick verloren.
Anzeige
Als die Parteien über Hungerlöhne und Niedrigverdiener zu streiten begannen, stimmten sie überein, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Friseure in Sachsen oder Kellner in Thüringen nur drei oder vier Euro in der Stunde verdienen. Trotz dieser Übereinstimmung, die nach wie vor von der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über den Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) bis zu Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) vorhanden ist, hat sich an der Situation bis heute nichts geändert. Das liegt daran, dass SPD und Union über ihren Minimalkonsens nicht hinausgekommen sind. Die Parteien haben sich nie darauf verständigt, ob sie im Kampf gegen Niedriglöhne "ja" oder "nein" zum Mindestlohn sagen. Die Sozialdemokraten würden am liebsten eine allgemeine gesetzliche Untergrenze einführen. Das will aber die Union nicht. CDU und CSU würden die Niedrigverdienste von Friseuren, Kellnern und Fleischern lieber über staatliche Zuschüsse aufbessern. Diese Kombilöhne will wiederum die SPD nicht.
Die von Beginn an verfahrene Situation haben die Koalitionäre aufzulösen versucht, indem sie die Grundsatzfrage offenließen und sich stattdessen für "ein bisschen" Mindestlohn entschieden. Gemäß einem Kompromiss vom vergangenen Sommer soll es daher - anders als in etlichen Staaten - in Deutschland zwar keine allgemeine Lohnuntergrenze geben, in einzelnen Branchen sollen Mindestlöhne aber möglich sein. Bereits in den zurückliegenden Wochen hätten die Konflikte über die Lohnuntergrenze für Briefdienste die Koalitionäre lehren können, dass sie sich damit für die schädlichste Variante entschieden haben: Der Post-Mindestlohn wird für Entlassungen verantwortlich gemacht, er hat womöglich eine dubiose Gewerkschaft hervorgebracht, er verletzt vielleicht wichtige Prinzipien der Tarifautonomie, und all dies beschäftigt inzwischen verschiedene Gerichte.
Ähnliches dürfte sich bald in anderen Branchen abspielen, denn SPD und Union lassen sich nicht belehren, sie bleiben stur, damit keine Seite ihr Scheitern eingestehen muss. Und dazu ist eineinhalb Jahre vor der Bundestagswahl in dem ideologisch aufgeladenen Konflikt keiner bereit. Also werden Scholz, Glos und Co. die nächsten Monate weiter an Scheinlösungen feilen; sie werden um Kompromisse auf der Basis ihrer Kompromisse ringen; und sie werden um kleine Punktsiege in der langen Mindestlohn-Schlacht möglichst viel Wind machen - auf dass nur niemand merkt, dass ihnen die Fähigkeit fehlt, auf die wirklich wichtigen Fragen gemeinsame Antworten zu finden.
Diese Fragen stellen sich aber weiter: Dürfen Unternehmer in Deutschland menschenverachtende Löhne zahlen? Sollen regulär Beschäftigte mit ihrem Einkommen auskommen können? Oder soll es normal sein, dass der Staat und damit die Solidargemeinschaft auf niedriges Einkommen etwas drauflegt? Die Linken um Oskar Lafontaine und Gregor Gysi werden im nächsten Wahlkampf den Eindruck erwecken, sie hätten die perfekten Lösungen parat. Union und SPD hätten theoretisch noch genug Zeit, es nicht so weit kommen zu lassen. Derzeit sieht aber alles danach aus, dass sie diese Chance verpassen.
- Scholz und der Mindestlohn Immer schön bei der Sache bleiben 31.03.2008
- SPD: Die Probleme des Olaf Scholz Watschenmann - die Arbeit des Ministers 31.03.2008
- Entsendegesetz Sieben weitere Branchen wollen Mindestlohn 31.03.2008
- Meldefrist endet Union fordert Verzicht auf Mindestlohn-Gesetz 31.03.2008
- Streit über Mindestlöhne Schwierige Grenzziehung 27.03.2008
(SZ vom 01.04.2008/mel)
http://www.destatis.de/jetspeed/portal/
cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/
Statistiken/VerdiensteArbeitskosten/Tarifverdienste/Mindestloehne/
Tabellen/Content75/TariflohnEuropa,templateId=renderPrint.psml
In GB wurden 2007 1.361 Euro Mindeslohn bezahlt. Warum geht das dort und nicht bei uns?
Es werden immer mehr Menschen in den Niedriglohnsektor gedrückt!
Die 20 % Elite will unter sich bleiben. Wenn die Alten später, weil ihnen das Geld für eine gute Kapitalanlage gefehlt hat, verarmt sind, und die Medikamente und medizinischen Leistungen nicht mehr bezahlen können, erledigt sich auch das Problem mit den "Rentner" von ganz allein.
Leute, die diese Gefahr erkennen und dagegen kämpfen, werden von der Wirtschaftselite als "Gutmenschen" beschimpft.
Hierzu folgende Links aus den Nachdenkseiten Punkt 3 und Punkt 10:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=3110
Da entlarvt sich diese angebliche Elite selbst.
"Anmerkung WL: Wolfgang Franz ist vom Bundeswirtschaftsministerium bis 2013 zu einem der Wirtschaftsweisen erkoren. Nach diesem Beitrag können Sie sich selbst ein Bild machen, auf welchem Niveau in diesem Sachverständigenrat diskutiert wird. Er ist Präsident des ZEW, man kann sich also auch ausmalen, welcher Geist in diesem Wirtschaftsforschungsinstitut weht."
http://www.boeckler.de/pdf/wsimit_2008_03_bispinck.pdf
Selbst in der inzwischen von allen Personalabteilungen gepriesenen Kontakt-Plattform Xing, in der sich vorwiegend Akademiker und Angestellte von in die Kritik geratenen Unternhmen tummeln, liest man inzwischen massenhaft kritische Kommentare zu diesen Themen.
http://www.xing.com/
Es ist doch interessant, daß die Mehrheit der Bevölkerung für den Mindestlohn ist.
Nur die 20 % ganz oben befürchten, einige Milliarden weniger in die Tasche oder auf die Inseln verschwinden lassen zu können.
Ich erwarte von der SPD, daß sie darauf besteht, daß der Koalitionsvertrag eingehalten wird, in dem steht, daß der Mindestlohn eingeführt wird!
Alles andere wäre Wahlbetrug!
(PS: Ich persönlich halte Xing für sehr fragwürdig und ein verstecktes Netzwerk der INSM, in dem persönliche Profile durchleuchtet werden können - Es ist aber trotzdem wichtig, daß man sich dieses ganz genau betrachet. Wer mit wem....ist schon interessant!)
Immerhin noch bedeutend grösser als der Fortschritt, der etwa bei
Bürokratie-Abbau,
Vereinfachung des Steuersystems,
Subventionsabbau,
Zukunftssicherung sozialer Systeme
gemacht wurde.
Es ist doch ein unehrliches, hinterhältiges Spiel, das die Union da in der Großen Koalition treibt. Im Koalitionspapier ist klar vereinbart, dass es ein Mindestlohn-Gesetz geben solle, um der Preisdrückerei und der Benachteiligung der im Niedriglohnsektor Beschäftigten ein Ende zu bereiten.
Dass seitens der Wirtschaft kein Interesse an Mindestlöhnen besteht, kann man sich an fünf Fingern abzählen. Und dass dies auch kein Kriterium sein kann, um Mindestlöhne zu verhindern, steht ebenso fest.
Noch werden die Gesetze im Bundestag gemacht und nicht von der Kanzlerin oder deren Einflüsterern in der Wirtschaft.
Die Bundestagsfraktionen, die flächendeckend Mindestlöhne wollen, sollten dies jetzt ganz offensiv angehen, um der Bevölkerung und insbesondere der Arbeitnehmerschaft klarzumachen, wer für ihre Interessen steht und wer für die Unternehmer-Lobby im Parlament arbeitet.
Dabei darf sich die SPD nicht zieren, gemeinsam mit der Linken dieses hochpolitische Ziel im Sinne der sozialen Gerechtigkeit durchzusetzen.
Geschieht dies nicht bis zur Bundestagswahl 2009, darf man sich nicht wundern, wenn das Potenzial der Protest- und Nichtwähler alle bisherigen Prognosen nach oben sprengen wird.
In 15 Jahren ist der Mindestlohn 2,10 Euro...
Paging